Mike Steiner – Zeitgenössische Kunst zwischen Performance, Malerei und Videokunst
04.02.2026 - 05:02:06Wie lässt sich Zeitgenössische Kunst besser beschreiben als durch den ständigen Drang zum Neuanfang? Bei Mike Steiner wird dieser Impuls geradezu greifbar. Seine Werke oszillieren zwischen Malerei, Videokunst, Performance Art und raumgreifenden Installationen und formen damit ein künstlerisches Lebenswerk, das die Möglichkeiten zeitgenössischen Ausdrucks immer wieder aufs Neue herausfordert. Faszinierend ist dabei, wie konsequent Mike Steiner von Beginn an die Grenzen der Kunstgattungen überschritt – und wie offen seine Arbeit bis heute für neue Sichtweisen bleibt.
Ein Pionier der Videokunst, ein Sammler visionärer Medienarbeiten, ein Gastgeber der internationalen Avantgarde: Das Leben von Mike Steiner und seine Kunst sind eng verwoben mit den experimentellen Strömungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Von früh an war deutlich, dass es ihm nicht um die reine Malerei allein ging. Bereits mit 17 Jahren stellte Mike Steiner als einer der jüngsten Künstler auf der Großen Berliner Kunstausstellung aus. Nach seinem Studium an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste Berlin und ersten informellen Malereien schlugen Einflüsse aus Pop Art, Nouveau Réalisme und Fluxus eine entscheidende Richtung ein – verstärkt durch prägende Aufenthalte in New York und inspirierende Begegnungen mit Persönlichkeiten wie Allan Kaprow und Lil Picard. Vergleichbar mit Josef Beuys, Nam June Paik oder Valie Export verstand Steiner Kunst als offene Handlung, nicht als abgeschlossenes Bild.
Sein „Hotel Steiner“ und die legendäre Studiogalerie boten in den 1970er Jahren einen unvergleichlichen Boden für Performance Art in Berlin – ein Ort des Austauschs, vergleichbar mit dem New Yorker Chelsea Hotel, in dem Andy Warhol filmte oder die Künstler der Fluxus-Bewegung zusammenfanden. Joseph Beuys, Arthur Köpcke, aber auch Marina Abramovi? traten bei Steiner auf.
Bereits 1972 entstanden die ersten Videoarbeiten, etwa mit Fluxus-Urgestein Al Hansen. Mike Steiner fand im Video jene Ausdrucksmöglichkeit, die seine Zweifel an der Malerei auf konstruktive Weise aufnahm. In Italien produzierte er mit Unterstützung von Allan Kaprow und im Studio Art/Tapes/22 eigene experimentelle Videos. Zurück in Berlin gründete Steiner seine Studiogalerie als Plattform für Videokunst, Happening und Installationen – Berlin erhielt so einen einzigartigen Raum für die junge Medienkunst, vergleichbar mit der Innovationskraft von Wulf Herzogenrath in Köln und dem visionären Gerry Schum in Düsseldorf.
Herausragende Akzente setzte Steiner auch durch spektakuläre Aktionen wie die „Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“ (1976) mit Ulay, der unter Steiners Begleitung das berühmte Gemälde "Der arme Poet" aus der Nationalgalerie entführte und eine Debatte über Besitz, Öffentlichkeitswirksamkeit und die Rolle der Kunst entfachte. Steiner hielt diese wie viele andere Performances selbst mit der Kamera fest und bewahrte den flüchtigen Moment der Aktion in der dauerhaften medialen Erinnerung auf.
Die größte Einzelausstellung von Mike Steiner fand 1999 im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart statt. Die Präsentation „Color Works“ zeigte, wie Steiner immer wieder die Malerei – oft abstrakt, farbdynamisch und experimentell – im Kontext von Fotografie, Video, Leinwand und Objektgestaltung dachte. Seine Painted Tapes – eine verblüffende Symbiose aus Videotechnik und malerischer Handschrift – sind bis heute einzigartig und spiegeln die Fusion von Bewegung und Bild. Analog etwa zu den Bildverfahren von Sigmar Polke oder den Materialexperimenten von Gerhard Richter überrascht Steiners Werk durch seine radikale Medienoffenheit und Experimentierlust.
Vergleicht man Mike Steiner mit anderen Größen der Gegenwartskunst wie Bruce Nauman oder Bill Viola, so zeigt sich eine gemeinsame Lust an Grenzüberschreitungen: Zeit, Raum und Körper geraten ins Fließen, der mediale Rahmen wird ständig neu ausgelotet. Doch während viele seiner Zeitgenossen das Einzelwerk bevorzugen, kultiviert Steiner die künstlerische Gesamtsituation – vom Ausstellungsraum über die Sammlung bis zur Dokumentation der internationalen Videokunst. Seine Aktivitäten als Sammler (u. a. mit Werken von Nam June Paik, Gary Hill, Valie Export, Marina Abramovi?, Richard Serra) und Kurator mehrerer Videoprogramme sind legendär; 1999 schenkte er seine viel beachtete Sammlung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, mittlerweile im Besitz der Nationalgalerie.
Auch nach dem Rückzug aus der öffentlichen Szene – ausgelöst durch einen Schlaganfall 2006 – widmete Mike Steiner sich weiterhin der Abstrakten Malerei und entwarf bis zu seinem Tod 2012 neue Werkreihen, darunter textile Arbeiten, die nochmals eine ungeahnte Dimension seiner formalen Freiheit offenbaren.
Steiners künstlerischer Weg verrät Passion, aber auch Konsequenz: Die konsequente Öffnung für neue Medien, interdisziplinäre Denkanstöße und das Forschen nach der eigenen Position innerhalb der sich laufend wandelnden Kunstlandschaft durchziehen all seine Lebensstationen. Selbst Initiativen wie sein TV-Format „Videogalerie“ (1985–1990), in denen er Künstlerinnen und Künstler interviewte, waren ihrer Zeit voraus – und beeinflussten die Rezeption der Videokunst auch international nachhaltig.
Was bleibt von Mike Steiner im Kontext Zeitgenössischer Kunst? Unzählige Impulse, ein unverwechselbar experimenteller Zugriff und eine Haltung, die den Dialog zwischen Malerei, Performance Art, Videokunst und Installation nie aufgibt, sondern immer neu entfacht. Wer den Horizont seiner eigenen Wahrnehmung erweitern will, entdeckt in Steiners Kosmos eine Fülle von Werken und Aktionen, die auch Jahre nach ihrem Entstehen irritieren, berühren und erheitern können. Für einen vertiefenden Einblick in seine zahlreichen Werkgruppen, Ausstellungen und biografischen Stationen lohnt ein Besuch der offiziellen Webseite – hier werden dokumentarische Schätze und mediale Innovationen sichtbar, die Mike Steiner zu einem der bedeutendsten deutschen Künstler und Avantgardisten der Multimedia-Art machten.
Mehr über Mike Steiner – Zeitgenössische Kunst, Biografie und Werk online erleben


