Gaskraftwerke: Umweltverbände kritisieren 12-Milliarden-Umlage
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 17:52 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSFörderung verteilt sich auf Kraftwerksprojekte
- Die Bundesnetzagentur gab am Dienstag Zuschläge für Gaskraftwerke im Rahmen des StromVKG bekannt.
- In den ersten beiden Ausschreibungsrunden werden jeweils 4,5 Gigawatt gefördert.
- Für Mai 2027 ist eine weitere Ausschreibung über 2 Gigawatt geplant, an der auch Speicher teilnehmen können.
Umweltverbände kritisieren StromVKG-Zuschläge
Umweltverbände kritisieren Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) für die Umlage, mit der Stromkunden für neue Gaskraftwerke zahlen sollen. Am Dienstag wurden Zuschläge für Gaskraftwerke im Rahmen des sogenannten Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätsgesetzes bekannt gegeben.
Erste Ausschreibungen bevorzugen Gaskraftwerke
In den ersten beiden Ausschreibungsrunden werden jeweils 4,5 Gigawatt gefördert. Nach Darstellung des BUND wurden Batteriespeicher durch die Ausschreibungskriterien faktisch ausgeschlossen; alle Zuschläge seien an fossile Gaskraftwerke gegangen.
BUND-Geschäftsführerin Politik Verena Graichen sprach von einem fossilen Subventionsprogramm für große Energiekonzerne. Über 12 Milliarden Euro sollen nach ihren Angaben über 15 Jahre verteilt und über eine Umlage auf den Strompreis finanziert werden.
Weitere Verfahren sind bereits geplant
Im Mai 2027 soll eine weitere Ausschreibung über 2 Gigawatt folgen, an der auch Speicher teilnehmen können. Für Dezember 2027 und Oktober 2029 sind zusätzliche Kapazitätsausschreibungen geplant, bei denen neben anderen Flexibilitäten auch Bestandskraftwerke mitbieten können.
Das Wirtschaftsministerium plant zudem derzeit die Einführung eines umfassenden Kapazitätsmarktes ab 2032. Darüber sollen weitere Subventionen für gesicherte Leistung vergeben werden.
Kritik an Umbau alter Braunkohlekraftwerke
Besonders umstritten sind nach Ansicht des BUND mehrere Zuschläge für alte Braunkohlekraftwerke, die zu Gaskraftwerken umgebaut werden sollen. Graichen kritisierte, diese Anlagen seien weniger flexibel und ineffizienter als neue Gaskraftwerke; wirksame Vorgaben für eine rechtzeitige Umrüstung auf einen klimafreundlichen Betrieb fehlten.
Auch Greenpeace und die Deutsche Umwelthilfe warnten vor einer langfristigen Abhängigkeit von fossilem Gas. Greenpeace bezifferte die Förderung auf 800 Millionen Euro jährlich über 15 Jahre, während die DUH faire Wettbewerbsbedingungen für Batteriespeicher und andere nachhaltige Lösungen verlangte.
Verbände warnen vor höheren Stromkosten
Die Umweltorganisationen erwarten höhere Belastungen für Privathaushalte und befürchten, dass die Förderung fossile Strukturen stärkt. Sie fordern stattdessen einen schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien, von Batteriespeichern und weiterer klimafreundlicher Flexibilitäten.
Deutschland hat sich im Pariser Übereinkommen verpflichtet, die Erderhitzung deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen und Anstrengungen für 1,5 Grad zu unternehmen. Nach Berechnungen des Sachverständigenrats für Umweltfragen müsste Deutschland bei einem verbleibenden CO2-Budget für eine 1,75-Grad-Grenze spätestens 2037 klimaneutral sein.
Die Zuschläge für neue und umzurüstende Gaskraftwerke sind Teil des Versuchs, die Stromversorgung auch dann abzusichern, wenn Wind- und Solaranlagen vorübergehend wenig Energie liefern. Die Bundesnetzagentur vergab in der ersten Runde elf Aufträge mit insgesamt rund 5.160 Megawatt Leistung; neben neuen Anlagen sind auch Umrüstungen bestehender Kraftwerke vorgesehen.
Die politische Kontroverse dreht sich deshalb nicht nur um die Technologie, sondern um die Finanzierung und die langfristige Marktordnung. Die Förderung soll Investitionen ermöglichen, die sich allein über den Strommarkt nach Darstellung der Bundesregierung nicht ausreichend rechnen. Für Haushalte und Unternehmen bedeutet die Umlage zusätzliche Kosten, während die Anlagen zugleich helfen sollen, Engpässe in Zeiten geringer erneuerbarer Einspeisung zu vermeiden.
Umbau statt dauerhafter Gasabhängigkeit
Umweltverbände kritisieren, dass Speicher und andere flexible Lösungen in den ersten Ausschreibungen kaum zum Zug kommen. Entscheidend wird daher, ob spätere Verfahren den Wettbewerb zwischen Kraftwerken, Batteriespeichern, Lastmanagement und weiteren Flexibilitätsoptionen öffnen und ob die geförderten Anlagen verbindlich auf klimaverträgliche Brennstoffe umgestellt werden.
Die nächsten Ausschreibungen und der geplante Kapazitätsmarkt ab 2032 werden festlegen, wie dauerhaft das Modell wirkt. Für Stromkunden steht neben der Versorgungssicherheit die Frage im Mittelpunkt, ob die Kosten begrenzt bleiben und die Förderung den Ausbau erneuerbarer Energien ergänzt, statt fossile Strukturen über Jahre zu verfestigen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Stern: „Gaskraftwerke: Reiche: Neue Gaskraftwerke sichern Stromversorgung“ (03.11.2026)
Der Beitrag stellt die Begründung der Ministerin in den Mittelpunkt, wonach neue Gaskraftwerke die Stromversorgung absichern sollen. Zugleich wird auf die Finanzierung über eine ab 2031 geplante Umlage für Stromkunden hingewiesen.
tagesschau: „Brandenburg: Bundesnetzagentur: Leag erhält Zuschläge für Bau von Gaskraftwerken“ (03.11.2026)
Der Bericht konkretisiert die regionale Bedeutung der Entscheidung und nennt zunächst Zuschläge für insgesamt 4,5 Gigawatt Leistung. Anders als der Stern-Beitrag legt er den Schwerpunkt auf die LEAG und die Umsetzung in Brandenburg.
Die Beiträge stimmen darin überein, dass die Ausschreibung der Versorgungssicherheit dienen und über Stromkunden finanziert werden soll. Unterschiede bestehen beim Schwerpunkt zwischen politischer Begründung und regionaler Umsetzung; offen bleibt insbesondere, wie die weiteren Ausschreibungen ausgestaltet werden.
