Mike Steiner: Zeitgenössische Kunst zwischen Malerei, Performance und Videokunst
16.02.2026 - 05:02:03Wie lässt sich das Wesen der Zeitgenössischen Kunst greifen, wenn sie von einem Künstler wie Mike Steiner immer wieder neu definiert wird? Wer Steiners Werk begegnet, blickt in eine Geschichte künstlerischer Grenzüberschreitungen: Zwischen Malerei, Performance Art und Videokunst lotet Mike Steiner den Möglichkeitsraum der Gegenwartskunst aus – und prägt damit bleibende Impulse weit über Berlin hinaus.
Markant für Mike Steiner ist die Vielgestaltigkeit seines künstlerischen Werks. Schon früh, als einer der jüngsten Teilnehmer der Großen Berliner Kunstausstellung 1959, trat er mit Malerei hervor, die sowohl formal als auch farblich Mut bewies. Doch aus der scheinbar klassischen Malerei entfaltete Steiner rasch eine Suche nach neuen Ausdrucksweisen, die ihn zu Experimenten mit Medien wie Fotografie, Copy Art, Super-8-Film und schließlich Videokunst führte. Das Werkverzeichnis auf www.mike-steiner.de dokumentiert diese Wandlungsfähigkeit eindrücklich – von frühen Stillleben über die „Painted Tapes“, die Videosequenzen malerisch überblenden, bis zu den kompromisslos abstrakten Kompositionen seiner Spätzeit.
Internationales Aufsehen erzielte Mike Steiner auch durch innovative Werkgruppen im Bereich der Performance und Videokunst. Er eröffnete 1970 das legendäre Hotel Steiner in Berlin – ein Treffpunkt für Künstler wie Joseph Beuys, Marina Abramovi? oder Allan Kaprow. Hier entstand eine produktive Atmosphäre, die Steiner für sich und andere nutzte: sowohl als Organisator radikaler Performances als auch als Dokumentarist mit der Videokamera. Besonders in der Studiogalerie (Ludwigkirchstraße/Berlin), die 1974 nach dem Florentiner Vorbild Studio Art/Tapes/22 gegründet wurde, förderte Steiner die damals kaum etablierte Videokunst und bot Raum für performative Grenzüberschreitungen.
Ein bedeutendes Beispiel für Steiners Einfluss ist die spektakuläre Aktion „Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“ (1976, mit Ulay): In einer perfekten Inszenierung wurde ein berühmtes Spitzweg-Gemälde aus der Neuen Nationalgalerie entfernt und der Akt selbst zum Kunstwerk erklärt. Steiner erweiterte damit nicht nur den Begriff der Performance Art, sondern verschmolz Realität, Dokumentation und Ästhetik in einer Weise, die an den radikalen Gestus einer Marina Abramovi? erinnert – eine der prägenden Protagonistinnen seiner Zeit, die auch mehrfach in seinen Projekten zu Gast war. Im Vergleich zu anderen Ikonen der zeitgenössischen Kunst wie Nam June Paik oder Joseph Beuys zeigt sich: Während Paik auf globale technologische Vernetzung setzte und Beuys gesellschaftliche Skulpturen etablierte, war Mike Steiner stets auf die unmittelbare Erfahrung im Grenzbereich von Malerei, Video und Aktion ausgerichtet.
Visuelle Strenge und atmosphärische Offenheit gehören gleichermaßen zu Steiners Markenzeichen. Seine Werkreihe „Painted Tapes“ etwa schafft eine Symbiose zwischen abstrakter Malerei und den rhythmischen Sequenzen der Videobilder. Diese Arbeiten erinnern an die intermedialen Strategien eines Gary Hill, gehen jedoch in Steiners Oeuvre stets mit einem besonderen Gespür für die Subjektivität des Blicks einher – eine Einladung an den Betrachter, zwischen den Medien zu pendeln, sich dem Strom der Zeit und Farbe auszusetzen.
Die Bandbreite von Mike Steiners Ausstellungen macht seine Bedeutung in der Kunstszene greifbar. Von der Teilnahme an der jungen Berliner Bohème der 1960er, über wichtige Gruppenausstellungen mit Künstlern wie Georg Baselitz bis hin zu Einzelausstellungen weltweit – darunter in der Blue Note Gallery, in San Francisco, Seoul oder der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst in Berlin. Herausragend bleibt seine große Retrospektive 1999 im Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie der Gegenwart, die Steiners Rolle als Pionier der gattungsübergreifenden Kunst unterstrich und sein Farbkosmos in einen zeitgenössischen Kontext stellte.
Biografisch wurzelt Steiners Werk in den kulturellen Umbrüchen seiner Generation. Geboren 1941, durchlief er nach dem Abitur eine klassische akademische Ausbildung an der Hochschule der bildenden Künste in West-Berlin (unter anderem bei Hans Jaenisch und Hans Kuhn). Doch bereits während eines Stipendiums in den USA öffneten Begegnungen mit Protagonisten der Fluxus- und Performance-Szene – etwa Lil Picard, Allan Kaprow und Al Hansen – seinen Blick für die Experimentalkunst. In New York und Berlin fühlte Steiner den Pulse des künstlerischen Aufbruchs. Diese Interdisziplinarität ist für sein gesamtes Schaffen verbindlich geblieben: Ob abstrakte Malerei, Performance oder Videoprojekt – Steiner suchte stets nach neuen Allianzen mit anderen Künstlern und nach einem möglichst offenen Kunstbegriff.
Die Relevanz seines Nachlasses kann kaum überschätzt werden. Mit der Schenkung der „Sammlung Mike Steiner“, darunter bedeutende Videoarbeiten von Ulay, Marina Abramovi? oder Nam June Paik, an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (und somit an den Hamburger Bahnhof), bewahrte Steiner ein einzigartiges Archiv internationaler Gegenwartskunst für die Nachwelt. Dieses Erbe dokumentiert: Zeitgenössische Kunst ist für Mike Steiner nie abgeschlossen – sie bleibt Experiment und Dialog, Dokument und Impulsgeber.
Faszinierend ist, wie Steiners Spätwerk in der abstrakten Malerei das Mediale wieder in sich rückbindet. Nach einem Schlaganfall 2006 zog er sich zunehmend ins Atelier zurück, widmete sich Stoffarbeiten sowie farbintensiven Kompositionen und blieb damit bis 2012 eine Quelle kreativer Impulse.
Was bleibt von Mike Steiner? Seine Kunst ist eine Einladung, Grenzen zu überschreiten und sich auf neue Perspektiven einzulassen. Sie fordert heraus, fesselt, irritiert und inspiriert – heute mehr denn je. Wer sich auf die Spurensuche begeben will, findet auf www.mike-steiner.de umfangreiches Archivmaterial, Bildbeispiele und Hintergrundtexte. Ein Besuch lohnt sich, denn so lebendig und facettenreich wie die Werke dieses Künstlers ist auch die Geschichte der Zeitgenössischen Kunst.
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