EZB hält Zins bei 2,5 Prozent trotz Inflation von 3,8 Prozent
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 14:21 Uhr | dpa, AD HOC NEWSLagardes Rücktritt verändert den Zeitplan
- Der EZB-Rat tagte in Frankfurt und beließ den Einlagenzins bei 2,5 Prozent.
- Christine Lagarde will am 7. Februar 2027 aus dem Amt scheiden.
- Im September erreichte die Inflation im Euroraum 3,8 Prozent und lag damit deutlich über dem EZB-Ziel.
EZB hält Einlagenzins trotz Inflation bei 2,5 Prozent
Die Europäische Zentralbank verzichtet trotz stark gestiegener Inflation vorerst auf eine weitere Zinserhöhung. Der EZB-Rat entschied in Frankfurt, den für Banken und Sparer wichtigen Einlagenzins bei 2,5 Prozent zu belassen.
Lagarde kündigt Rücktritt für Februar an
Kurz vor der Zinsentscheidung teilte die EZB mit, dass Präsidentin Christine Lagarde zum 7. Februar 2027 zurücktritt. Ihre regulär achtjährige Amtszeit wäre erst Ende Oktober 2027 ausgelaufen.
Die hohen Preise für Heizen und Tanken infolge des Iran-Kriegs treiben die Verbraucherpreise nach oben. Im September stieg die Inflationsrate im Euroraum wegen der hohen Spritpreise auf 3,8 Prozent – den höchsten Stand seit drei Jahren und deutlich über dem EZB-Ziel von mittelfristig 2,0 Prozent.
Zinsschritt würde Inflation bremsen
Höhere Leitzinsen verteuern Kredite und können dadurch die Nachfrage sowie den Preisdruck dämpfen. Gleichzeitig belasten sie Unternehmen und private Haushalte, die investieren oder sich finanzieren wollen, während Sparer von besseren Konditionen profitieren können.
Frankreich belastet die Entscheidung
Auch die politisch angespannte Lage in Frankreich sprach dafür, der EZB weitere Handlungsmöglichkeiten offenzuhalten. In dem Nachbarland kam es bei Protesten gegen hohe Lebenshaltungskosten zuletzt zu schweren Ausschreitungen und Plünderungen; im April 2027 stehen dort Präsidentschaftswahlen an.
Für Frankreich, die zweitgrößte Volkswirtschaft des Euroraums, verteuerte sich die Aufnahme neuer Schulden an den Finanzmärkten zuletzt deutlich. Das Land ist gemessen an der Wirtschaftskraft fast doppelt so hoch verschuldet wie Deutschland.
Weitere Anhebung im Dezember möglich
Im Herbst 2025 war angesichts einer früheren Krise in Frankreich über mögliche Anleihekäufe der EZB spekuliert worden. Mit dem Instrument TPI kann die Notenbank im Krisenfall grundsätzlich unbegrenzt Staatsanleihen einzelner Eurostaaten kaufen, allerdings nur unter hohen Voraussetzungen.
Volkswirte halten eine weitere Zinserhöhung bei der letzten EZB-Ratssitzung des Jahres Mitte Dezember für denkbar. Neue Prognosen zu Inflation und Konjunktur sollen dann zeigen, wie stark die höheren Energiepreise auf Lebensmittel und andere Güter durchschlagen.
Deutschland ebenfalls mit höherer Teuerung
Auch in Deutschland zog die Inflation im September auf 3,3 Prozent an. Waren und Dienstleistungen kosteten damit so viel mehr als ein Jahr zuvor wie seit rund drei Jahren nicht mehr.
Die EZB strebt mittelfristig eine Teuerungsrate von 2,0 Prozent an. Nach Einschätzung der Notenbank müssen sich die Menschen im Euroraum allerdings mindestens bis 2027 auf eine erhöhte Inflation einstellen.
Die Entscheidung fällt in eine ungewöhnliche Kombination aus wieder steigender Inflation, höheren Energiepreisen und schwacher Konjunktur. Für die EZB besteht damit ein Zielkonflikt: Eine weitere Zinserhöhung könnte den Preisdruck bremsen, zugleich aber Kredite verteuern und Investitionen sowie Nachfrage zusätzlich belasten.
Besonders relevant ist der Energiekanal. Steigende Kosten für Heizen und Tanken wirken zunächst direkt auf die Verbraucherpreise. Bleiben sie länger hoch, können sie über Transport, Produktion und Lebensmittel auch andere Waren und Dienstleistungen verteuern. Die EZB muss deshalb unterscheiden, ob der Inflationsschub vorübergehend bleibt oder sich in breitere und dauerhafte Preissteigerungen ausweitet.
Frankreich erhöht den politischen Druck
Die Lage in Frankreich verschärft den geldpolitischen Balanceakt. Höhere Marktzinsen verteuern die Finanzierung eines hoch verschuldeten Staates und können die Stabilität der Eurozone belasten. Zugleich darf die EZB ihre Zinsentscheidung nicht auf einzelne Länder ausrichten, sondern muss Preisstabilität im gesamten Euroraum sichern.
Für Haushalte bedeutet der unveränderte Einlagenzins zunächst Stabilität bei variabel verzinsten Sparprodukten und Krediten. Eine weitere Zinserhöhung im Dezember bleibt möglich, wenn neue Prognosen zeigen, dass Energiepreise Löhne und die Preise anderer Güter dauerhaft nach oben treiben. Der angekündigte Rücktritt Lagardes macht die kommenden Monate zusätzlich bedeutsam, weil die Notenbank zugleich vor einer personellen Neuordnung steht.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Euronews: „EZB-Chefin Christine Lagarde tritt vorzeitig zurück“ (29.10.2026)
Der Beitrag bestätigt den vorzeitigen Rücktritt Lagardes zum 7. Februar 2027 und hebt hervor, dass die Nachfolge noch vor dem regulären Ende ihrer Amtszeit geregelt werden muss. Im Mittelpunkt steht dort der Personalwechsel; die Zinsentscheidung wird als zeitgleich erwartetes Ereignis eingeordnet.
ZDF heute: „EZB: Lagardes Abschied ist mehr als ein Personalwechsel“ (29.10.2026)
Der Beitrag bestätigt den Rücktritt und setzt einen breiteren Schwerpunkt auf die Folgen für die künftige Ausrichtung der Geldpolitik. Anders als die dpa-Meldung konzentriert er sich stärker auf das Nachfolgeverfahren und die politische Bedeutung des Führungswechsels.
Übereinstimmung besteht beim Rücktrittstermin und seiner zeitlichen Nähe zur Zinsentscheidung. Offen bleibt, welche Person Lagarde nachfolgt und welchen geldpolitischen Kurs die EZB unter der neuen Führung einschlägt.
