TikTok: EU-Kommission wirft Plattform „süchtig machendes Design“ vor
08.02.2026 - 02:52:12Die EU-Kommission sieht den Videodienst TikTok im Verdacht, mit seinem Aufbau gegen das neue Digitalrecht zu verstoßen. Die Vorwürfe betreffen den Kern des Geschäftsmodells und könnten Milliardenstrafen nach sich ziehen.
Brüssel. Die EU-Kommission hat eine schwere Anschuldigung gegen den chinesischen Videodienst TikTok erhoben. Nach vorläufigen Ergebnissen einer Untersuchung sei die Plattform „von Grund auf süchtig machend“ gestaltet und verletze damit die Vorgaben des Digital Services Act (DSA), teilte die Behörde am 6. Februar 2026 mit. Im Fokus stehen der mächtige Empfehlungsalgorithmus und das endlose Scrollen, die besonders für Minderjährige ein erhebliches Risiko für die psychische und körperliche Gesundheit darstellen sollen.
Es ist einer der bislang schärfsten Vorstöße der EU unter dem DSA. Bestätigen sich die Befunde, drohen TikTok Strafen in Milliardenhöhe. Das Unternehmen müsste dann die grundlegende Architektur seiner Nutzererfahrung in Europa überarbeiten. TikTok wies die Vorwürfe umgehend zurück. Die Schlussfolgerungen basierten auf einer „kategorisch falschen und völlig haltlosen Darstellung“ der Plattform, so ein Sprecher. Man werde sie entschieden anfechten.
Der Algorithmus als Antrieb zur Dauernutzung
Die Untersuchung konzentrierte sich auf mehrere Kernfunktionen, die zwanghaftes Nutzerverhalten fördern sollen. Im Zentrum steht der hochgradig personalisierte „For You“-Feed. Die Aufsichtsbehörden argumentieren, dass das System durch die ständige Belohnung mit neuem, maßgeschneidertem Inhalt den Drang zum Weiterscrollen anheizt. Der Nutzer gerate in einen „Autopilot-Modus“.
Die Untersuchung gegen TikTok zeigt, wie kritisch Aufsichtsbehörden fehlende Risikoanalysen bei algorithmusbasierten Diensten bewerten. Gerade bei personalisierten „For You“-Feeds kann eine fehlende Datenschutz‑Folgenabschätzung (DSFA) zu empfindlichen Geldbußen und zu Zwangsmaßnahmen führen. Unser kostenloses E‑Book erklärt in verständlichen Schritten, wann eine DSFA Pflicht ist, welche Risiken systematisch zu bewerten sind und wie Sie die erforderliche Dokumentation rechtssicher erstellen — inklusive Praxis‑Checklisten für Entwickler, Plattformbetreiber und Compliance‑Verantwortliche. Jetzt kostenlosen DSFA-Leitfaden herunterladen
Auch Funktionen wie das „Infinite Scroll“, das natürliche Stopppunkte eliminiert, und automatisch abspielende Videos sieht die Kommission als problematisch an. Sie förderten gewohnheitsmäßige statt bewusste Nutzungsmuster. Dieses Design könne zu zwanghaftem Verhalten und einem verminderten Gefühl der Selbstkontrolle führen. TikTok habe es versäumt, die systemischen Risiken dieses süchtig machenden Designs angemessen zu bewerten und zu mindern.
Mangelhafter Schutz für junge Nutzer
Ein besonderer Fokus liegt auf den Auswirkungen für Minderjährige. Die bestehenden Schutzmaßnahmen von TikTok stuft die Kommission als unzureichend ein. Tools wie Bildschirmzeitbegrenzungen seien ineffektiv, da die Benachrichtigungen leicht weggeklickt werden könnten. Sie böten kaum eine wirksame Hürde gegen übermäßigen Konsum.
Auch die elterlichen Kontrollen wurden kritisiert: Sie seien zu kompliziert und erforderten von Eltern erheblichen Zeitaufwand und technisches Know-how. Die Plattform ignoriere zentrale Indikatoren für zwanghafte Nutzung – etwa wie lange Minderjährige nachts auf die App sind oder wie häufig sie sie öffnen. Dieses Versäumnis, angemessene Schutzvorkehrungen zu treffen, ist ein Kernpunkt des mutmaßlichen DSA-Verstoßes.
Die Macht des Digital Services Act
Der Fall ist ein großer Bewährungsprobe für den Digital Services Act, der 2024 vollständig in Kraft trat. Das Gesetz verpflichtet sehr große Online-Plattformen wie TikTok, systemische Risiken aktiv zu bewerten und einzudämmen – darunter auch negative Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden und den Schutz Minderjähriger.
Die Kommission kann bei Verstößen hohe Strafen durchsetzen, bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes eines Unternehmens. Für TikTok könnte dies eine Summe im mehrstelligen Milliardenbereich bedeuten.
Ein Präzedenzfall für die gesamte Tech-Branche
Die Befunde der Kommission sind vorläufig, das Untersuchungsverfahren läuft. TikTok erhält nun Gelegenheit, sich formell zu den Vorwürfen zu äußern. Die Aufseher haben jedoch bereits angedeutet, welche Änderungen sie fordern könnten. Denkbar wäre etwa die Abschaltung des „Infinite Scroll“ oder eine Anpassung des Empfehlungsalgorithmus.
Der Ausgang des Verfahrens wird genau beobachtet. Eine endgültige Entscheidung gegen TikTok würde einen machtvollen Präzedenzfall schaffen. Sie könnte die gesamte Social-Media-Branche in der EU zwingen, von Design-Features abzurücken, die Nutzerbindung über das Wohlbefinden der User stellen. Die Standards für algorithmische Verantwortung und Nutzerschutz im digitalen Zeitalter ständen neu zur Debatte – mit möglichen Auswirkungen auf Plattform-Design und Regulierung weltweit.
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