Berlin-Wahl, Die Linke

Berlin-Wahl Linke-Sieg: Clan-Besuch und Antisemitismus-Vorwürfe belasten Rot-Grün-Rot

Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 17:05 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Nach ihrem Wahlsieg in Berlin steht die Linke mit Spitzenkandidatin Elif Eralp vor schwierigen Koalitionsgesprächen – ausgelöst auch durch den Besuch eines Clan-Mitglieds und neue Antisemitismus-Debatten. Grünen und SPD verlangen deutliche Distanzierungen, bevor sie ein Bündnis mit der Linken in Betracht ziehen.

  • Elif Eralp muss vor Gesprächen mit möglichen Koalitionspartnern noch einiges klären. - Bild: Britta Pedersen/dpa
    Elif Eralp muss vor Gesprächen mit möglichen Koalitionspartnern noch einiges klären. - Bild: Britta Pedersen/dpa
  • Am Wahlabend war die Freude über das gute Abschneiden der Linke groß.  - Bild: Sebastian Gollnow/dpa
    Am Wahlabend war die Freude über das gute Abschneiden der Linke groß. - Bild: Sebastian Gollnow/dpa
  • Eralps Wahlkampf drehte sich vor allem um die Mieten in Berlin. Sie hat schon angekündigt: Sie will auch in Sondierungsgesprächen auf Enteignungen großer Wohnungskonzerne bestehen.  - Bild: Sebastian Gollnow/dpa
    Eralps Wahlkampf drehte sich vor allem um die Mieten in Berlin. Sie hat schon angekündigt: Sie will auch in Sondierungsgesprächen auf Enteignungen großer Wohnungskonzerne bestehen. - Bild: Sebastian Gollnow/dpa
  • SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach verlangt von den Linken eine klare Haltung zum Thema Antisemitismus.  - Bild: Christoph Soeder/dpa
    SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach verlangt von den Linken eine klare Haltung zum Thema Antisemitismus. - Bild: Christoph Soeder/dpa
Elif Eralp muss vor Gesprächen mit möglichen Koalitionspartnern noch einiges klären. - Bild: Britta Pedersen/dpa Am Wahlabend war die Freude über das gute Abschneiden der Linke groß.  - Bild: Sebastian Gollnow/dpa Eralps Wahlkampf drehte sich vor allem um die Mieten in Berlin. Sie hat schon angekündigt: Sie will auch in Sondierungsgesprächen auf Enteignungen großer Wohnungskonzerne bestehen.  - Bild: Sebastian Gollnow/dpa SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach verlangt von den Linken eine klare Haltung zum Thema Antisemitismus.  - Bild: Christoph Soeder/dpa

Nach dem Wahlsieg der Linken in Berlin steht Spitzenkandidatin Elif Eralp vor komplizierten Gesprächen über eine mögliche rot-grün-rote Regierungskoalition.

Clan-Besuch bei Wahlparty sorgt für Kritik

Auf einer Wahlparty der Linken im Bezirk Neukölln erschien am Wahlabend ein führendes Mitglied der arabischstämmigen Remmo-Großfamilie. Der Bezirksverband betonte anschließend, es gebe weder politische noch persönliche Beziehungen zu dieser Person; ihre Anwesenheit sei zuvor nicht bekannt gewesen und sie habe nicht auf der Anmeldeliste gestanden.

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) bezeichnete bei X das Auftauchen von Issa Remmo auf einer Linke-Wahlparty als verstörendes Signal und forderte eine unmissverständliche Distanz zu Strukturen der organisierten Kriminalität. Der Neuköllner Linke-Bundestagsabgeordnete Ferat Kocak erklärte, er distanziere sich klar von dem Besuch und sei selbst nicht anwesend gewesen; die Wahlparty sei grundsätzlich öffentlich zugänglich gewesen.

Remmo-Familie und umstrittener Clan-Begriff

Die Remmo-Großfamilie kam in den 1980er-Jahren aus dem Libanon nach Berlin und umfasst nach Angaben der Polizei mehrere hundert Menschen, von denen ein Teil dem kriminellen Clanmilieu zugerechnet wird. Vor allem junge Männer aus der Familie wurden wegen verschiedener Verbrechen und Gewalttaten gefasst und verurteilt, etwa im Zusammenhang mit dem Diebstahl einer riesigen Goldmünze aus einem Berliner Museum.

Der Begriff Clankriminalität ist umstritten, weil Kritiker darin eine pauschale Stigmatisierung von Menschen mit Migrationshintergrund sehen. Auch die Partei Die Linke lehnt diese Bezeichnung weitgehend ab und verweist auf die Gefahr der Diskriminierung ganzer Familienverbände.

Propalästinensischer Aktivist und Verfassungsschutzwarnung

Bei der Wahlparty in Neukölln war zudem ein propalästinensischer Aktivist anwesend, der wegen israelfeindlicher Positionen in der Kritik steht und mit der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) in Verbindung gebracht wird. Der Berliner Verfassungsschutz weist in seinem jüngsten Bericht darauf hin, dass EU und USA die PFLP als terroristische Organisation einstufen.

Auf in sozialen Medien veröffentlichten Fotos von der Wahlparty ist Bundestagsabgeordneter Ferat Kocak neben dem Aktivisten zu sehen. Kocak erklärte auf Anfrage, er distanziere sich ausdrücklich von gewalt- oder terrorverherrlichenden Aussagen jeglicher Art.

Antisemitismus-Debatte in der Berliner Linken

Über Antisemitismus in den Reihen der Berliner Linken wird seit längerem gestritten. Ende August trat bei einer Veranstaltung der Partei ein umstrittener Rapper mit einem Lied gegen den Krieg Israels in Gaza auf, das unter anderem „Yalla Yalla Intifada Westbank, Palästina, Gaza“ und „Death to the IDF“ (Tod der israelischen Armee) enthielt.

Intifada steht für Aufstände in Palästina gegen die israelische Besatzung mit zahlreichen Angriffen und Selbstmordanschlägen und sehr vielen Toten auf beiden Seiten. Eralp kritisierte den Auftritt deutlich; Aufrufe zur Gewalt und zur Tötung von Menschen seien „absolut inakzeptabel“, die Verantwortlichen im Kreisverband Neukölln hätten eingreifen müssen, taten dies aber nicht.

Forderungen der Grünen vor Koalitionsgesprächen

Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf verlangt vor einer möglichen Regierungsbeteiligung eine konsequente Auseinandersetzung der Linken mit Antisemitismus in den eigenen Reihen. Es müsse klar sein, wie die Partei problematische Teile in die Schranken weisen wolle, erklärte er im RBB-Inforadio.

Graf warnte davor, es dürfe nicht zu einer ritualisierten Situation kommen, in der alle paar Wochen ähnliche Konflikte mit dem Kreisverband Neukölln aufflammten. Den Grünen gehe es nach seinen Worten insbesondere um Antisemitismus und um den Umgang mit organisierter Kriminalität.

SPD knüpft Zusammenarbeit an klare Distanzierung

Auch die SPD setzt deutliche Zeichen. Ihr Berliner Spitzenkandidat Steffen Krach fordert für den Fall einer Zusammenarbeit mit der Linken ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus, das für die gesamte neue Linksfraktion im Abgeordnetenhaus gelten müsse. Die SPD-Bundesvorsitzende Bärbel Bas nannte es eine schwierige Situation, mit einer Partei zu kooperieren, die in Teilen oder großen Teilen antisemitisch unterwegs sei.

Krach erklärte, Eralp müsse sich eindeutig distanzieren und es müsse Konsequenzen geben; vor diesen Schritten könne es keine Kooperation geben. Er erwarte bei Vorfällen wie dem Besuch des Clan-Mitglieds auf der Wahlparty nicht nur Worte, sondern auch Taten.

Koalitionsoptionen und Vergesellschaftungspläne

Eine Regierungskoalition unter Führung der Linken ist nur gemeinsam mit Grünen und SPD realistisch. Die Linke erzielte bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus 25,7 Prozent der Stimmen, die Grünen 14,3 Prozent und die SPD 12,1 Prozent. Rechnerisch wäre auch ein schwarz-rot-grünes Bündnis möglich.

Zusätzlich zur Antisemitismus-Debatte erschwert das Ziel der Linken, große Wohnungskonzerne zu vergesellschaften, die Suche nach Koalitionspartnern. Eralp hat angekündigt, auch in Sondierungsgesprächen auf Enteignungen großer Wohnungskonzerne zu bestehen. Am Freitag soll ein Parteitag der Linken über die Aufnahme von Sondierungsgesprächen entscheiden.

Neue Machtoptionen, alte Konfliktlinien

Der Wahlsieg der Berliner Linken mit Elif Eralp an der Spitze markiert einen politischen Einschnitt: Erstmals könnte die Partei das Rote Rathaus führen und damit zentrale Themen wie Mietenpolitik und Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne direkt gestalten. Zugleich zeigen die Reaktionen von Grünen und SPD, dass Fragen von Antisemitismus und Umgang mit organisierter Kriminalität zur entscheidenden Koalitionshürde werden.

Die Vorgeschichte ist komplex: Die Berliner Linke hat in den vergangenen Jahren starken Zulauf aus linken, teils dezidiert propalästinensischen Milieus erhalten. Innerparteiliche Debatten um Israel, Gaza-Krieg und Palästina-Solidarität führten wiederholt zu Vorwürfen, Teile der Partei überschritten antisemitische Grenzen. Zugleich sieht sich die Linke als Schutzmacht für von Rassismus betroffene Migrantinnen und Migranten – und kritisiert pauschale Zuschreibungen wie den Begriff „Clankriminalität“ als stigmatisierend.

Koalitionsarithmetik und Vertrauensfragen

Rechnerisch spricht vieles für ein rot-grün-rotes Bündnis. Politisch aber verlangen SPD und Grüne belastbare Signale: Sie fordern eine klare, glaubhafte Distanzierung von antisemitischen Positionen und eine strikte Abgrenzung gegenüber Akteuren, denen Nähe zu organisierter Kriminalität oder extremistischen Organisationen zugeschrieben wird. Der Besuch von Issa Remmo und eines propalästinensischen Aktivisten mit PFLP-Bezügen auf der Wahlparty verschärft diese Vertrauensfragen unmittelbar.

Für Leserinnen und Leser in Berlin geht es damit um mehr als eine Koalitionsfrage: Entscheidend ist, ob eine mögliche Regierung unter Führung der Linken soziale Versprechen – etwa beim Mieterschutz – mit einer glaubwürdigen Haltung gegen Antisemitismus und Kriminalitätsmilieus verbinden kann. Gelingt dies, könnte sich das politische Kräfteverhältnis in der Hauptstadt dauerhaft verschieben. Scheitert die Vertrauensbildung, rücken Alternativen wie ein schwarz-grün-rotes Bündnis in den Vordergrund – mit anderen Prioritäten in Sicherheits- und Wohnungspolitik.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

spiegel.de: „Berlin: Clan-Größe Issa Remmo auf Linken-Wahlparty – Partei distanziert sich“ (20.09.2026)

Der Bericht schildert, Issa Remmo habe die Wahlparty des Neuköllner Linke-Bezirksverbands besucht und sich dabei zu Antisemitismusvorwürfen gegen die Linke geäußert. Die Darstellung hebe hervor, die Linke in Neukölln betone, es gebe keine politischen oder persönlichen Beziehungen zu Remmo und die Veranstaltung sei öffentlich gewesen. Zugleich werde die Vorgeschichte der Remmo-Familie mit spektakulären Straftaten ausführlich nachgezeichnet, was die politische Brisanz des Besuchs unterstreiche.

fr.de: „Linke Elif Eralp gewinnt in Berlin – doch Antisemitismus-Streit bedroht ihre Koalition“ (20.09.2026)

Der Artikel ordne den Wahlsieg der Linken als historischen Erfolg ein, betone aber, dass Antisemitismusvorwürfe gegen Teile der Partei die Bildung eines rot-grün-roten Bündnisses erschweren könnten. Der Bericht stelle heraus, SPD und Grüne verlangten eine klare Positionierung der Linken zu Israel, Palästina und antisemitischen Äußerungen und sehe darin eine zentrale Bedingung für eine Koalition unter Führung von Elif Eralp.

br.de: „Linke klar vorne bei Berlin-Wahl – aber wird sie auch regieren?“ (21.09.2026)

Der Beitrag stelle die Wahlergebnisse und mögliche Koalitionsmodelle dar und verweise darauf, dass ein rot-rot-grünes Bündnis unter Führung der Linken ebenso möglich sei wie eine Kenia-Koalition. Nach Darstellung des Artikels forderten insbesondere Grünen-Vertreterinnen eine eindeutige Abgrenzung der Linken von Antisemitismus, während die SPD-Spitze die Vergesellschaftungspläne und den Umgang mit strittigen Parteiteilen kritisch sehe.

Medienübergreifend zeichne sich ab, dass die Wahlparty-Vorfälle mit Issa Remmo und der Antisemitismus-Streit als Prüfstein für die Regierungsfähigkeit der Linken gelten. Übereinstimmend werde berichtet, die Linke müsse ihren Wahlsieg nicht nur programmatisch, sondern vor allem durch glaubwürdige Distanzierungen und klare Positionierungen in konkrete Koalitionsverhandlungen überführen.

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