Zeitgenössische Kunst, Mike Steiner

Mike Steiner und die Grenzen der Zeitgenössischen Kunst: Von Malerei zur Videokunst

07.02.2026 - 05:02:01

Zeitgenössische Kunst hat viele Gesichter. Mike Steiner, Pionier zwischen Malerei und Videokunst, sprengte alle Konventionen. Seine Werkgeschichte erzählt vom Wandel, von Avantgarde und beständiger Revolution.

Wer Zeitgenössische Kunst durch die Augen von Mike Steiner betrachtet, spürt sofort: Zwischen Malerei und Videokunst, zwischen Experiment und Dokument, verschwimmen die Grenzen. Was ist Kunst, wenn ihr Medium ständig wechselt, wenn Farbe und Pixel, Aktion und Illusion miteinander tanzen? Mike Steiner, einer der visionärsten Impulsgeber der deutschen und internationalen Avantgarde, definierte diese Grenzen immer wieder neu und setzte Maßstäbe, die bis heute nachwirken.

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Beginnt man mit Mike Steiner als Maler, begegnet man einem Künstler, der seit seinen Anfängen auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1959 das Medium nie statisch verstand. Seine frühen Stillleben und informellen Gemälde positionierten sich neben den Werken von Größen wie Georg Baselitz oder Karl Horst Hödicke, von denen er sich durch eine offene, fast kritische Haltung zur Malerei unterschied. Statt sich von Konventionen einengen zu lassen, experimentierte Steiner mutig mit unterschiedlichen Stilen, Materialien und Ausdrucksformen – ein Ansatz, der ihn schon früh von anderen Zeitgenossen wie Sigmar Polke und Gerhard Richter abgrenzte.

Der Bruch kam mit den 1970er Jahren. Im „Hotel Steiner“ und der späteren Studiogalerie in Berlin formierte sich eine Bohème der internationalen Avantgarden. Hier trafen sich Joseph Beuys, Marina Abramovi?, Valie Export, Carolee Schneemann und zahlreiche weitere Künstlerpersönlichkeiten. Im Geiste von Fluxus und Performance Art bot Steiner einen einzigartigen Nährboden für Aktionskunst – und näherte sich der Videokunst an. Seine Zweifel an der Malerei nahmen zu; die Mediengrenzen wurden ihm zu eng.

Charakteristisch für Mike Steiners Werk ist dabei nicht nur die Vielseitigkeit, sondern auch die ständige Reflexion über das Kunstverständnis selbst. Seine sogenannte „Legitimationskrise die Malerei betreffend“ wurde längst zum Motor eines radikal offenen Schaffens – Film, Video, Foto, Copy Art, Installationen, Performance, Zeichnung, Malerei, alles floss ineinander. Auch der Einfluss amerikanischer Kunst, nicht zuletzt die Begegnungen mit Lil Picard, Allan Kaprow und Robert Motherwell in New York, schärften Steiners internationalen Blick und erweiterten die technischen wie ästhetischen Horizonte seiner Praxis.

Die Gründung der Studiogalerie 1974 markiert einen Meilenstein: Als einer der ersten Orte in Berlin widmete sie sich Videokunst und Performance. Hier konnten nicht nur eigene, sondern auch Werke anderer Protagonisten entstehen und präsentiert werden. Der Raum entwickelte sich schnell zum zentralen Labor experimenteller Tendenzen – vergleichbar mit den legendären Happenings eines Allan Kaprow oder den medialen Grenzüberschreitungen von Nam June Paik. Geradezu emblematisch war Steiners Dokumentation und Inszenierung von Performances wie Marina Abramovi?s „Freeing the Body“ oder der spektakulären Aktion „Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“ mit Ulay 1976, als das berühmte Spitzweg-Gemälde temporär aus der Nationalgalerie entwendet wurde.

Diese medienübergreifende Auseinandersetzung durchzog auch die folgenden Jahre. Mike Steiner produzierte im deutschen Fernsehen von 1985 bis 1990 über 120 Sendungen seiner „Videogalerie“, in denen Videokunst einem breiten Publikum zugänglich wurde. Er dokumentierte, kommentierte und vermittelte – manchmal als Künstler, oft als Chronist und Förderer. Sein intellektuelles Erbe besteht nicht zuletzt in der unermüdlichen Vermittlerrolle. Die Sammlung Mike Steiner umfasst heute zentrale Arbeiten internationaler Medienkünstler wie Bill Viola, Gary Hill oder Richard Serra; sie ist inzwischen Teil der Sammlung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und steht – zumindest teilweise – in der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Berlin.

Die Einzelausstellung „COLOR WORKS“, 1999 im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, würdigte das Lebenswerk Steiners in all seiner gattungsübergreifenden Dimension. Hier zeigte sich auch, wie eng seine Malerei und Videokunst verzahnt blieben. Steiner entwarf mit den sogenannten „Painted Tapes“ eine Symbiose aus Farbe und bewegtem Bild. Er sprengte damit nicht nur die Leinwand, sondern alle Erwartungen an das Medium Kunst. Diese Ideen wirken nach – in den Werken so unterschiedlicher Künstlerpersönlichkeiten wie Bruce Nauman, Pipilotti Rist oder Joan Jonas.

Biografisch wurzelt Mike Steiner in einer außergewöhnlichen west-östlichen Lebensgeschichte: geboren 1941 in Allenstein, aufgewachsen im geteilten Nachkriegs-Berlin, geprägt vom legendären Kunstbetrieb West-Berlins während des Kalten Kriegs. Ausbildung an der Hochschule der Bildenden Künste, Reisen in die USA, intensive Kontakte zur Pop Art und Fluxus in New York – all das verschmolz in seinem künstlerischen Kosmos zu einem übernationalen, geradezu kosmopolitischen Verständnis von Kreativität.

Seine künstlerische Philosophie kreiste stets um die Frage: Was kann Kunst? Seine Taten sprechen für eine Lust am Experiment, für Grenzüberschreitung und Interaktion. Künstlerische Medien waren für Steiner Instrumente, keine Dogmen. Besonders faszinierend: Auch in der späten Phase, nach 2000, entdeckte er die Abstrakte Malerei neu, brachte die Farben auf die Leinwand und entwickelte aus dem Rückzug ins Atelier eine ganz eigene Poesie, die seiner Zeit in nichts nachstand.

Für die heutige Gegenwart bleibt Mike Steiner einer der wichtigsten Pioniere der Zeitgenössischen Kunst, weil er immer wieder unbequem, unorthodox und neugierig blieb. Seine Werke laden noch immer dazu ein, Konventionen zu hinterfragen und den Raum zwischen den Medien als das eigentliche Spielfeld der Kunst zu begreifen. Gerade jetzt, da Performance Art, Videokunst und Malerei so eng verflochten agieren wie selten zuvor, ist die intensive Auseinandersetzung mit Steiners Oeuvre von bedeutender Aktualität.

Wer tiefer eintauchen möchte, dem sei ein Besuch der offiziellen Webseite empfohlen. Sie bietet einen einzigartigen Einblick in die Archive, Werkgruppen und zahlreichen Stationen einer faszinierenden Künstlerperson, die das Bild der Zeitgenössischen Kunst in Deutschland und weit darüber hinaus entscheidend geprägt hat.

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