UN-Sicherheitsrat: Ex-Botschafter Heusgen und Zappia fordern Reform
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 00:00 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSDie früheren UN-Botschafter Christoph Heusgen (Deutschland) und Mariangela Zappia (Italien) fordern zum Start der UN-Generalversammlung eine tiefgreifende Reform des Sicherheitsrats und ein Ende der deutschen Forderung nach einem eigenen ständigen Sitz. In einem gemeinsamen Gastbeitrag plädieren sie für eine stärkere Vertretung bisher unterrepräsentierter Weltregionen wie Afrika und Lateinamerika.
Abkehr von deutschem Sitz, Fokus auf andere Weltregionen
Heusgen und Zappia schreiben, Deutschland solle seine Forderung nach einem eigenen ständigen Sitz im Sicherheitsrat aufgeben. Das bisherige Argument für einen dritten ständigen Sitz Westeuropas neben Frankreich und Großbritannien sei aus ihrer Sicht nicht mehr überzeugend. Um die politische Glaubwürdigkeit Europas zu bewahren, solle die EU stattdessen eine ausgewogenere Vertretung anderer Regionen unterstützen, insbesondere afrikanischer und lateinamerikanischer Staaten.
Kritik am Vetorecht der Großmächte
Der Sicherheitsrat sei weder repräsentativ für die Welt des 21. Jahrhunderts noch ausreichend handlungsfähig, heißt es in dem Beitrag. Drei der fünf ständigen Mitglieder – China, Russland und die USA – könnten mit ihrem Vetorecht Entscheidungen blockieren. Dieses Vetoprivileg sei ein Relikt der internationalen Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg und bilde die politischen Realitäten der Gegenwart nur unzureichend ab.
Deutschland und Italien sollen Streit beenden
Die beiden Diplomaten fordern Deutschland und Italien auf, ihre bislang unterschiedlichen Reformansätze zu überwinden. Deutschland habe lange auf einen eigenen ständigen Sitz gedrängt, während Italien zusätzliche nichtständige Sitze mit längeren Amtszeiten bevorzugt habe. Es sei Zeit, diesen Streit zu beenden und eine Reform zu entwickeln, die nicht einzelne Staaten belohne, sondern alle 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen stärker ins Zentrum rücke.
Gemeinsamer Reformvorschlag der Mittelmächte
Eine Neuordnung des Sicherheitsrats liege nach Ansicht von Heusgen und Zappia nicht nur im Interesse einer gerechteren internationalen Ordnung, sondern auch im Eigeninteresse der sogenannten Mittelmächte. Staaten vergleichbarer politischer und wirtschaftlicher Bedeutung könnten durch gemeinsames Auftreten zu einem repräsentativeren und damit wirksameren Sicherheitsrat beitragen. Deutschland und Italien sollten deshalb einen gemeinsamen Vorschlag für einen gerechteren und repräsentativeren Sicherheitsrat vorlegen, um die bislang endlosen Verhandlungen über eine Reform zu überwinden.
Zweidrittelmehrheit und Multilateralismus
Die früheren Botschafter zeigen sich überzeugt, dass eine notwendige Zweidrittelmehrheit in der UN-Generalversammlung erreichbar ist. Die Mehrheit der Staaten wolle zu einem wirksamen Multilateralismus zurückkehren und eine internationale Ordnung stärken, in der das Recht wieder stärker zählt als die Macht. Aus ihrer Sicht bietet die aktuelle Generalversammlung eine Chance, die Reformdebatte mit einem konkreten europäischen Impuls neu zu beleben.
Die Forderung von Christoph Heusgen und Mariangela Zappia fällt in eine Phase, in der die Handlungsfähigkeit des Sicherheitsrats immer häufiger infrage gestellt wird. Wiederholt blockieren USA, China und Russland mit ihrem Vetorecht Resolutionen zu zentralen Konflikten, etwa im Nahen Osten oder in der Ukraine. Der Hinweis der beiden früheren UN-Botschafter auf das Vetoprivileg zielt damit direkt auf eine der strukturellen Schwächen der gegenwärtigen Ordnung.
Historischer Hintergrund und Reformdebatte
Der Sicherheitsrat spiegelt bis heute die Machtverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg mit fünf ständigen Mitgliedern und zehn nichtständigen Sitzen. Seit Jahrzehnten diskutieren die UN-Mitgliedstaaten über eine Reform, etwa im Rahmen der sogenannten „intergovernmental negotiations“, ohne dass ein konkreter Reformtext Verhandlungsreife erreicht hätte. Deutschland gehört mit Brasilien, Indien und Japan zur Gruppe der Staaten, die lange für einen eigenen ständigen Sitz geworben haben, während andere mittelgroße Länder alternative Modelle bevorzugen.
Bedeutung des Vorstoßes für Europa und die Mittelmächte
Bemerkenswert ist, dass Heusgen und Zappia nun ausdrücklich vorschlagen, auf die Forderung eines deutschen ständigen Sitzes zu verzichten und stattdessen Afrika und Lateinamerika stärker zu berücksichtigen. Das verschiebt den Fokus weg von nationalen Ansprüchen hin zu einer breiteren Repräsentation bisher unterrepräsentierter Regionen. Zugleich greifen sie die Idee auf, dass Mittelmächte nur gemeinsam genug politisches Gewicht entwickeln können, um Reformen durchzusetzen. Ein abgestimmter Vorschlag Deutschlands und Italiens könnte damit zu einem Testfall werden, ob Europa bereit ist, eigene Privilegien zugunsten einer inklusiveren Sicherheitsratsstruktur zu relativieren.
Ausblick auf die UN-Generalversammlung
Mit Blick auf die laufende UN-Generalversammlung adressiert der Beitrag auch die Frage, ob eine Zweidrittelmehrheit für Reformen überhaupt erreichbar ist. Die Einschätzung der beiden Diplomaten, dass eine solche Mehrheit möglich sei, knüpft an den Wunsch vieler Staaten nach einem wirksamen Multilateralismus an, in dem Rechtsnormen gegenüber reiner Machtpolitik gestärkt werden. Ob dieser politische Wille ausreicht, um die bislang blockierte Reformagenda zu beleben, bleibt offen – der Vorstoß könnte aber die Debatte im Kreis der Mittelmächte und innerhalb der EU neu strukturieren.
