Sachsen-Anhalt, Marianne Birthler

Birthler: Demokraten im Osten trotz AfD-Hoch in der Mehrheit

Veröffentlicht am: 02.09.2026 um 00:00 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWS

Die ehemalige Stasi-Unterlagen-Beauftragte Marianne Birthler sieht trotz hoher AfD-Umfragewerte vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt weiterhin eine demokratische Mehrheit in Ostdeutschland. Zugleich warnt sie vor historischen und gesellschaftlichen Faktoren, die den Erfolg der AfD begünstigen können.

Birthler: Demokraten im Osten in der Mehrheit
Marianne Birthler (Archiv) - Bild: via dts Nachrichtenagentur

Die frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, hat vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt betont, dass demokratisch gesinnte Bürger in Ostdeutschland nach ihrer Einschätzung weiterhin die Mehrheit stellen. Zugleich zeigte sie sich angesichts aktueller Umfragen besorgt und warnte vor den Folgen eines starken Abschneidens der AfD.

Warnung vor AfD-Erfolg und Rolle der Zivilgesellschaft

Birthler sagte, die Umfragewerte, insbesondere in Sachsen-Anhalt, bereiteten ihr Sorgen. Gleichzeitig verwies sie auf eine „vielgestaltige und lebendige Zivilgesellschaft“ im Bundesland, die sich vor Ort beobachten lasse. Ihrer Ansicht nach könnte die von ihr beschriebene Gefahr, die von der AfD ausgehe, viele Menschen zusätzlich mobilisiert haben, sich für den Erhalt der demokratischen Ordnung einzusetzen.

Wohlstandssorgen und historische Belastungen

Mit Blick auf Ostdeutschland erinnerte Birthler daran, dass viele Menschen nach den 1990er-Jahren zunächst froh gewesen seien, die Umstellungsprobleme in Beruf und Alltag bewältigt zu haben. Nun fürchteten jedoch viele, ihren erreichten Wohlstand wieder zu verlieren und verkannten dabei aus ihrer Sicht, dass die Wahl der AfD gerade kein Weg sei, diesen Wohlstand zu sichern. Als weitere Gründe für den Erfolg der Partei im Osten nannte sie die fehlende eigenkritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der DDR, die sich als offiziell antifaschistischer Staat verstanden habe und sich selbst als „die Guten“ gesehen habe.

Defizite in Streitkultur und demografische Veränderungen

Birthler sprach außerdem von einer im Osten „ziemlich unterentwickelten“ Kultur des respektvollen Streitens. Viele frühere DDR-Bürger hätten erst lernen müssen, dass es zu nahezu jedem Thema mehrere berechtigte Meinungen gebe. Hinzu komme, dass Ostdeutsche vor und nach 1989 millionenfach in den Westen gegangen seien und dadurch in den ostdeutschen Ländern fehlten.

Vergleich von Ost und West

Die 78-Jährige betonte zugleich, dass die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland ihrer Auffassung nach meist graduell und nicht grundsätzlich seien. Auch in westdeutschen Regionen gebe es Probleme und Menschen, die glaubten, die AfD könne diese lösen, wie sie mit Blick auf hohe AfD-Stimmanteile etwa in Pforzheim und niedrigere in Karlsruhe erwähnte. Umgekehrt verwies sie darauf, dass es aus Ostdeutschland „schöne, teils wunderbare Geschichten“ zu erzählen gebe, die eine andere, positive Seite der gesellschaftlichen Entwicklung zeigen.

Die Äußerungen von Marianne Birthler fallen in eine Phase, in der die politische Stimmung in Sachsen-Anhalt stark von der bevorstehenden Landtagswahl geprägt ist. Umfragen sehen die AfD derzeit als deutlich stärkste Kraft in dem Bundesland, was die Frage nach der demokratischen Kultur und der Stabilität des Parteiensystems in Ostdeutschland neu aufwirft. Zugleich werden Debatten über mögliche Regierungsbildungen und die Abgrenzung anderer Parteien gegenüber der AfD intensiv geführt.

Politische Ausgangslage in Sachsen-Anhalt

In aktuellen Berichten zur Landtagswahl wird darauf hingewiesen, dass die AfD in Sachsen-Anhalt in Umfragen zuletzt bei hohen Zustimmungswerten lag und damit die politische Landschaft deutlich verschiebt. Der Landesverband der AfD wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Parallel betonen Vertreter anderer Parteien, insbesondere aus der CDU, dass Koalitionen mit bestimmten politischen Kräften wie der Linken nicht in Frage kommen. Diese Konstellation erschwert die Bildung stabiler Mehrheiten und verstärkt die Diskussion über demokratische Verantwortung und strategische Entscheidungen der Parteien.

Ost-West-Perspektive und gesellschaftliche Dimension

Birthler verweist auf tiefere historische und gesellschaftliche Ursachen der aktuellen Entwicklungen, etwa die unvollständige Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der DDR und Besonderheiten der politischen Streitkultur. Ihre Hinweise auf Wohlstandssorgen, unterschiedliche demokratische Erfahrungen und die Abwanderung vieler Ostdeutscher in den Westen legen nahe, dass die Wahlentscheidung in Sachsen-Anhalt nicht allein als regionales Phänomen zu verstehen ist. Sie betont zugleich, dass Demokratiebefürworter im Osten weiterhin die Mehrheit stellen und es eine lebendige Zivilgesellschaft gibt, die sich der demokratischen Ordnung verpflichtet fühlt.

Bedeutung für Leserinnen und Leser

Für Bürger in Sachsen-Anhalt und darüber hinaus zeigt die Debatte, dass Wahlergebnisse unmittelbare Folgen für die Ausrichtung von Landespolitik und die demokratische Kultur haben. Die Frage, ob und wie demokratische Parteien auf starke rechtspopulistische und rechtsextreme Kräfte reagieren, betrifft auch die Stabilität staatlicher Institutionen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Birthlers Warnung, die AfD könne für viele gerade im Osten kein Weg zur Sicherung des Wohlstands sein, unterstreicht die Bedeutung einer informierten Wahlentscheidung und einer aktiven Zivilgesellschaft, die sich in Diskussionen und Engagement für demokratische Werte einbringt.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

n-tv: „Zweifel an der Regierungsfähigkeit der AfD gibt es auch innerhalb der AfD" (31.08.2026)

Der Beitrag schildert, dass die AfD nach aktuellen Umfragen bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt deutlich stärkste Kraft werden könnte und möglicherweise sogar eine absolute Mehrheit der Mandate erreichen kann. Zugleich wird berichtet, dass es selbst in der Partei Zweifel an ihrer Regierungsfähigkeit gibt und der Landesverband vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird. Damit bestätigt der Artikel die von Birthler angesprochene Gefahr durch die AfD, rückt aber stärker parteiinterne Konflikte und die Frage der praktischen Regierungsführung in den Mittelpunkt.

FOCUS Online: „Landtagswahl Sachsen-Anhalt: Diese 15 Parteien treten an" (31.08.2026)

FOCUS Online stellt die Parteien vor, die zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt antreten, und erläutert ihre Reihenfolge auf dem Stimmzettel sowie zentrale programmatische Unterschiede. Die Darstellung zeigt die Vielfalt des politischen Angebots und macht deutlich, dass neben der AfD zahlreiche demokratische Parteien um Stimmen werben. Im Vergleich zu Birthlers Aussagen über die Mehrheit demokratischer Bürger konzentriert sich der Artikel stärker auf die formale Wettbewerbssituation und die Optionen der Wählerinnen und Wähler.

n-tv: „CDU-Ministerpräsident lehnt Regierung mit Linken ab" (31.08.2026)

Dieser Beitrag berichtet über die klare Absage des CDU-Ministerpräsidenten an eine mögliche Regierungskoalition mit der Linkspartei nach der Wahl in Sachsen-Anhalt. Der Artikel zeigt, wie sich demokratische Parteien vor der Wahl programmatisch und strategisch positionieren und welche Koalitionsoptionen ausgeschlossen werden. Während Birthler die Mobilisierung demokratisch gesinnter Menschen betont, legt der Beitrag den Fokus auf parteipolitische Kalküle und Koalitionsgrenzen, was Fragen nach der Bildung stabiler Bündnisse gegen eine starke AfD offen lässt.

Übergreifend bestätigen die Medienberichte die hohe Bedeutung der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und die Stärke der AfD, unterscheiden sich jedoch in ihrem Schwerpunkt: Während Birthler die gesellschaftliche Verantwortung und demokratische Kultur hervorhebt, rücken die Artikel vor allem parteipolitische Strategien, Koalitionsoptionen und die formale Wettbewerbssituation in den Vordergrund. Offen bleibt, welche konkreten Mehrheitsverhältnisse sich nach der Wahl ergeben und wie stark sich die von Birthler beschriebene Zivilgesellschaft im Wahlergebnis niederschlagen wird.

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