Pflegebedürftige: Jeder Zweite bekommt Medikamente falsch
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 01:00 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSBei jedem zweiten Pflegebedürftigen sind nach Angaben der Angehörigen in den vergangenen sechs Monaten Medikamente falsch oder gar nicht angewendet worden. Das geht aus einer Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) hervor, aus der die Funke-Mediengruppe zitiert.
Probleme bei Anwendung und Verfügbarkeit
In 19 Prozent der Fälle traten solche Fehler wiederholt auf. Weitere 26 Prozent der Befragten berichteten mehrfach von Problemen mit abgelaufenen oder nicht auffindbaren Arzneimitteln sowie fehlenden Rezepten.
59 Prozent der Pflegebedürftigen nehmen den Angaben zufolge dauerhaft fünf oder mehr Medikamente ein. Eine möglicherweise unzureichende Medikation kann die Sicherheit gefährden: 36 Prozent der Angehörigen berichteten von einem oder mehreren Stürzen mit Verletzungen innerhalb der vergangenen zwölf Monate.
Viele Krankenhauseinweisungen
Ebenfalls 36 Prozent gaben an, dass die pflegebedürftige Person in diesem Zeitraum mindestens einmal notfallmäßig ins Krankenhaus aufgenommen werden musste. Insgesamt berichteten 51 Prozent von mindestens einem Krankenhausaufenthalt.
ZQP-Vorstandsvorsitzender Ralf Suhr forderte, Prävention sowie Pflege- und Patientensicherheit stärker in den Mittelpunkt der politischen Debatte zu rücken. Pflegende Angehörige seien Schlüsselakteure der Versorgung und müssten als Partner von Pflege und Medizin systematisch einbezogen werden.
Pflege belastet Angehörige
53 Prozent der Befragten fühlten sich durch die Pflege psychisch belastet, 38 Prozent körperlich. 61 Prozent verschoben wegen der Pflege wichtige eigene Vorhaben, 42 Prozent vernachlässigten nach eigenen Angaben soziale Beziehungen.
Bei Angehörigen von Menschen mit Demenz lagen die Belastungswerte höher: 71 Prozent berichteten von psychischer und 47 Prozent von körperlicher Belastung. 85 Prozent sagten außerdem, dass die pflegebedürftige Person bei komplexeren Alltagstätigkeiten fast immer Hilfe benötigt.
Für die Studie wurden bundesweit 1.012 pflegende Angehörige im Alter von 40 bis 85 Jahren befragt. Voraussetzung war, seit mindestens sechs Monaten mindestens einmal pro Woche eine Person ab 60 Jahren mit Pflegegrad zu Hause zu versorgen.
Pflegeneuordnungsgesetz beschlossen
Das Bundeskabinett hatte in der vergangenen Woche das Pflegeneuordnungsgesetz beschlossen. Eine ursprünglich vorgesehene Kürzung der Rentenbeiträge für pflegende Angehörige ab 2027 wurde im Kabinettsbeschluss gestrichen; die Pflegeversicherung übernimmt diese Beiträge weiterhin in vollem Umfang.
Die Studie rückt die häusliche Arzneimittelversorgung als sicherheitsrelevanten Teil der Pflege in den Mittelpunkt. Besonders anspruchsvoll wird sie, wenn Pflegebedürftige dauerhaft mehrere Präparate einnehmen und Angehörige zugleich Dosierung, Einnahmezeiten, Nachbestellungen und Arztkontakte koordinieren müssen. Fehler können dabei unterschiedliche Ursachen haben: fehlende oder unklare Informationen, Änderungen der Verordnung, nicht eingelöste Rezepte oder Medikamente, die im Haushalt nicht auffindbar sind.
Hohe Verantwortung für Angehörige
Die Ergebnisse stehen im Zusammenhang mit der großen Bedeutung der häuslichen Pflege. Nach Angaben des NDR werden in Niedersachsen 85 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt; ein erheblicher Teil wird dabei von Angehörigen unterstützt. Die Versorgung umfasst daher häufig nicht nur Hilfe im Alltag, sondern auch Aufgaben, die medizinische Kenntnisse und eine verlässliche Abstimmung mit Praxen, Apotheken und Pflegediensten erfordern.
Für die Betroffenen bedeutet die Untersuchung zweierlei: Medikationspläne müssen verständlich und aktuell sein, zugleich braucht es erreichbare Unterstützung, wenn sich Verordnungen ändern oder Unsicherheiten entstehen. Die geplante Pflegeneuordnung berührt damit neben der Finanzierung auch die Frage, wie Angehörige praktisch entlastet und systematisch in die Versorgung einbezogen werden. Angesichts der berichteten Stürze und Krankenhauseinweisungen gewinnt diese Schnittstelle zwischen Pflege und Medizin zusätzlich an Bedeutung.
