Reiner Haseloff, Sachsen-Anhalt

Haseloff sieht bei AfD-Erfolgen „Suizid politischer Art“ der Bundespolitik

Veröffentlicht am: 08.09.2026 um 19:58 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWS

Ex-Ministerpräsident Reiner Haseloff wirft den Bundesregierungen der vergangenen Jahre vor, den Erfolg von AfD und BSW in Sachsen-Anhalt mitverschuldet zu haben. Er spricht von einem „Suizid politischer Art“ und sieht ein Lager mit Mehrheit, das die Bundesrepublik grundstürzend verändern wolle.

Haseloff: Im Grunde ist da ein Suizid politischer Art am Laufen
Reiner Haseloff (Archiv) - Bild: via dts Nachrichtenagentur

Der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), macht die Bundespolitik mitverantwortlich für den Erfolg der AfD bei der Landtagswahl in seinem Bundesland. In einem Interview mit der Wochenzeitung „Zeit“ sprach der 72-Jährige von einem „Suizid politischer Art“, der bei den Bundesregierungen der vergangenen Jahre im Gange sei.

Haseloff beklagt Verlust des Kontakts zum Volk

Haseloff fordert als Konsequenz eine grundlegend andere Art der politischen Arbeit. Der Kontakt zu ganzen Bevölkerungsgruppen sei verloren gegangen, sagte der langjährige Regierungschef. Deutschland habe sich nach seiner Einschätzung in weiten Teilen zum Nachteil verändert, was sich nun in Wahlergebnissen niederschlage.

Der CDU-Politiker betont dabei die Rolle des Souveräns. „Der eigentliche Staat ist das Volk, der Souverän, und der sagt: Das lassen wir euch nicht durchgehen“, so Haseloff. Die verbreitete Unzufriedenheit mit den politischen Institutionen sei nach seiner Darstellung eine Reaktion auf Entscheidungen der Bundespolitik, die breite Teile der Bevölkerung nicht mehr mittrügen.

CDU-Wechsel in Magdeburg und persönliche Bilanz

Haseloff hatte sein Amt als Ministerpräsident 2025 an seinen Parteikollegen Sven Schulze übergeben. Mit insgesamt 15 Jahren im Amt war er zum Zeitpunkt seines Rückzuges der dienstälteste Ministerpräsident in Deutschland. Der Wechsel an der Spitze der Landesregierung markierte zugleich einen Generationswechsel innerhalb der CDU in Sachsen-Anhalt.

Im Rückblick auf seine Amtszeit und die jüngsten Wahlergebnisse im Land nutzt Haseloff das „Zeit“-Interview, um breitere Verantwortung für die politischen Entwicklungen einzufordern. Seine Kritik richtet sich nicht nur an einzelne Entscheidungen, sondern an die Gesamtlogik der Bundespolitik, die aus seiner Sicht zu weit von den Lebensrealitäten vieler Menschen entfernt sei.

AfD, BSW und ein wachsendes Veränderungslager

Besonders kritisch äußert sich Haseloff über den Schwerpunkt der öffentlichen Debatte auf der AfD allein. Er verweist auf das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), das sich seiner Ansicht nach als „Steigbügelhalter“ der AfD anbiete. Wagenknecht wird in Teilen des politischen Spektrums als „National-Stalinistin“ bezeichnet, wie Haseloff in dem Gespräch aufgreift.

Aus seiner Sicht gehören AfD und BSW zu einem gemeinsamen Lager von Parteien, die das System der Bundesrepublik „grundstürzend verändern“ wollen. Dieses Lager habe, so Haseloff, inzwischen bereits bei drei Wahlen in Sachsen-Anhalt eine Mehrheit erreicht. Konkret nennt er die Europawahl 2024 sowie die Bundestagswahl 2025 und verweist zugleich auf die jüngste Landtagswahl im Bundesland.

Die Aussagen von Reiner Haseloff richten sich gegen einen aus seiner Sicht grundlegenden Vertrauensverlust in die Bundespolitik, der sich in den Ergebnissen jüngerer Wahlen spiegele. Wenn der ehemalige Ministerpräsident von einem „Suizid politischer Art“ spricht, meint er ein selbstverschuldetes Abrücken der politischen Entscheidungsträger von Teilen der Bevölkerung, das aus seiner Sicht radikale Parteien stärkt.

Hintergrund: AfD-Erfolge und neue Protestparteien

In Sachsen-Anhalt verzeichnet die AfD seit Jahren hohe Stimmenanteile, insbesondere in strukturschwachen Regionen mit Abwanderung, niedrigeren Einkommen und starkem Misstrauen gegenüber politischen Institutionen. Hinzu kommt mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) ein weiterer Akteur, der sich explizit als Alternative zum etablierten Parteiensystem positioniert und damit ähnliche Wählergruppen anspricht. Haseloff ordnet beide Kräfte in ein Lager ein, das die Ordnung der Bundesrepublik grundlegend verändern wolle.

Sein Verweis auf mehrere Wahlen, bei denen dieses Lager eine Mehrheit erreicht habe, macht deutlich, dass er die Entwicklung nicht als kurzfristige Protestwelle, sondern als strukturellen Trend sieht. Besonders im Osten Deutschlands wird seit Jahren ein stärkeres Misstrauen gegenüber Bundespolitik, Medien und Institutionen gemessen, was sich in hohen Zustimmungswerten für Systemkritik und populistische Angebote niederschlägt.

Bedeutung für Bund und Länder

Haseloffs Kritik an der „Art, wie wir Politik machen“ zielt auf eine grundlegende Reform politischer Kommunikation und Teilhabe. Wenn er betont, dass „der eigentliche Staat das Volk“ sei, stellt er die Notwendigkeit in den Vordergrund, verlorene Kontakte zu gesellschaftlichen Gruppen wiederherzustellen und deren Erfahrungen – etwa mit wirtschaftlicher Unsicherheit, Migration oder regionalen Strukturproblemen – ernst zu nehmen. Für Regierungen auf Bundes- und Landesebene sind seine Aussagen ein Hinweis, dass rein taktische Abgrenzung von AfD und BSW ohne sichtbare Veränderungen im Alltag der Menschen die politische Lage eher weiter verhärten könnte.

Disclaimer...

de | politik | 70070995 |