Elif Eralp gerät vor Linken-Parteitag unter Druck
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 15:57 Uhr | dpa, AD HOC NEWSParteitag entscheidet über Berlins Regierungsoption
- Elif Eralp strebt als Linken-Fraktionsvorsitzende das Amt der Regierenden Bürgermeisterin an.
- Der Parteitag der Berliner Linken soll am Samstag über Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen entscheiden.
- CDU-Fraktionschef Stefan Evers will SPD und Grünen am 3. November ein eigenes Sondierungsgespräch anbieten.
Eralp gerät vor Linken-Parteitag unter Druck
Die Berliner Linken-Fraktionsvorsitzende Elif Eralp steht nach internen Anmerkungen zu einem Interview unter wachsender Kritik. Sie will Regierende Bürgermeisterin werden, während SPD, Grüne und CDU Konsequenzen für die geplante Regierungsbildung diskutieren.
Interne Notizen versehentlich übermittelt
Nach einem Bericht des Magazins „Spiegel“ hatte Eralp in Anmerkungen zu einem Interview Sorgen um die Sicherheit ihrer Familie geäußert, falls sie sich ausdrücklich zu dem Palästina-Aktivisten Ibrahim Ibrahim äußere. Die Anmerkungen wurden demnach zusammen mit dem Interview aus ihrem Büro an das Magazin zurückgeschickt.
In der autorisierten Fassung fehlten laut Bericht eine Frage zu Ibrahim und Eralps Antwort darauf. Der Vorgang verschärft die seit Wochen bestehende Debatte über den Umgang der Berliner Linken mit Antisemitismus und Personen aus extremistischen Milieus.
Eralp kündigt Vorgehen gegen Gewalt an
Eralp wollte sich vor Journalisten nicht konkret zu dem Bericht äußern. Sie erklärte jedoch, sie werde als Regierende Bürgermeisterin für die Sicherheit aller Berlinerinnen und Berliner sorgen sowie konsequent gegen Gewalt und Terror vorgehen.
Der frühere Regierende Bürgermeister Michael Müller sagte, falls Eralp aus Angst vor Konsequenzen bestimmte Personen nicht benennen könne, wäre sie als Regierungschefin erpressbar. Der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach riet der SPD, von einem Bündnis mit der Berliner Linken Abstand zu nehmen.
Auch Grüne und Zentralrat warnen
Die Grünen-Bundestagsfraktionsvorsitzende Katharina Dröge forderte eine klare Antwort der Berliner Linken auf den Umgang mit Personen, die kriminellen Gruppierungen nahestünden. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, warnte vor einer Regierungsbeteiligung der Linken und verlangte eine eindeutige Distanzierung von Terrorsympathisanten und Antisemiten.
Der Aktivist Ibrahim war nach der Abgeordnetenhauswahl bei einer Wahlparty der Linken in Neukölln aufgetreten. Er weist den Vorwurf zurück, Terrorismus zu unterstützen, und erklärt, er lehne Antisemitismus, Rassismus und religiöse Diskriminierung ab.
Parteitag entscheidet über Koalitionsstart
Die Sondierungsgespräche von Linken, SPD und Grünen waren bereits durch die Antisemitismusdebatte erschwert. Am Samstag soll ein Parteitag der Berliner Linken über den Beginn von Koalitionsverhandlungen entscheiden.
Unterdessen will CDU-Fraktionschef Stefan Evers SPD und Grünen ein eigenes Sondierungsgespräch anbieten. Für den 3. November ist ein Treffen vorgesehen; neben einem rot-grün-roten Bündnis wäre rechnerisch auch eine Koalition unter Führung der CDU möglich.
Die Debatte trifft die Berliner Linke in einer Phase, in der sie nach der Abgeordnetenhauswahl Anspruch auf die Führung einer möglichen rot-grün-roten Regierung erhebt. Vor dem Parteitag am Samstag geht es deshalb nicht nur um den Umgang mit einzelnen Aktivisten, sondern auch um die politische Handlungsfähigkeit einer künftigen Landesregierung.
Im Zentrum stehen zwei miteinander verbundene Fragen: Wie eindeutig grenzt sich die Partei von Antisemitismus, Terrorverherrlichung und extremistischen Milieus ab, und wie schützt sie zugleich Politikerinnen und deren Familien vor Bedrohungen? Eralps öffentliche Erklärung, gegen organisierte Kriminalität, Gewalt und Terror vorzugehen, zielt auf beide Dimensionen.
Koalitionsentscheidung rückt näher
Für SPD und Grüne verschärft der Vorgang den Zielkonflikt zwischen einem möglichen Regierungswechsel und sicherheitspolitischen sowie innerparteilichen Bedenken. Die Sondierungen waren bereits durch die Antisemitismusdebatte belastet; nun steht zusätzlich die Frage im Raum, ob Eralp als künftige Regierungschefin frei und eindeutig auftreten könnte.
Der Parteitag der Linken soll am Samstag über den Start von Koalitionsverhandlungen entscheiden. Parallel bringt die CDU ein alternatives Sondierungsangebot ins Spiel. Damit kann die Auseinandersetzung über Eralps Interview nicht isoliert betrachtet werden: Sie beeinflusst unmittelbar die Mehrheitsbildung und die nächsten Schritte zur Regierungsbildung in Berlin.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
taz: „Bericht des ‚Spiegels‘: Elif Eralp hat Angst“ (29.10.2026)
Der Beitrag bestätigt den Kern des Vorgangs und stellt die internen Anmerkungen sowie die gestrichene Interviewfrage ausführlich dar. Einen Schwerpunkt legt er auf die Reaktionen des Berliner SPD-Vorsitzenden und auf die möglichen Konsequenzen für die Regierungsbildung.
FOCUS online: „Eralp will ‚mit allen Mitteln gegen Terror‘ vorgehen“ (29.10.2026)
Der Bericht konzentriert sich auf Eralps öffentliche Reaktion nach der Plenarsitzung. Er hebt ihre Ankündigung hervor, gegen organisierte Kriminalität, Terror und Gewalt vorzugehen, während die politischen Folgen des Interviews nur am Rand erscheinen.
Beide Beiträge stellen Eralps Sicherheitsversprechen heraus und ordnen den Vorgang unterschiedlich: Der taz-Bericht betont die politischen und koalitionsstrategischen Folgen, FOCUS online die unmittelbare Erklärung der Linken-Politikerin. Offen bleibt, wie der Parteitag und SPD sowie Grüne auf die neuen Vorwürfe reagieren.
