Gesetzliche Krankenversicherung, Private Krankenversicherung

Kassenärzte weisen Merz-Vorstoß zu Privatpatienten zurück

Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 11:45 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWS

KBV-Chef Andreas Gassen kritisiert die Debatte über eine Gerechtigkeitslücke zwischen Privat- und Kassenpatienten. Zugleich warnt er vor Folgen des geplanten Sparkurses für Arztpraxen und gesetzlich Versicherte.

Kassenärzte weisen Merz-Vorstoß zu Privatpatienten zurück
Ärztehaus (Archiv) - Bild: via dts Nachrichtenagentur

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, weist die Kritik von Bundeskanzler Friedrich Merz am Umgang mit Privat- und Kassenpatienten zurück. Gassen warnt zugleich, dass der geplante Sparkurs der Bundesregierung die ambulante Versorgung gesetzlich Versicherter ab 2027 unter Druck setzen könnte.

Gassen kritisiert Vorstoß von Merz

„Es ist offenbar der Ausdruck einer gewissen politischen Orientierungslosigkeit, wenn der Bundeskanzler nun plötzlich eine vermeintliche Gerechtigkeitslücke zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung entdeckt“, sagte Gassen der „Rheinischen Post“.

Eine solche Lücke werde künftig möglicherweise erst entstehen, weil die Bundesregierung mit ihrem Spargesetz ab 2027 rund drei Milliarden Euro in der ambulanten Versorgung gesetzlich Versicherter streiche. Die Politik zwinge die Praxen dadurch, ihre Abläufe und ihr Leistungsangebot anzupassen, kritisierte der KBV-Chef.

KBV sieht keine qualitativen Unterschiede

„Bisher gab es in Deutschland keine qualitativen Unterschiede in der Versorgung gesetzlich und privat Versicherter“, sagte Gassen weiter. Bei den häufig beklagten Unterschieden gehe es vielmehr um Komfort, etwa bei der Terminvergabe.

Eine schnelle Terminvergabe für gesetzlich Versicherte bei medizinisch dringenden Fällen befürwortet Gassen ausdrücklich. Dafür gebe es schnell umsetzbare Vorschläge, die der Bundesgesundheitsminister lediglich aufgreifen müsse.

Warnung vor Abschaffung der privaten Krankenversicherung

Eine Abschaffung der privaten Krankenversicherung lehnt der KBV-Chef ab. Das sei bislang eher eine Forderung der politischen Linken gewesen; die damit verbundenen rechtlichen, finanziellen und zeitlichen Hürden seien eigentlich unüberwindlich, sagte Gassen.

Der Streit berührt zwei Ebenen des deutschen Gesundheitswesens: den Zugang zu Arztterminen und die Finanzierung der ambulanten Versorgung. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte das Nebeneinander von gesetzlicher und privater Krankenversicherung als mögliches Gerechtigkeitsproblem bezeichnet, weil privat Versicherte nach seiner Darstellung häufig schneller Leistungen erhalten. Konkrete Reformschritte nannte er zunächst nicht.

Andreas Gassen widerspricht der Vorstellung, dass gesetzlich und privat Versicherte grundsätzlich qualitativ unterschiedlich behandelt würden. Er unterscheidet zwischen der medizinischen Versorgung und Komfortfragen wie Terminvergabe oder Erreichbarkeit. Seine Argumentation verknüpft die Debatte zudem mit dem geplanten Sparkurs: Werden der ambulanten Versorgung ab 2027 rund drei Milliarden Euro entzogen, könnte dies den Druck auf Praxen erhöhen und den Zugang für gesetzlich Versicherte erschweren.

Terminvergabe und Finanzierung im Zentrum

Damit stehen sich zwei politische Ansätze gegenüber. Merz stellt eine stärkere Orientierung am medizinischen Bedarf und eine wirkungsgleiche Einbeziehung der privaten Krankenversicherung in Entscheidungen der gesetzlichen Kassen in Aussicht. Gassen fordert dagegen kurzfristig umsetzbare Regelungen für dringliche Termine und warnt vor einer Abschaffung der privaten Krankenversicherung, die nach seiner Einschätzung erhebliche rechtliche, finanzielle und zeitliche Hürden hätte.

Für Patienten dürfte entscheidend sein, ob Reformen tatsächlich die Wartezeiten verringern, ohne die Zahl verfügbarer Praxisleistungen zu senken. Die Debatte wird deshalb nicht nur über Versicherungsmodelle geführt, sondern auch über Honorarregeln, Praxisbudgets, Patientensteuerung und die Frage, wie die ambulante Versorgung künftig finanziert wird.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

tagesschau: „Merz tritt Debatte über Krankenkassen los“ (21.09.2026)

Der Beitrag ordnet Merz’ Äußerungen als Anstoß für eine neue Debatte über das duale Versicherungssystem ein und stellt heraus, dass der Kanzler keine Details nannte. Zugleich werden die Klarstellung des Kanzleramts sowie Reaktionen aus Politik, Patientenschutz, Ärzteschaft und privater Krankenversicherung gegenübergestellt.

n-tv: „Merz will an die private Krankenversicherung ran - n-tv.de“ (22.09.2026)

n-tv legt den Schwerpunkt auf die nachträgliche Einordnung der Kanzler-Aussage durch die Regierungssprecherin und auf Merz’ Forderung, Reformen der gesetzlichen Krankenversicherung wirkungsgleich auf die private Versicherung zu übertragen. Anders als die dts-Meldung, die Gassens Zurückweisung in den Mittelpunkt stellt, beleuchtet der Artikel vor allem die offene Frage, welches konkrete Modell Merz anstrebt.

Beide Beiträge bestätigen den politischen Ausgangspunkt der Debatte und die fehlenden konkreten Reformdetails. Der dts-Bericht ergänzt dazu den Widerstand der KBV und die Warnung vor den Folgen möglicher Einsparungen für die ambulante Versorgung.

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