Ärztepräsident warnt vor Herz-Kreislauf-Checks in dm-Drogeriemärkten
Veröffentlicht am: 02.09.2026 um 01:00 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSDer Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, warnt vor den von der Drogeriekette dm geplanten Herz-Kreislauf-Checks in deren Filialen. Die Tests sollen nach Unternehmensangaben noch in diesem Jahr starten und mithilfe von Sensorik verschiedene Vitaldaten der Kundinnen und Kunden erfassen.
Ärztepräsident spricht von „ausgemachtem Blödsinn“
Reinhardt kritisiert das Vorhaben scharf und lehnt Diagnostik in Drogeriemärkten grundsätzlich ab. „Diagnostik hat in der Drogerie nichts verloren. Ich halte das für ausgemachten Blödsinn und teilweise sogar für gefährlich“, sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Aus seiner Sicht besteht die Gefahr, dass Kundinnen und Kunden sich auf Ergebnisse verlassen, die ohne ärztliche Begleitung erhoben und ausgegeben werden.
Fehlende Anamnese als Kern der Kritik
Besonders problematisch findet der Ärztepräsident, dass die geplanten Messungen ohne ärztliches Anamnesegespräch stattfinden sollen. Messwerte könnten seiner Ansicht nach ohne Kenntnis der persönlichen Vorgeschichte, Beschwerden und weiterer Faktoren nicht ausreichend eingeordnet werden. Wenn jemand für 15 oder 20 Euro einen Befund erhalte, stehe er mit dem Ergebnis allein da und müsse selbst entscheiden, wie er mit dem Hinweis auf mögliche Risiken verfährt. Reinhardt betont, dass eine gute ärztliche Versorgung immer eine individuelle Bewertung einschließe.
Beispiele für ärztliche Risikoeinschätzung
Zur Verdeutlichung verweist Reinhardt auf typische Situationen aus der Praxis: Komme etwa ein 35-jähriger Patient mit der Information, Vater und Großvater hätten jeweils mit Anfang 50 einen Herzinfarkt erlitten, könne ein Arzt diese Familiengeschichte gemeinsam mit aktuellen Beschwerden und gezielten Untersuchungen zu einer fundierten Risikoeinschätzung zusammenführen. Genau diese individuelle Bewertung fehle bei standardisierten Angeboten wie den geplanten Herz-Kreislauf-Checks im Drogeriemarkt, weshalb er von einer „Entprofessionalisierung“ spricht.
Kein Mehrwert durch Umweg über die Drogerie
Auch für den Fall, dass ein Check ein mögliches Risiko erkenne und anschließend zu einem Arztbesuch rate, sieht Reinhardt keinen Vorteil. Der Patient könne nach seiner Auffassung bei einem Verdacht oder dem Wunsch nach Klärung eines Risikos unmittelbar eine Arztpraxis aufsuchen, statt zunächst einen Test im Drogeriemarkt zu absolvieren. Ein zusätzlicher Zwischenschritt sei dafür nicht erforderlich und schaffe aus Sicht des Ärztepräsidenten keinen medizinischen Mehrwert.
Bereits bestehende Gesundheitsangebote bei dm
Die Drogeriekette dm bietet bereits verschiedene Gesundheitsdienstleistungen in ausgewählten Filialen an, darunter etwa Haut- und Blutanalysen sowie Augenscreenings. Gegen das Augenscreening-Angebot läuft derzeit eine Klage der Wettbewerbszentrale. Mit den neuen Herz-Kreislauf-Checks würde dm sein Angebot erneut erweitern und damit die Diskussion über die Rolle von Handelsunternehmen im Gesundheitsbereich weiter anheizen.
Die Kritik des Ärztepräsidenten richtet sich gegen den Trend, medizinische Leistungen aus der klassischen Arztpraxis in andere Verkaufskanäle zu verlagern. Herz-Kreislauf-Checks in Drogeriemärkten gehören zu einem wachsenden Angebot niedrigschwelliger Gesundheitsservices, die ohne unmittelbare ärztliche Einbindung auskommen. Für die Bundesärztekammer steht dabei die Patientensicherheit im Vordergrund: Sie sieht die Gefahr, dass Messwerte ohne fachkundige Einordnung zu falscher Sicherheit oder unnötiger Verunsicherung führen.
Medizinische Bewertung und Verantwortung
Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen zu den häufigsten Todesursachen, eine frühe Risikoerkennung ist fachlich unstrittig wichtig. Entscheidend ist aus ärztlicher Sicht jedoch die Kombination aus Messwerten, individueller Vorgeschichte, Beschwerden und gegebenenfalls weiterführender Diagnostik. Der Ärztepräsident verweist auf genau diesen Punkt: Ohne Anamnese und ärztliche Bewertung bleibt ein Befund ein isolierter Datenpunkt, mit dem viele Menschen überfordert sein können. Das berührt auch Fragen der Haftung und Verantwortung, wenn in einem Handelsunternehmen Gesundheitschecks angeboten werden, aber keine unmittelbare ärztliche Betreuung angeschlossen ist.
Rolle von Drogerien und möglichen Folgen
Drogerieketten wie dm testen seit einiger Zeit Angebote wie Haut- und Blutanalysen oder Augenscreenings und bewegen sich damit im Grenzbereich zwischen Handel, Gesundheitsvorsorge und Medizin. Für Leserinnen und Leser ist wichtig: Solche Angebote können zwar einen Anlass bieten, sich mit der eigenen Gesundheit zu beschäftigen, ersetzen aber weder eine ärztliche Untersuchung noch eine kontinuierliche Betreuung. Die deutliche Wortwahl des Ärztepräsidenten signalisiert, dass die ärztliche Selbstverwaltung hier eine rote Linie sieht. Sie warnt vor einer Entprofessionalisierung, bei der medizinische Entscheidungen zunehmend auf standardisierte Check-ups ausgelagert werden, ohne dass die komplexe individuelle Risikobewertung noch ausreichend berücksichtigt wird.
Perspektiven für die weitere Debatte
Die Auseinandersetzung verdeutlicht einen grundsätzlichen Konflikt zwischen dem Wunsch nach leicht zugänglichen Gesundheitsangeboten und den Anforderungen an eine qualitativ gesicherte medizinische Versorgung. Je nachdem, wie Unternehmen und Aufsichtsstellen reagieren, könnte die Debatte Auswirkungen auf zukünftige Angebote im Gesundheitsmarkt haben – etwa durch strengere Regulierung, klarere Kennzeichnung oder eine stärkere Einbindung ärztlicher Expertise. Für Kundinnen und Kunden bleibt die Empfehlung, Ergebnisse aus solchen Checks nicht isoliert zu betrachten, sondern offene Fragen zeitnah mit einem Arzt oder einer Ärztin zu besprechen.
