Thyssenkrupp Steel plant historischen Umbau mit 11.000 Stellenabbau
30.12.2025 - 20:22:12Thyssenkrupp Steel Europe plant den Abbau von 11.000 Arbeitsplätzen bis 2030 und verhandelt parallel über eine Übernahme durch den indischen Stahlriesen Jindal.
Der größte deutsche Stahlkonzern Thyssenkrupp Steel Europe steht vor einer Zäsur. Ein drastischer Sanierungsplan sieht den Abbau von rund 11.000 Arbeitsplätzen bis 2030 vor – während gleichzeitig die Übernahme durch den indischen Konzern Jindal verhandelt wird.
Die Entscheidung markiert das turbulente Ende eines Jahres voller Führungsstreitigkeiten und Besitzerwechsel. Unter intensiver Beteiligung von Wirtschaftsausschuss und Betriebsrat geht es nun darum, die verbleibenden Standorte zu sichern und den Übergang für eine verunsicherte Belegschaft zu gestalten.
Massiver Stellenabbau: Jeder vierte Arbeitsplatz betroffen
Das Ausmaß der Restrukturierung ist historisch: Insgesamt sind etwa 40 Prozent der Belegschaft betroffen. Der Plan, der in dieser Woche finalisiert wurde, sieht 5.000 direkte Stellenstreichungen vor. Weitere 6.000 Jobs sollen durch Auslagerung oder Verkauf von Geschäftseinheiten wegfallen.
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Ziel ist eine radikale Verkleinerung bis 2030. Die Produktionskapazität soll von aktuell 11,5 Millionen auf nur noch 8,7 bis 9 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr schrumpfen. Hinter dieser strategischen Schrumpfung steht ein „perfekter Sturm“ aus Herausforderungen: dauerhaft hohe Energiepreise in Deutschland, schwache Nachfrage der Autoindustrie und eine Flut billiger Stahlimporte aus Asien. Die aktuelle Unternehmensstruktur, so das Management, sei in diesem Umfeld nicht mehr überlebensfähig.
Der Sanierungskonzept wurde bereits im Dezember in einen Tarifvertrag mit IG Metall gegossen. Die Finanzierung der Transformation ist bis zum 30. September 2030 gesichert. Dennoch sendet die schiere Größe der Kürzungen Schockwellen durch das Ruhrgebiet, wo Thyssenkrupp seit Generationen industrieller Anker ist.
Betriebsrat erkämpft soziale Schutzschirme
Trotz der Härte der Einschnitte gelang es Betriebsrat und IG Metall, wesentliche Zugeständnisse zu erkämpfen. Nach intensiven Verhandlungen steht fest: Betriebsbedingte Kündigungen sind bis mindestens 2028 ausgeschlossen.
Die Vereinbarung setzt auf „sozial verantwortliche“ Instrumente wie Altersteilzeit, Abfindungsprogramme und natürliche Fluktuation. Juergen Kerner, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender und IG-Metall-Vertreter, betonte, die verlängerten Beschäftigungsgarantien seien ein entscheidender Erfolg. Die Gewerkschaft will sicherstellen, dass der Wirtschaftsausschuss die Umsetzung der Kürzungen überwacht und so ein Aushebeln der Mitbestimmung verhindert.
Auch die Lage beim Joint Venture Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) bleibt kritisch. Zwar erhielt HKM Ende Dezember eine staatliche Beihilfe von 200 Millionen Euro für die Transformation. Die Anteilseigner – Thyssenkrupp, Salzgitter und Vallourec – streiten jedoch weiter über die langfristige Tragfähigkeit und die Kostenaufteilung für den Standort.
Eigentümerwechsel: Kretinsky geht, Jindal kommt
Der operative Umbau vollzieht sich vor dem Hintergrund dramatischer Eigentümerwechsel. Der tschechische Milliardär Daniel Kretinsky zog sich überraschend im Oktober 2025 aus dem Investment zurück. Sein Energieholding EPCG verkaufte die 20-Prozent-Beteiligung an Thyssenkrupp zurück. Der geplante Ausbau auf 50 Prozent war an Unstimmigkeiten über die Finanzierung der grünen Stahlwende und an Konflikten mit den Arbeitnehmervertretern gescheitert.
An Kretinskys Stelle tritt nun ein potenzieller neuer Eigentümer: Jindal Steel International. Mit dem indischen Stahlriesen laufen seit September Verhandlungen über eine mögliche Übernahme der gesamten Stahlsparte. Eine finale Vereinbarung steht noch aus.
Eine Übernahme durch Jindal könnte die strategische Ausrichtung fundamental verändern. Während der Konzern Kapital und globale Reichweite bringt, sorgen sich die Gewerkschaften um kulturelle Konflikte und die Zukunft der deutschen Mitbestimmung. Der Wirtschaftsausschuss wird jedes Angebot genau prüfen – insbesondere hinsichtlich Garantien für die Standorte und der Einhaltung des Fahrplans zur „grünen Stahl“-Produktion.
Düstere Prognose und anhaltende Marktturbulenzen
Die Dringlichkeit der Sanierung unterstreicht die finanzielle Prognose des Konzerns. Thyssenkrupp AG warnte bereits im Dezember, die Stahlsparte werde 2026 voraussichtlich einen Nettoverlust von fast einer Milliarde Euro einfahren. Grund sind die hohen Restrukturierungskosten und die anhaltende Schwäche auf dem europäischen Stahlmarkt.
Globale Handelskonflikte und weltweite Überkapazitäten setzen den europäischen Herstellern weiter zu. Maßnahmen wie der CO₂-Grenzausgleich (CBAM) konnten den Preisdruck durch Billigimporte bisher nicht vollständig abfedern. Die Kapazitätskürzung bei Thyssenkrupp gilt vielen Experten daher als notwendige, wenn auch schmerzhafte Anpassung an eine „neue Normalität“: eine kleinere, spezialisiertere und weniger dominante europäische Stahlproduktion.
Für das kommende Jahr wird der Zeitplan des Stellenabbaus die Agenda in Duisburg dominieren. Die oberste Priorität des Betriebsrats bleibt, das Versprechen der „sozialen Verantwortung“ einzulösen und eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen bei den 6.000 ausgelagerten Jobs zu verhindern. Parallel entscheiden die Gespräche mit Jindal, ob Thyssenkrupp Steel ein deutsch geführtes Unternehmen bleibt oder Teil eines globalen indischen Imperiums wird. Für die Beschäftigten im Ruhrgebiet verspricht das neue Jahr ähnlich große Herausforderungen wie das alte.
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