Götz Aly warnt vor autoritärer Machtübernahme in Deutschland
Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 13:11 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSAlys Kritik an der NS-Erinnerung
- Götz Aly warnt vor einer erneuten autoritären Machtübernahme in Deutschland.
- Der 79-jährige Berliner Historiker verweist auf die Jahre 1933 bis 1945.
- Nach Alys Darstellung werden durchschnittliche Mitmacher in Gedenkstätten zu wenig berücksichtigt.
- Autoritäre Systeme stützen sich laut Aly auf viele stille und teilweise überzeugte Mitwirkende.
Götz Aly warnt vor autoritärer Machtübernahme
Der Berliner Historiker Götz Aly hält es für möglich, dass in Deutschland erneut ein autoritäres Regime die Macht übernimmt. Eine Wiederholung der Judenvernichtung und der Gaskammern werde sich zwar nicht ereignen, doch Schrecken dieser Art blieben eine menschliche Möglichkeit, sagte der 79-Jährige dem „Zeitmagazin“.
Warnung vor überschätzter Liberalität
Aly erklärte, viele Deutsche überschätzten ihre Liberalität und Aufgeklärtheit. Wer sich seinen Vorfahren moralisch überlegen fühle, solle nicht annehmen, sich in den Jahren 1933 bis 1945 deutlich besser oder widerständiger verhalten zu haben als die damalige Bevölkerung.
Der verdrängte Durchschnittsbürger
Der Historiker kritisierte ein aus seiner Sicht verbreitetes falsches Bild der NS-Jahre. In der Berliner Dauerausstellung „Topographie des Terrors“ würden vor allem SS-Angehörige in Uniformen gezeigt, während der durchschnittliche Deutsche jener Zeit kaum vorkomme.
Auch Gedenkstätten nähmen den durchschnittlichen Mitmacher zu selten in den Blick, sagte Aly. Die Vorstellung, alle seien fanatische Nationalsozialisten gewesen und hätten ununterbrochen den Hitlergruß gezeigt, führe in die falsche Richtung.
Viele kleine Stützen autoritärer Systeme
Autoritäre Systeme benötigten ihre vielen kleinen Stützen, so Aly. Gemeint seien stille Menschen, die teilweise überzeugt mitmachten, über vieles lachten und wegschauten.
Götz Alys Warnung richtet den Blick auf eine zentrale Frage der deutschen Erinnerungskultur: Wie entsteht autoritäre Herrschaft im Alltag, und welche Rolle spielen dabei nicht nur überzeugte Extremisten, sondern auch Anpassung, Wegsehen und opportunistische Zustimmung? Sein Hinweis auf den „deutschen Normalo“ verschiebt die Perspektive von den sichtbaren Funktionären und Tätern auf jene breite gesellschaftliche Mitte, die Institutionen stabilisieren oder ihren Abbau hinnehmen kann.
Historisch verweist diese Sicht auf die Funktionsweise des Nationalsozialismus. Diktaturen bestehen nicht allein aus Führung und organisierter Gewalt, sondern benötigen Verwaltung, wirtschaftliche Kooperation, soziale Routinen und die Bereitschaft vieler Menschen, politische Ausgrenzung hinzunehmen. Eine solche Betrachtung entlastet die Verantwortlichen nicht; sie erklärt vielmehr, warum autoritäre Systeme auch in Gesellschaften mit vorhandenen Rechtsstaatstraditionen Handlungsspielräume gewinnen können.
Erinnerung und demokratische Wachsamkeit
Für die Gegenwart liegt die Bedeutung der Debatte deshalb weniger in einem direkten historischen Vergleich als in der Aufmerksamkeit für schleichende Veränderungen: die Abwertung von Minderheiten, die Geringschätzung unabhängiger Institutionen, die Normalisierung politischer Gewalt und die Bereitschaft, Freiheitsrechte zugunsten vermeintlicher Ordnung preiszugeben. Demokratische Stabilität hängt nicht nur von Verfassungsorganen ab, sondern auch davon, ob Bürger, Behörden, Medien und Verbände solchen Entwicklungen widersprechen.
Alys Kritik an der Darstellung der NS-Zeit berührt zudem die Vermittlung in Gedenkstätten und Schulen. Eine differenzierte Erinnerung muss Täter, Mitläufer, Profiteure, Zuschauer und Verfolgte zugleich sichtbar machen. Gerade dadurch wird verständlich, dass autoritäre Systeme nicht ausschließlich durch fanatische Minderheiten getragen werden, sondern durch viele alltägliche Entscheidungen.
