Deutschlandticket, Greenpeace-Studie

Deutschlandticket: Greenpeace stuft ÖPNV in Deutschland nur auf Platz fünf ein

Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 15:08 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWS

Deutschland rutscht im neuen ÖPNV-Ranking von Greenpeace vom vierten auf den fünften Platz, obwohl das Deutschlandticket bundesweit gilt. Ausschlaggebend sind steigende Preise, fehlende Sozialtickets und ein im europäischen Vergleich teurer Nahverkehr in Berlin.

Deutschland fällt in europaweitem ÖPNV-Ranking auf Platz fünf
Öffentlicher Personennahverkehr (Archiv) - Bild: via dts Nachrichtenagentur

Deutschland fällt im neuen europaweiten ÖPNV-Ranking von Greenpeace vom vierten auf den fünften Platz unter 30 untersuchten Ländern. Trotz bundesweit gültigem Deutschlandticket schneiden mehrere Staaten mit kostenlosen oder deutlich günstigeren Angeboten besser ab.

Malta und Luxemburg bleiben Spitze

Die Spitzenplätze belegen wie bereits vor drei Jahren Malta und Luxemburg, wo der öffentliche Nahverkehr komplett kostenlos ist. Auch Slowenien und Österreich gelten in der neuen Analyse als günstiger als Deutschland, während Finnland beim ÖPNV-Angebot am schlechtesten abschneidet.

Für das Ranking hat Greenpeace zentrale Kriterien bewertet, darunter die Bezahlbarkeit von Tickets, die Verfügbarkeit von Verbindungen und die Existenz von Sozialrabatten. Deutschland profitiert dabei vom reduzierten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent auf ÖPNV-Tickets.

Deutschlandticket wird deutlich teurer

Das Deutschlandticket sorgt durch seine bundesweite Gültigkeit zum Einheitspreis für eine solide Position im Ranking, wird für Verbraucher jedoch spürbar teurer. Seit seinem Start im Mai 2023 ist der Monatspreis von 49 Euro auf aktuell 63 Euro gestiegen.

Mit knapp 30 Prozent weist das Deutschlandticket damit die stärkste Verteuerung unter allen verglichenen nationalen Tickets auf. Für das Jahr 2027 ist eine weitere Anpassung auf rund 66 Euro vorgesehen. Negativ bewertet Greenpeace zudem, dass es kein bundesweites Sozialticket gibt.

Greenpeace kritisiert steigende Preise

„Gerade jetzt muss der Preis des Deutschlandtickets runter statt immer weiter rauf“, fordert Marissa Reiserer, Mobilitätsexpertin von Greenpeace. Der Umstieg auf Bus und Bahn helfe dauerhaft gegen wiederkehrende Ölpreisschocks und könne private Haushalte entlasten.

Günstiger ÖPNV sei nach ihrer Darstellung ein wirksames und gerechtes Mittel, um die Abhängigkeit von teurem Öl zu verringern und gleichzeitig das Klima zu schützen. Gut ausgebaute Öffis würden zudem gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und das Vertrauen in die Demokratie stärken.

Auswirkungen auf gesellschaftliche Teilhabe

Reiserer verweist darauf, dass sich Menschen, die sich abgehängt fühlten, politischen Institutionen stärker misstrauen und empfänglicher für rechtspopulistische Erzählungen seien. Ein starker und bezahlbarer Nahverkehr bringe ihrer Einschätzung nach auf allen Ebenen Vorteile.

In diesem Zusammenhang hebt Greenpeace die Bedeutung eines verlässlichen und zugänglichen ÖPNV für soziale Gerechtigkeit und die Stabilität demokratischer Strukturen hervor.

Berlin im europäischen Städtevergleich

Im Ranking der europäischen Hauptstädte landet Berlin lediglich auf Rang 25. Kaufkraftbereinigt zählt der Berliner Nahverkehr zu den zehn teuersten der Analyse.

Punktabzüge erhält Berlin unter anderem für fehlende flächendeckende Seniorenrabatte. Städte wie Tallinn in Estland oder Prag in Tschechien kommen dank kostenfreier Angebote oder sehr günstiger Tarife deutlich besser weg.

Verkehr als Klimaschutzbaustelle

EU-weit ist der Verkehrssektor der einzige Bereich, dessen Treibhausgasemissionen seit 1990 gestiegen sind. Greenpeace sieht den verstärkten Umstieg auf Bus und Bahn als einen zentralen Hebel, um diese Emissionen künftig zu senken.

Die Diskussion um Preisgestaltung und Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in Deutschland gewinnt damit auch klimapolitische Bedeutung, über die reine Tariffrage hinaus.

Das neue ÖPNV-Ranking von Greenpeace rückt die Preisentwicklung des Deutschlandtickets und die Stellung Deutschlands im europäischen Vergleich in den Fokus. Während das Ticket mit seiner bundesweiten Gültigkeit einen strukturellen Fortschritt im Tarifdschungel geschaffen hat, schwächt die schnelle Abfolge von Preiserhöhungen seine soziale Wirkung. Dass Deutschland innerhalb von drei Jahren vom vierten auf den fünften Platz zurückfällt, verweist auf eine zunehmende Konkurrenz durch Staaten, die konsequent auf kostenlose oder sehr stark vergünstigte Angebote setzen.

Preis, soziale Wirkung und Vertrauen

Der starke Anstieg von 49 auf aktuell 63 Euro im Monat und der bereits geplante Sprung auf rund 66 Euro im Jahr 2027 trifft besonders Menschen mit knappen Budgets. Wenn zugleich ein bundesweit einheitliches Sozialticket fehlt, bleibt der Zugang für ärmere Haushalte eingeschränkt. Greenpeace knüpft daran eine demokratietheoretische Perspektive: Wer im Alltag von Mobilitätsangeboten ausgeschlossen ist, fühlt sich eher politisch abgehängt und ist laut der Organisation empfänglicher für rechtspopulistische Narrative. Ein verlässlicher, bezahlbarer Nahverkehr wird damit auch als Instrument zur Stärkung gesellschaftlicher Teilhabe und des Vertrauens in demokratische Institutionen gesehen.

Europäischer Vergleich und Klimapolitik

Im europäischen Städteranking fällt besonders die Position Berlins ins Auge: Rang 25 und eine Einordnung unter die kaufkraftbereinigt teuersten Netze deuten darauf hin, dass die Hauptstadt trotz dichter Infrastruktur bei der sozialen Ausgestaltung des Tarifsystems hinter anderen Metropolen zurückbleibt. Städte wie Tallinn und Prag zeigen mit kostenlosen oder sehr günstigen Angeboten alternative Wege. Vor dem Hintergrund, dass der Verkehrssektor EU-weit als einziger seine Treibhausgasemissionen seit 1990 nicht senken konnte, wird der Ausbau und die Vergünstigung des ÖPNV zu einem zentralen Hebel der Klimapolitik. Die Debatte um das Deutschlandticket ist damit mehr als eine Tariffrage – sie berührt die Grundlinien sozialer und ökologischer Modernisierung.

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