Zeitgenössische Künstler, Videokunst

Mike Steiner: Zeitgenössische Künstler zwischen Malerei, Videokunst und Performance – ein Erbe im Hamburger Bahnhof

01.02.2026 - 07:10:03

Mike Steiner zählt zu den prägenden Zeitgenössischen Künstlern Deutschlands. Zwischen abstrakter Malerei, Videokunst und Performance schuf er ein Werk, das bis heute im Hamburger Bahnhof und weit darüber hinaus nachhallt.

Kaum ein Zeitgenössischer Künstler hat es verstanden, die Grenzen zwischen Malerei, bewegtem Bild und Performance Art so radikal auszuloten wie Mike Steiner. Schon ein flüchtiger Blick auf seine Arbeiten wirft Fragen auf: Wie lassen sich Malerei und Videokunst miteinander verschränken, und was bleibt an Essenz, wenn sich der Künstler von einem Medium ins nächste begibt? Steiner, Pionier und Impulsgeber zugleich, nutzt die Vielfalt seiner Ausdrucksformen nicht zur bloßen Stilübung, sondern als künstlerische Notwendigkeit – immer auf der Suche nach neuen Formen der Kommunikation, nach dem Moment des Unerwarteten.

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Was heute selbstverständlich scheint, war in den siebziger Jahren revolutionär: Mike Steiner führte als einer der ersten die damals noch junge Videokunst in Deutschland ein. Mit seiner „Studiogalerie“ in Berlin erschuf er einen Brennpunkt der internationalen Avantgarde, der zugleich Produktionsstätte, Aktionsraum und Ausstellungsort war. Künstlerinnen wie Marina Abramovi? und Valie Export fanden hier ebenso ein Forum wie Experimentalkünstler Ulay oder der berühmte Fluxus-Künstler Allan Kaprow. Steiner filmte nicht nur das legendäre Kunstraubhappening 1976, sondern war auch Motor der Berliner Videoszene – parallel zu Kolleginnen wie Nam June Paik, der international als Vater der Videokunst gilt, oder Bill Viola, dessen bildgewaltige Videoarbeiten zeitgleich die New Yorker Galerien eroberten.

Ein Schlüsselerlebnis seiner Karriere war die große Einzelausstellung im „Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart“ im Jahr 1999: Mit „Color Works“ würdigte das Haus das malerische und videoästhetische Werk Steiners als vielfach vernetzt und gattungsübergreifend. Seine Videosammlung – ein einzigartiges Archiv von Performancekunst und Videokunst der 1970er und 1980er Jahre – bildete die Basis für spätere Schauen. Bis heute beherbergt der Hamburger Bahnhof dieses Vermächtnis, das ihn mit Ikonen wie Joseph Beuys, Marina Abramovi? oder dem vielschichtigen Medienkünstler Gary Hill in eine Reihe stellt.

Steiners Weg war alles andere als geradlinig: Geboren 1941 in Allenstein und in Berlin aufgewachsen, pendelte er nach frühem Interesse für Film und Malerei zwischen den Medien. Bereits mit 17 stellte er erstmals aus, wenig später schrieb er sich an der Berliner Hochschule für bildende Künste ein – unter renommierten Lehrern wie Hans Kuhn und Hans Jaenisch. Prägend waren intensive Jahre in New York Mitte der 60er Jahre, wo der Kontakt mit Persönlichkeiten wie Lil Picard oder Allan Kaprow die spätere Offenheit für Aktionskunst und Multimediales legte. Anders als Georg Baselitz, dessen Malerei von figuraler Expressivität getragen war, oder der Minimalist Donald Judd, der strikte Reduktion forderte, suchte Steiner nach Zwischenräumen und Überschneidungen. Im Sog der Pop Art experimentierte er früh mit Informeller Malerei, noch bevor ihn das bewegte Bild endgültig in seinen Bann zog.

Seine berühmten „Painted Tapes“ etwa realisieren eine eigentümliche Fusion aus Videoszene und übermalter Bildfläche – ein beredtes Beispiel dafür, wie Steiner medialen Grenzen immer wieder mit Neugier und Skepsis begegnete. Es ist eine Handschrift, die gleichermaßen von Abstraktion wie von dokumentarischem Eigensinn lebt. Andere Werkgruppen, wie die „Vilm Collage Installation“ oder die monumentalen abstrakten Malereien der späten Jahre, zeigen seine Meisterschaft im Umgang mit Farbe, Fläche und Licht – was ihn etwa mit Malern wie Karl Horst Hödicke oder der US-Künstlerin Marcia Hafif in Dialog setzt, jedoch stets das eigene Vokabular wahrt.

Im Zentrum von Steiners Arbeit steht immer auch das Konzept der Offenheit: Die Studiogalerie war Plattform und Produktionsstätte für Performances, Videokunst und Installationen, die oft nur als temporäre Ereignisse existieren konnten. Die Zusammenarbeit mit Feministinnen wie Carolee Schneemann und Pionierinnen des Wiener Aktionismus wie Valie Export zeugt von einer Sensibilität für gesellschaftliche Diskurse, die bei aller Experimentierlust nie den Ernst des Ku?nstlerischen preisgegeben hat. Man könnte sagen: Steiner war seiner Zeit stets einen Schritt voraus, als Moderator, Initiator, Künstler und Sammler – ähnlich wie die großen Allrounder der zeitgenössischen Kunst, etwa John Baldessari oder Bruce Nauman.

Vielbeachtet ist auch Steiners Rolle als Vermittler: Mit dem Fernsehformat „Die Videogalerie“ zeigte er zwischen 1985 und 1990 mehr als 120 Sendungen zur Videokunst. Künstlerinterviews und Reportagen brachten einem breiteren Publikum das neue Medium und seine Protagonisten nah. Geradezu visionär ist in diesem Zusammenhang Steiners Fähigkeit, Dokumentation und Kreation so zu verbinden, dass vergängliche Performances bis heute weiterleben – ein Aspekt, der besonders im Rückblick auf die Performance Art der 70er Jahre von unschätzbarem Wert ist.

Steiner war jedoch nicht bloß Chronist, sondern immer auch Suchender. In den späten Jahren, nach einem Schlaganfall 2006 und einer Phase des Rückzugs, widmete er sich verstärkt der abstrakten Malerei und experimentierte mit Stoffarbeiten. Die Bandbreite seiner Arbeitsweisen – von Copy Art über Fotografie bis Super-8-Film – macht deutlich, wie unberechenbar und ungezügelt der Impuls zur Grenzüberschreitung in seinem Schaffen geblieben ist.

Sein Nachlass, das Berliner Archiv und die berühmte Videosammlung werden heute im Hamburger Bahnhof verwahrt. Doch das Werk von Mike Steiner bleibt lebendig – nicht nur als kunsthistorisches Dokument, sondern als Aufforderung, etablierte Kategorien infrage zu stellen und den eigenen Blick für das Neue zu schärfen.

Mehr zu Mike Steiner, seinen Ausstellungen und Hintergründen finden Sie hier auf der offiziellen Künstlerseite

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