Dobrindt setzt statt neuer Bunker auf digitale Schutzräume – Landkreistag kritisiert offene Fragen
Veröffentlicht am: 14.09.2026 um 17:19 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt will trotz der Bedrohung durch Russland keine neuen Bunker zum Bevölkerungsschutz errichten, sondern auf andere Formen von Schutzräumen setzen.
Digital erfasste Schutzräume statt Neubau von Bunkern
Dobrindt kündigte bei einer Tagung des Bundesinnenministeriums in Berlin an, dass künftig bereits vorhandene Objekte mit Schutzfunktion wie Tiefgaragen, Tunnel und andere geeignete Orte genutzt werden sollen. Diese Schutzräume würden gemeinsam mit den Ländern in einer strukturierten Datenbank erfasst und der Bevölkerung digital zugänglich gemacht. Ziel sei es, dass Menschen im Ernstfall über digitale Dienste wie die Nina-Warn-App schnell den jeweils nächstgelegenen Schutzraum an ihrem Aufenthaltsort finden können.
Ausstattung und Material für längere Aufenthalte
Der Minister erklärte, der Bund stelle die notwendigen finanziellen Mittel bereit, um die Daten zu digitalisieren und zu verknüpfen. Zugleich gehe es um die Ausstattung der Schutzräume: Nicht jeder Ort solle dauerhaft wie ein klassischer Bunker eingerichtet werden, es sollen jedoch vorsorglich Material und Kapazitäten vorgehalten werden, um Betten und weitere notwendige Ausstattung für längere Aufenthalte flexibel einbringen zu können.
Umbau mobiler Betreuungsmodule
Konkreter wurde Dobrindt bei den sogenannten Mobilen Betreuungsmodulen 5000, die Ausrüstung zur Versorgung von 5000 Menschen in Katastrophenfällen enthalten. Künftig sollen diese Einheiten kleinteiliger und damit beweglicher werden: Aus einem Modul 5000 sollen zehn mobile Module 500 werden, um im Krisenfall schneller und gezielter helfen zu können.
Offene Zuständigkeitsfragen im Krisenfall
Achim Brötel, Präsident des Deutschen Landkreistags und Landrat in Baden-Württemberg, kritisierte, dass zentrale Zuständigkeiten für den Krisenfall weiterhin ungeklärt seien. Er verwies auf Fragen wie die Koordinierung von Evakuierungen, die Organisation von Notunterkünften, die Dauer der Arbeitsfähigkeit von Verwaltungen ohne externe Unterstützung sowie konkrete Anforderungen an Krankenhäuser, Leitstellen und die Versorgung mit Wasser und Energie. Zudem stelle sich die Frage nach zivilen Aufgaben, die sich aus der Rolle Deutschlands als Transitland der Nato ergeben.
Kommando Zivile Verteidigung im Aufbau
Dobrindt verwies in seiner Antwort auf das Kommando Zivile Verteidigung im Bundesinnenministerium, einen Steuerungsstab im Aufbau, der die Verzahnung von ziviler und militärischer Planung verbessern soll. Dieses Kommando solle koordinieren und den Kommunen als Ansprechpartner dienen, blieb in seinen weiteren Ausführungen jedoch vage.
Debatte um Finanzmittel für Kommunen
Brötel machte zugleich seinen Unmut über die finanzielle Lage der Kommunen deutlich. Er sprach von einer besonders schwierigen Situation und beklagte, es gebe zu wenig Geld für die zivile Verteidigung. Der Bund sehe bis 2029 rund 10 Milliarden Euro für den Zivilschutz vor, während für die militärische Verteidigung deutlich über 500 Milliarden Euro eingeplant seien. Das entspreche ungefähr dem Fünfzigfachen der Mittel für den zivilen Bereich.
Dobrindt verteidigt Investitionspläne
Der Innenminister hielt dagegen, im Jahr 2027 solle im Bevölkerungsschutz so viel Geld investiert werden wie in der gesamten vorherigen Wahlperiode zusammen. Damit verteidigte er die Planungen des Bundes und unterstrich den Anspruch, den Schutz der Bevölkerung angesichts internationaler Sicherheitsrisiken deutlich zu stärken.
Zivile Verteidigung rückt stärker in den Fokus
Die Aussagen von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Landkreistag-Präsident Achim Brötel spiegeln eine Entwicklung wider, die seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine an Bedeutung gewonnen hat: Neben der militärischen Abschreckung rückt die Frage in den Vordergrund, wie staatliche und kommunale Strukturen die Bevölkerung in Krisenlagen konkret schützen können. Zivile Verteidigung umfasst dabei nicht nur Schutzräume, sondern auch funktionierende Verwaltungsstrukturen, Notfallbetreuung und die Sicherung kritischer Infrastruktur wie Energie- und Wasserversorgung.
Schutzräume statt klassischer Bunker
Mit der Entscheidung, keine neuen Bunker zu bauen, setzt Dobrindt auf ein verteiltes System bereits vorhandener, baulich geeigneter Orte wie Tiefgaragen und Tunnel, die im Ernstfall als Schutzräume dienen sollen. Die geplante digitale Erfassung und Einbindung dieser Orte in Warnsysteme wie die Nina-App zielt darauf ab, die Bevölkerung im Bedrohungsfall schnell zu informieren und zu leiten. Im Unterschied zu klassischen Bunkern lässt sich ein solches Netz flexibler aufbauen und an lokale Gegebenheiten anpassen. Zugleich bleiben praktische Fragen zu Ausstattung, Zugang und Verantwortlichkeiten, die Brötel klar anspricht.
Finanzierungskonflikte zwischen Bund und Kommunen
Die deutliche Kritik des Landkreistags verweist auf einen strukturellen Konflikt: Der Bund setzt finanzielle Schwerpunkte vor allem bei der militärischen Verteidigung, während Kommunen mehr Mittel für zivile Vorsorge und Krisenbewältigung einfordern. Wenn Brötel das Verhältnis von vorgesehenen Milliardenbeträgen für Zivil- und Militärbereich gegenüberstellt, macht er aus kommunaler Sicht eine Schieflage sichtbar. Für Leserinnen und Leser bedeutet dies, dass Fragen zur praktischen Umsetzung – etwa wer vor Ort Evakuierungen organisiert, Notunterkünfte betreibt und Krankenhäuser unterstützt – stark von der künftigen Finanzierung und der konkreten Ausgestaltung des Kommandos Zivile Verteidigung abhängen werden.
