Berlin-Wahl 2026: Diese Spitzenkandidaten wollen ins Rote Rathaus
Veröffentlicht am: 20.09.2026 um 06:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSBei der heutigen Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus treten CDU, Grüne, Linke, SPD und AfD mit deutlich profilierten Spitzenkandidatinnen und -kandidaten an, die allesamt das Ziel verfolgen, ins Rote Rathaus einzuziehen.
CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers als später Nachrücker
CDU-Politiker Stefan Evers, 46 Jahre alt und derzeit Finanzsenator, ist erst Mitte Juli als Spitzenkandidat seiner Partei in den Wahlkampf gestartet. Anlass war der Rückzug des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner, der nach Kritik an seinem Umgang mit dem Stromausfall im Januar auf eine erneute Kandidatur verzichtete. Evers betont, kein bloßer Notnagel zu sein, und setzt eigene Akzente, etwa mit der Forderung, Asylbewerber zu gemeinnütziger Arbeit zu verpflichten und dem Infragestellen des kostenlosen Mittagessens für alle Grundschulkinder. Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit einem AfD-Sieg präsentiert er sich als Garant einer stabilen politischen Mitte.
Werner Graf führt die Grünen mit deutlichem Profil
Für die Grünen tritt Werner Graf als Spitzenkandidat an. Der 45-Jährige, der aus Neumarkt in der Oberpfalz stammt und mit rollendem R und süddeutschem Dialekt auftritt, führt die Partei gemeinsam mit der Co-Fraktionsvorsitzenden Bettina Jarasch durch den Wahlkampf. Graf hat Politikmanagement studiert, gehört seit Langem zur Berliner Landespolitik und ist seit 2022 Co-Vorsitzender der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Innerparteilich ist er im Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg verankert und gilt als Parteilinker, genießt aber auch Unterstützung aus pragmatischeren Teilen der Partei. Im Wahlkampf setzt er auf weniger schrille Töne und kritisiert die schwarz-rote Landesregierung insbesondere in der Verkehrs- und Klimapolitik.
Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp setzt auf harte soziale Kante
Elif Eralp, Spitzenkandidatin der Linken, könnte im Erfolgsfall die erste Regierende Bürgermeisterin ihrer Partei und die erste mit Migrationsgeschichte werden. Die 45-Jährige wurde in München geboren, wuchs in Dortmund und Hamburg auf, ihre Eltern flohen als sozialistische Gewerkschafter aus der Türkei nach Deutschland. Eralp sitzt seit 2021 im Abgeordnetenhaus und ist dort stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Sie fordert, das Rote Rathaus müsse „wirklich rot“ werden, und kündigt für ihre Partei das beste Berliner Wahlergebnis ihrer Geschichte an. Im Wahlkampf setzt sie auf markige Formulierungen und will Berlin zu einem Zentrum des Widerstands gegen sozialen Kahlschlag und Rechtsruck machen. Sie befürwortet die Enteignung großer Wohnungsunternehmen und einen Mietendeckel für landeseigene Wohnungen.
SPD-Mann Steffen Krach zwischen Parteiauftrag und Ermittlungen
Für die SPD kandidiert Steffen Krach. Der 47-Jährige war 2021 direkt gewählter Regionspräsident in Hannover und verzichtete dort auf eine mögliche Wiederwahl, um im vergangenen Sommer nach Berlin zurückzukehren. Dort soll er die SPD an der Macht halten und selbst Regierender Bürgermeister werden. Krach, der bereits von 2014 bis 2021 Berliner Staatssekretär für Wissenschaft war, tourt durch die Stadt und präsentiert sich als Kandidat der Vernunft, während er sowohl den CDU-Regierungschef Kai Wegner als auch den neuen CDU-Spitzenmann Stefan Evers kritisiert – obwohl beide Parteien seit 2023 gemeinsam regieren. Gemeinsam mit der Abgeordneten Bettina König hat er inzwischen auch den SPD-Landesvorsitz übernommen. Kurz vor der Wahl wird er jedoch durch Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover belastet, die unter anderem wegen des Anfangsverdachts der Vorteilsnahme in zwei Fällen im Zusammenhang mit der Nachnutzung eines Klinikgeländes ermittelt.
AfD-Chefin Kristin Brinker mit ambitionierten Zielen
Die Berliner AfD schickt erneut Kristin Brinker als Spitzenkandidatin ins Rennen, wie schon bei den Wahlen 2021 und 2023. Die 54-Jährige gilt innerhalb der Partei als starke Frau und zeigt als Landes- und Fraktionsvorsitzende seit Längerem Führungsfähigkeit. Nach neun Prozent im Jahr 2023 formuliert sie nun das Ziel, stärkste Partei zu werden. Brinker, geboren 1972 in Bernburg und nach der Wende nach Berlin gezogen, studierte Architektur an der Technischen Universität und promovierte dort. Sie arbeitete im Immobilienbereich, bevor sie in die Politik wechselte und seit 2016 dem Abgeordnetenhaus angehört. Im Wahlkampf setzt sie auf eine Mischung aus sachlichen Argumenten und derber Sprache und fordert unter anderem ein Programm zur Remigration sowie die Vergabe neuer Wohnungen nach einem Punktesystem zugunsten langjähriger Berliner.
Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus als Richtungsentscheidung
Die Vorstellung der Spitzenkandidatinnen und -kandidaten unterstreicht, dass die Abgeordnetenhauswahl in Berlin als Richtungswahl gilt. Mit CDU, Grünen, Linken, SPD und AfD stehen sehr unterschiedliche politische Konzepte gegenüber, die vom Kurs der Haushalts- und Sozialpolitik über die Migrations- und Wohnungspolitik bis zur Verkehrswende reichen. Für die Parteistrategien geht es nicht nur um das Rote Rathaus, sondern auch um Signalwirkungen für die Bundespolitik, weil Berlin als Hauptstadt politisch stark wahrgenommen wird.
Spannungsfelder: Haushalt, Migration, soziale Stadt
Der CDU-Bewerber Stefan Evers verbindet konservatives Profil mit dem Versprechen stabiler Verhältnisse und knüpft an seine Rolle als Finanzsenator an, in der er harte Sparprogramme verantwortet hat. Dem stellen Werner Graf und Elif Eralp deutlich linkere Konzepte gegenüber: Graf mit Fokus auf Klima- und Verkehrspolitik, Eralp mit sehr weitgehenden Vorschlägen für Mietendeckel und Enteignungen großer Wohnungsunternehmen. Steffen Krach versucht, die SPD als pragmatische Kraft der Vernunft zu positionieren, wird jedoch durch schlechte Umfragewerte und Ermittlungen gegen seine Person belastet. Kristin Brinker setzt auf migrationspolitische Zuspitzung und Forderungen wie ein „Programm zur Remigration“, was die Auseinandersetzung um Integration und Teilhabe weiter verschärft.
Mögliche Folgen für Koalitionen und Stadtgesellschaft
Das Spektrum der Kandidaturen deutet auf komplexe Koalitionsbildungen hin: Während Graf offen linke Bündnisse bevorzugt, gilt er zugleich als Brückenbauer zur CDU. Evers wirbt um Wähler, die keine starken politischen Ränder wollen, was auf mögliche Fortsetzung oder Neuauflage eines Mitte-Bündnisses zielt. Eralp setzt auf eine klar linke Mobilisierung gegen sozialen Abbau, Krach kämpft darum, die SPD als unverzichtbaren Regierungspartner zu erhalten. Brinkers Kurs könnte die Debatte um Migration und Wohnen weiter polarisieren. Für die Berlinerinnen und Berliner steht damit nicht nur die Frage im Raum, wer regiert, sondern wie konfliktreich oder konsensorientiert die politische Kultur der Stadt in den kommenden Jahren geprägt sein wird.
