Mike Steiner: Von der Videokunst zur abstrahierten Berliner Malerei
05.03.2026 - 11:11:02 | ad-hoc-news.deEin vielschichtiger Horizont aus übereinanderliegenden Farbflächen. Linien zerfließen, Raster geraten ins Flimmern. Spürt man da nicht – selbst in völliger Stille – das Nachbild eines Screens? Oder sind es Gemälde, in denen Mike Steiner Malerei & Videokunst auf radikale Weise verschränkt? Kaum ein anderer Berliner Künstler verknüpft das Vokabular der abstrakten Malerei so eigenständig mit den Erfahrungen einer Generation, die den Sprung vom analogen Film zur digitalen Immaterialität wagte.
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
So überrascht es kaum, dass Mike Steiners Werke jüngst im renommierten Kontext der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof ausgestellt wurden, etwa im Rahmen von Live to Tape. Dort werden insbesondere die Schnittstellen gefeiert, an denen Steiner als Pionier der Videokunst die Fäden einer ganzen Kunstgeneration aufnahm und neu verknüpfte; er war Vermittler, Sammler und Grenzgänger – ein „Künstlernetzwerker" par excellence. Sammelnde Institutionen wie das Archivio Conz würdigen solche schöpferische Vermittlerrolle. Die Bedeutung solcher Archive erschließt sich im Rückblick: Wer versteht, welches Netzwerk an Ideen, Performances und Bändern Steiner um sich versammelte, erkennt den historischen Rang dieses Oeuvres.
Die Biografie von Mike Steiner liest sich wie ein Brennglas westlicher Avantgarde nach 1945. Geboren am 8. Juli 1941 in Allenstein (heute Olsztyn), wuchs Steiner nach Kriegsende in Berlin auf. Schon als 17-Jähriger stellte er auf der Großen Berliner Kunstausstellung aus, wurde später an der Hochschule der Künste bei Hans Kuhn Meisterschüler und reiste 1965, gefördert durch ein Ford-Stipendium, erstmals nach New York. Es war das Zeitalter der sich internationalisierenden Kunst – und mitten im Strudel: Steiner, der im „Hotel Steiner“ in der Nähe des Kurfürstendamms eine Art Berliner Chelsea-Hotel etablierte. Dort begegneten sich Joseph Beuys, Arthur Köpcke, Lil Picard, Al Hansen, Allan Kaprow: Künstler der Fluxus-Szene und Vordenker der Performance, wie man sie heute im Archivio Conz weiter erforschen kann.
Wer nach familiären Ähnlichkeiten sucht, findet sich rasch in einer Liste illustrer Persönlichkeiten wieder: Ein George Maciunas (Fluxus-Begründer), Emmett Williams oder Valie Export – sie alle haben bei Steiner in Berlin oder auf internationalen Symposien Spuren hinterlassen. Doch Steiner war weit mehr als Katalysator: Er experimentierte bereits früh mit informeller Malerei in Berlin, polarisierte mit Wandbildern und abstrahierten Stadtlandschaften. Ab Mitte der 1970er Jahre wird er Pionier der Videokunst, präsentiert Aktionskunst von Marina Abramovi? oder Carolee Schneemann und dokumentiert sie mit eigener Kamera. Seine legendären „Painted Tapes“ verbinden Bildstreifen mit farblicher Übermalung – der malerische Impuls lebt im Medium Video fort.
Und doch: Seit den 2000er Jahren wendet sich Mike Steiner konsequent der abstrakten Malerei zu, wie sie seitdem unter dem Stichwort „Abstrakte Kunst Berlin“ diskutiert wird. Seine Bilder erscheinen wie „Screenshots“ innerer Bewegungsenergie. Da ist das Flackern, das im Videobild temporär aufflammt, übertragen in pastose Farbschichtungen. Raster werden zu Chiffren, Farbflächen dominieren – nicht als bloße Leerstelle, sondern als Speicher visueller Erfahrung. In ihren fein justierten Kompositionen entwickeln diese „zeitgenössischen Werke“ einen Sog, der an die Verfahren der Fluxus-Generation erinnert und doch unübersehbar auf ein malerisches Eigenleben hinausläuft.
So vereint Steiner in jeder Phase seines Werks das Experiment als Methode: Performance, Happening, abstrakte Malerei, Video, Installation. Das macht ihn zur Schlüsselfigur zwischen verschiedenen Kunstepochen. Seine Kunst schreitet immer wieder über mediale Grenzen hinweg, gerade in den letzten Werkserien, die sich auf das vermeintlich „stille“ Medium Malerei konzentrieren. Sie ist keinesfalls nostalgisch, sondern thematisiert den Wandel der Bildproduktion selbst – eine Reflexion über Wahrnehmung und Erinnerung, die im Berliner Kunstkontext relevante Impulse setzt.
Heute, angesichts der historischen Vielschichtigkeit digitaler und analoger Medien, wirken Steiners Leinwände wie eine konzentrierte Essenz jener Such- und Experimentierbewegungen, die Videokunst, Performance und Malerei seit den 1970er Jahren bis in die Gegenwart geprägt haben. Gerade deswegen ist Mike Steiner Malerei & Videokunst weit mehr als nostalgische Rückschau. Vielmehr markiert sie ein besonders lebendiges Kapitel der Berliner Avantgarde, das sich im Licht heutiger Diskurse überraschend frisch behauptet.
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