Adipositas, Kindermedizin

Ärzte wollen GLP-1-Abnehmspritze für extrem adipöse Jugendliche einsetzen

Veröffentlicht am: 04.09.2026 um 15:03 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWS

Fachärzte in Deutschland drängen auf den Einsatz von GLP-1-Medikamenten zur Behandlung extremer Adipositas bei Jugendlichen, nachdem die Leitlinie zur Therapie im Kindes- und Jugendalter vorgezogen angepasst wurde. Die Präparate sollen nur bei Hochrisikopatienten eingesetzt werden, bei denen Lebensstilprogramme nicht ausreichen.

Ärzte fordern Abnehmspritze für Kinder und Jugendliche
Junge Leute in einem Park (Archiv) - Bild: via dts Nachrichtenagentur

Ärzte in Deutschland sprechen sich für den gezielten Einsatz einer Abnehmspritze bei Kindern und Jugendlichen mit extremer Adipositas aus. Anlass sind neue Zulassungen von Wirkstoffen und eine vorgezogene Anpassung der medizinischen Leitlinie zur Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter.

Fachgesellschaft warnt vor Folgen extremer Adipositas

Susann Weihrauch-Blüher, Vizepräsidentin der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, betonte im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin "Focus", mit den neuen Medikamenten liege "eine völlig neue Situation" vor. In Deutschland leben demnach geschätzt zwei Millionen übergewichtige Kinder und Jugendliche; etwa 800.000 gelten als krankhaft adipös, weitere 200.000 als extrem adipös. Mit dem starken Übergewicht steigt das Risiko für schwere Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz- und Kreislaufkrankheiten, hormonelle Störungen und Fettleber.

Zulassungen für Liraglutid und Semaglutid im Kindesalter

Im vergangenen Jahr hat die Europäische Arzneimittelagentur erstmals einen Wirkstoff zur Gewichtsreduktion für Kinder ab sechs Jahren zugelassen. Der Wirkstoff Liraglutid darf bei Adipositas ab sechs Jahren eingesetzt werden, Semaglutid ab zwölf Jahren. Eine Erweiterung der Semaglutid-Zulassung auf Kinder ab sechs Jahren wird nach Angaben von Weihrauch-Blüher erwartet. Beide Präparate gehören zur Gruppe der GLP-1-Analoga und werden als Injektion verabreicht.

Leitlinie vorgezogen überarbeitet

Um solche Therapien zu ermöglichen, wurde die Leitlinie zur "Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter" angepasst. Laut Weihrauch-Blüher wäre die turnusmäßige Überarbeitung erst für 2027 vorgesehen gewesen. Angesichts der neuen Studienlage und der hohen Zahl betroffener Kinder sei es nach ihrer Darstellung jedoch nicht vertretbar gewesen, so lange zu warten.

Strenge Kriterien für den Einsatz der Abnehmspritze

Die Empfehlung richtet sich nach Aussage der Pädiaterin an Jugendliche ab zwölf Jahren mit extremer Adipositas und bereits vorhandenen Begleiterkrankungen. Sie betrifft jene Patienten, die trotz intensiver Lebensstilintervention weiter an Gewicht zunehmen und bei denen binnen kurzer Zeit gravierende Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes zu erwarten sind. Weihrauch-Blüher leitet an der Universitätsmedizin Halle den Bereich Pädiatrische Endokrinologie und Adipositas.

Wirkmechanismus der GLP-1-Medikamente

Die vorgesehenen Arzneimittel imitieren das Darmhormon GLP-1. Dieses senkt den Blutzucker, verstärkt das Sättigungsgefühl und zügelt den Appetit. Auf diese Weise sollen Kinder und Jugendliche mit extremer Adipositas unterstützt werden, ihr Gewicht zu reduzieren und das Risiko von Folgeerkrankungen zu senken.

Abnehmpille Wegovy vorerst nur für Erwachsene

Parallel ist seit dieser Woche die Abnehmpille Wegovy in Deutschland erhältlich. Sie basiert ebenfalls auf einem GLP-1-Wirkstoff, steht jungen Patienten laut Weihrauch-Blüher jedoch bislang nicht zur Verfügung. Wegovy ist derzeit erst ab 18 Jahren zugelassen und spielt damit für die Behandlung von Adipositas im Kindes- und Jugendalter noch keine Rolle.

Die Forderung nach einem breiteren Einsatz von sogenannten Abnehmspritzen bei Kindern und Jugendlichen markiert einen deutlichen Schritt hin zu einer medikamentösen Therapie von schwerer Adipositas im jungen Alter. Deutschland folgt damit einer Entwicklung, die international bereits seit einigen Jahren zu beobachten ist: GLP-1-Analoga wie Liraglutid und Semaglutid werden zunehmend nicht nur zur Behandlung von Typ-2-Diabetes, sondern gezielt zur Gewichtsreduktion eingesetzt.

Medizinischer Hintergrund und Dimension des Problems

Mit rund zwei Millionen übergewichtigen Kindern und Jugendlichen und insgesamt etwa einer Million Betroffenen mit krankhafter oder extremer Adipositas handelt es sich um ein gravierendes Gesundheitsproblem. Schweres Übergewicht im Kindesalter erhöht das Risiko für frühe Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber und hormonelle Störungen und kann damit die Lebensperspektive bereits in jungen Jahren beeinträchtigen. Die nun angepasste Leitlinie zielt auf jene Jugendlichen, bei denen intensive Lebensstilprogramme nicht greifen und bei denen kurzfristig schwere Komplikationen erwartet werden.

Neue Leitlinien als Signalwechsel

Dass die medizinische Leitlinie zur Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter vorgezogen überarbeitet wurde, ist ein deutliches Signal: Fachgesellschaften sehen in den neuen Wirkstoffen eine relevante Chance, schwere Verläufe zu verhindern. Die beschriebene Indikation ist jedoch eng gefasst – nur Jugendliche ab zwölf Jahren mit extremer Adipositas und bestehenden Begleiterkrankungen kommen in Frage. Damit bleibt der Einsatz klar auf Hochrisikofälle beschränkt und ersetzt nicht Programme zur Ernährungsumstellung, Bewegung und psychologischen Unterstützung.

Bedeutung für Versorgung und Debatte

Mit der EMA-Zulassung von Liraglutid ab sechs und Semaglutid ab zwölf Jahren und der parallelen Leitlinienanpassung rückt die Frage in den Vordergrund, wie weit medikamentöse Interventionen bei Kindern gehen sollen. Gleichzeitig zeigt die neue, in Deutschland verfügbare Abnehmpille Wegovy, die allerdings erst ab 18 Jahren zugelassen ist, dass der Markt für Gewichtsreduktion stark wächst. Für Familien und Behandelnde wird entscheidend sein, ob Medikamente verantwortungsvoll eingebettet werden – als Baustein in einem umfassenden Therapiekonzept und nicht als vermeintlich einfache Lösung.

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