Sachbücher stellen Systemfrage: Kapitalismus und Demokratie im Fokus
19.02.2026 - 14:51:11 | boerse-global.deDie aktuellen Sachbuch-Bestsellerlisten werden von einer klaren Frage dominiert: Hält unser System noch, was es verspricht? Angeführt von Soziologe Hartmut Rosa und Ökonomin Martyna Linartas stellen Neuerscheinungen den modernen Kapitalismus und die Handlungsfähigkeit der Demokratie radikal auf den Prüfstand. Diese intellektuelle Verschiebung spiegelt ein tiefes gesellschaftliches Unbehagen wider.
Renaissance des politischen Sachbuchs
Die „Sachbücher des Monats Februar 2026“ zeigen ein klares Bild. An der Spitze der gemeinsamen Bestenliste von ORF, Die Welt und NZZ steht Hartmut Rosas neues Werk „Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums“. Parallel dazu erobert Martyna Linartas‘ „Unverdiente Ungleichheit“ die Wirtschafts-Bestsellerlisten.
Während frühere Erfolgstitel oft individuelle Lösungen in den Vordergrund stellten, geht es jetzt um die großen Strukturen. Die zentrale These, die derzeit in Feuilletons diskutiert wird, lautet: Lässt der Kapitalismus der Demokratie noch die Luft zum Atmen?
Rosa: Demokratie verliert ihren Spielraum
Hartmut Rosa, bekannt für seine Resonanztheorie, trifft mit seiner Analyse den Nerv der Zeit. In „Situation und Konstellation“ beschreibt der Soziologe ein paradoxes Phänomen: Obwohl uns theoretisch unendliche Möglichkeiten offenstehen, schwindet der reale Handlungsspielraum.
Das Buch argumentiert, dass ökonomische Zwänge und die Beschleunigungslogik des Marktes Situationen der Alternativlosigkeit schaffen. Für die Politik stellt sich damit eine fundamentale Frage: Wie viel Gestaltungsmacht besitzt sie noch gegenüber globalen Wirtschaftskräften?
Linartas attackiert den Mythos der Leistung
Martyna Linartas bringt mit „Unverdiente Ungleichheit“ eine ökonomische Perspektive in die Debatte. Ihr Angriffsziel ist das Kernversprechen des Kapitalismus: die Leistungsgerechtigkeit. Linartas argumentiert, dass die bevorstehende Vererbung von Billionenvermögen in der DACH-Region eine „Erbengesellschaft“ zementiert.
Diese Entwicklung untergrabe den demokratischen Grundsatz der Chancengleichheit. Die hohe Platzierung auf der Wirtschafts-Bestsellerliste des Manager Magazin zeigt: Das Thema erreicht mittlerweile auch das bürgerliche Lager und Führungskräfte.
Historische Warnungen als mahnender Unterton
Die aktuelle Literaturwelle blickt auch in die Vergangenheit. Ein bemerkenswerter Titel auf der Liste ist die Wiederentdeckung von Dorothy Thompsons „Das Ende der Demokratie. Reportagen aus Deutschland 1931–1932“.
Die Aufnahme dieser historischen Reportagen setzt die heutigen Krisen in einen bedrückenden Kontext. Die Parallelen zu den ökonomischen Verwerfungen vor dem Aufstieg des Nationalsozialismus wirken wie ein mahnender Unterton der gesamten Buchsaison.
Wiener Buchhandlungen werden Diskurs-Arenen
Die Themen verlassen die Buchseiten und erobern den öffentlichen Raum. Wiener Buchhandlungen und Literaturhäuser verwandeln sich in dieser Woche zu Arenen des politischen Diskurses.
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Ein Highlight kündigt sich für den kommenden Mittwoch an: In der Döblinger Buchhandlung diskutieren der Philosoph Konrad Paul Liessmann und Michaela Masek über die „Krisen unserer Zeit“. Bereits heute präsentiert Laura Freudenthaler in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur ihr neues Buch – ein Beleg für die Dichte an hochkarätigen Debatten.
Die Gleichzeitigkeit, mit der Rosa den politischen und Linartas den ökonomischen Spielraum thematisieren, liefert eine umfassende Diagnose. Ob diese literarischen Impulse jedoch im politischen Betrieb Resonanz finden oder einfach verhallen, bleibt die entscheidende Frage dieses Buchfrühlings.
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