Familie statt Fraktion: Abrupter Sturz eines Aufsteigers
Veröffentlicht: 18.07.2026 um 16:40 Uhr, dpa.dePolitisch ging es für Jens Spahn zuletzt aufwärts, doch eine private Entscheidung bringt ihn jetzt abrupt zu Fall. «Eines ist mir in den letzten Tagen immer klarer geworden: Meine Familie ist mir das Wichtigste» – mit diesen Worten verabschiedet Spahn sich als Unionsfraktionsvorsitzender nach nur 14 Monaten im Amt.
Der Druck auf den 46-jährigen CDU-Politiker aus der eigenen Partei war in den vergangenen Tagen massiv gewachsen. Der Grund: Er hat privat anders gehandelt als er es politisch mit entschieden hat - und das bei einer für die Union emotional sehr aufgeladenen Frage: Spahn und sein Mann Daniel Funke hatten sich entschieden, Eltern zu werden und dafür die Hilfe einer Leihmutter in den USA in Anspruch genommen. Damit umging er ein in Deutschland geltendes Verbot.
Sturz vom höchsten Punkt seiner Karriere
Spahns Sturz kommt auf dem bisherigen Höhepunkt seiner politischen Karriere, von der manche sagen, dass sie ihn noch ins Kanzleramt hätte führen können. Nach Anlaufschwierigkeiten hatte er seine Position an der Spitze der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zuletzt gefestigt und sich als wohl mächtigster Mann der CDU neben Bundeskanzler Friedrich Merz etabliert.
Mit einem Wahlergebnis von 91,3 Prozent war es im Mai 2025 vielversprechend losgegangen. Doch nur zwei Monate nach Spahns Start als Fraktionschef platzte die Wahl der Rechtswissenschaftlerin Frauke Brosius-Gersdorf zur Richterin am Bundesverfassungsgericht. Das wurde Spahn angelastet, weil er den Widerstand in der eigenen Fraktion nicht rechtzeitig erkannte.
Aus der Bahn werfen ließ sich Spahn davon aber nicht. «Es braucht ziemlich viel, um mich umzuhauen», sagt der CDU-Politiker aus dem westfälischen Münsterland. Das hat er auch schon auf anderen politischen Tiefpunkten bewiesen. Zum Beispiel bei der Affäre um den Kauf von Corona-Masken, die ihn bis in diese Legislaturperiode verfolgte.
Beharrungsvermögen in Krisenzeiten
Sein Beharrungsvermögen in Krisenzeiten hat ihn letztlich für weitere Aufgaben gestählt. Spahn ist 46, sitzt aber schon mehr als sein halbes Leben im Bundestag. 2002 wurde der Westfale mit 21 Jahren als damals jüngster Abgeordneter der Union ins Parlament gewählt, dem er nun schon fast ein Vierteljahrhundert angehört.
Von 2017 bis 2021 war Spahn Gesundheitsminister unter der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und nach dem Wahlsieg der Union im Februar 2025 auch als Wirtschaftsminister im Gespräch. Merz machte ihn aber zum noch mächtigeren Fraktionschef. Und das, obwohl er schon vorher den einen oder anderen Konflikt mit ihm ausgetragen hatte.
Die unbequemere Lösung für Merz
Schon damals war auch der jetzige Kanzleramtschef Thorsten Frei, ein loyaler Merz-Vertrauter, im Gespräch für die Fraktionsspitze. Merz entschied sich aber für die unbequemere Lösung - weil er Frei an seiner Seite in der Regierungszentrale haben wollte.
Nach dem Richterstreit stabilisierte Spahn sich an der Fraktionsspitze, wehrte im Herbst den Aufstand der jungen Rebellen in der Fraktion gegen die Rentenreform ab. Von da an ging es bergauf. Zuletzt hatte Spahn zusammen mit SPD-Fraktionschef Matthias Miersch einen maßgeblichen Anteil am Reformpaket und hatte die Fraktion damit als Machtzentrum neben dem Kanzleramt gestärkt.
Wucht der Empörung unterschätzt
Bei der Leihmutterschaft hat ihn aber offensichtlich sein politischer Instinkt verlassen. Er stützte das Verbot in Deutschland beim Parteitag im Februar, ließ sich als Fraktionschef wiederwählen, ohne darüber zu reden, und erzählte auch dem Kanzler erst vergangene Woche davon.
Die Wucht der Empörung, die das öffentliche Bekanntwerden der Leihmutterschaft entwickelte, unterschätze er komplett. Noch am Freitagnachmittag ging Spahn davon aus, dass er auf Zeit spielend, bis zur nächsten regulären Fraktionssitzung damit durchkommen könne. So trat er jedenfalls im «Bild»-Podcast von Paul Ronzheimer auf. Der Druck war aber schon zu diesem Zeitpunkt zu groß geworden. Merz drängte ihn zum sofortigen Rücktritt, der keine 24 Stunden später folgte. Als «richtig und unvermeidlich» stufte der Kanzler den Schritt ein.
Wie geht es nun weiter mit Spahn?
Ob damit Spahns politische Karriere ganz endet, ist noch offen. Ein Comeback in gehobener Position ist angesichts seines Glaubwürdigkeitsverlusts kaum vorstellbar. Ob er sein Bundestagsmandat behält, ist ebenfalls unklar. Sollte er das tun, würde er auf die Hinterbank rücken, wo mit Ralph Brinkhaus schon ein ehemaliger Fraktionschef sitzt (2018 bis 2022). Sollte er das nicht wollen, bliebe dem gelernten Bankkaufmann der Gang in die Wirtschaft, wo er ebenfalls bestens vernetzt ist. Und ohnehin hat er seine Familie, der er Priorität vor seiner beruflichen Laufbahn eingeräumt hat.
