Demokratieexperimente, Ostbelgienmodell

Historiker Van Reybrouck fordert nach Sachsen-Anhalt neue Demokratieverfahren

Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 13:12 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWS

Der belgische Historiker David Van Reybrouck nimmt das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt zum Anlass, die demokratischen Verfahren grundsätzlich zu hinterfragen und auf neue Beteiligungsformen hinzuweisen. Dabei verweist er auf das Ostbelgienmodell, das bereits international als Vorbild gilt und nach seiner Auffassung auch in Deutschland Anwendung finden könnte.

Historiker Van Reybrouck: Verfahren der Demokratie überprüfen
AfD-Wahlparty am 06.09.2026 - Bild: via dts Nachrichtenagentur

Der belgische Historiker David Van Reybrouck sieht im Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt und im Erfolg der AfD einen Anlass, die Verfahren der Demokratie zu überprüfen. Nach seiner Ansicht zeigt das Ergebnis, was passiert, wenn zu lange versäumt wird, in die Resilienz und Erneuerung der demokratischen Ordnung zu investieren.

Kritik an einer auf Wahlen verkürzten Demokratie

Van Reybrouck warnt davor, Demokratie allein auf den Wahlakt zu reduzieren. Die heute verbreitete repräsentative Demokratie sei nur eine Variante unter vielen historischen und theoretischen Ausprägungen. In der Antike etwa spielten Losverfahren eine zentrale Rolle, um Bürgerinnen und Bürger wechselnd an Verantwortung zu beteiligen und Machtkonzentrationen zu vermeiden.

Aus dieser Tradition heraus engagiert sich der Historiker in Belgien und anderen Ländern für Experimente mit neuen Formen der demokratischen Beteiligung. Sein Ziel ist es, bestehende Institutionen nicht zu ersetzen, sondern sie durch zusätzliche Beteiligungskanäle widerstandsfähiger und anschlussfähiger zu machen.

Ostbelgienmodell als international beachtetes Vorbild

Ausgehend von dieser Kritik war Van Reybrouck an der Entwicklung des sogenannten Ostbelgienmodells beteiligt. Der deutschsprachige Teil Belgiens führte dieses Verfahren bereits vor mehr als zehn Jahren ein. Das Modell verbindet das gewählte Parlament mit einem Rat aus per Los bestimmten Bürgern sowie mit kurzfristigeren Bürgerversammlungen, deren Mitglieder ebenfalls ausgelost werden.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bezeichnet das Ostbelgienmodell inzwischen als Goldstandard institutionalisierter deliberativer Demokratien. Städte wie Aachen, Paris und Brüssel haben dem Beispiel des ostbelgischen Bürgerrats folgend eigene Formate ausgeloster Bürgerbeteiligung eingeführt.

Mögliche Anwendung auf nationaler Ebene und in Deutschland

Van Reybrouck sieht den nächsten Schritt darin, das Ostbelgienmodell erstmals auf nationaler Ebene in einem kleineren europäischen Staat zu verankern. Nach seiner Einschätzung könnte ein deutsches Bundesland ebenfalls mit einem solchen Modell starten und damit neue Wege der demokratischen Beteiligung erproben.

Damit würde die Idee ausgeloster, dauerhaft verankerter Bürgerräte über kommunale und regionale Projekte hinausreichen. Ziel wäre es, demokratische Institutionen robuster zu machen, gesellschaftliche Spannungen frühzeitig aufzugreifen und Entscheidungen stärker an breit diskutierten Empfehlungen von Bürgergremien auszurichten.

Die Äußerungen von David Van Reybrouck fallen in eine Phase, in der Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien in Europa regelmäßig Debatten über die Belastbarkeit demokratischer Institutionen auslösen. Wenn der Historiker das Ergebnis in Sachsen-Anhalt als Signal versteht, die „Resilienz“ der Demokratie zu stärken, zielt er auf die Frage, wie politische Systeme mit gesellschaftlicher Polarisierung umgehen und wie Bürger wieder stärker eingebunden werden können.

Demokratie jenseits von Wahlen

Van Reybrouck kritisiert, dass Demokratie oft mit dem Akt der Wahl gleichgesetzt wird. Damit rückt er eine Diskussion in den Mittelpunkt, die in der Politikwissenschaft seit Jahren geführt wird: Repräsentative Mehrheitsentscheidungen stoßen an Grenzen, wenn Vertrauen schwindet, Parteienmilieus erodieren und komplexe Fragen nicht mehr durch einfache Lagerbildung zu bewältigen sind. Modelle, die Zufallsauswahl und intensive Beratung kombinieren, sollen diesem Defizit begegnen, ohne das parlamentarische System zu ersetzen.

Das Ostbelgienmodell steht dabei exemplarisch für „deliberative Demokratie“: Ausgeloste Bürger beschäftigen sich über längere Zeit mit Themen, hören Expertinnen und Experten und geben Empfehlungen an das gewählte Parlament. Die OECD stuft solche Modelle inzwischen als besonders ausgereifte Formen institutionalisierter Bürgerbeteiligung ein – sie gelten als Ergänzung, nicht als Gegenentwurf zur repräsentativen Demokratie.

Bedeutung für Deutschland

Für Deutschland ist Van Reybroucks Hinweis bedeutsam, weil hier Bürgerräte bislang meist projektbezogen und unverbindlich arbeiten. Die Idee, ein Bundesland könnte ein Ostbelgienmodell aufgreifen, würde den Schritt zu einer dauerhaft verankerten Struktur bedeuten. Dies könnte helfen, politisch frustrierte Gruppen einzubinden, komplexe Konflikte fundierter zu beraten und Parlamente zu entlasten, ohne ihre Entscheidungsbefugnis anzutasten. Zugleich würde sich zeigen, ob solche Verfahren auch in größeren politischen Räumen tragfähig sind und inwiefern sie Wahlergebnisse langfristig beeinflussen.

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