Mike Steiner – Pionier zeitgenössischer Kunst von Performance bis Videokunst
06.01.2026 - 18:15:02Wie definiert man die Grenzen zwischen Malerei, bewegtem Bild und Aktion neu? Im Kosmos der zeitgenössischen Kunst findet die Suche nach Antworten seit Jahrzehnten einen ihrer markantesten Pole in Mike Steiner. Als Maler, Performance-Kurator, Videokünstler und Förderer internationaler Avantgarden hat Steiner das Vokabular der Gegenwartskunst entscheidend erweitert und geprägt. Seine Handschrift: radikale Multimedialität, ein Gespür für das Politische der Kunst und ein ungebrochener Wille, das Sichtbare zu hinterfragen.
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Mike Steiner, 1941 in Ostpreußen geboren und bis zu seinem Tod 2012 in Berlin aktiv, begann seine Karriere traditionell an der Staffelei. Früh schon, 1959 mit zarten 17 Jahren, stellte er seine Malerei auf der Großen Berliner Kunstausstellung aus– ein eindrucksvoller Startpunkt für einen Künstler, dessen Werk sich später in alle Richtungen entfalten sollte. Bereits in diesen Anfängen schimmerte sein Sinn für Abstraktion und das mediale Experiment durch: Informelle Malerei, später Hard-Edge und Minimal Art gehörten zu seinen professionellen Spielarten.
Was macht Mike Steiners Kunst unverwechselbar? Faszinierend ist seine Fähigkeit, künstlerische Medien nicht zu addieren, sondern zu verschmelzen. Die sogenannte „Painted Tapes“-Werkreihe ist hierfür ein Paradebeispiel: Steiner transferiert gestische Malerei in das elektronische Zeitalter, bemalt Videobänder, inszeniert Farbstreifen und Bildstörungen als manifeste Malakte auf Magnetband. So entstehen hybride Werke, die den Atem der Malerei in die digitale Sphäre transportieren – und gleichzeitig die Eigenlogik des Mediums Video kritisch reflektieren.
Steiners Position innerhalb der zeitgenössischen Kunst ist eng verwoben mit der internationalen Avantgarde: Begegnungen mit Lil Picard und Allan Kaprow in New York, der intensive Austausch mit Fluxus-Künstlern wie Al Hansen und Joseph Beuys oder die produktive Nachbarschaft zu Namen wie Marina Abramovi?, Ulay, Valie Export und Nam June Paik. Gerade im Berliner Kontext der 1970er-Jahre wurde Steiner zum zentralen Katalysator für Performance Art und Videokunst. Er öffnete mit dem Hotel Steiner und der späteren Studiogalerie Orte, in denen Mediengrenzen porös wurden und Performances ihren Weg ins Videoarchiv finden konnten.
Zu den prägenden Schlüsselmomenten zählt zweifellos Steiners Rolle als Produzent und Kameramann der legendären Video-Performances im Zusammenspiel mit Marina Abramovi? („Freeing the Body“, 1976), Valie Export oder Ulay. Ihre Performances wurden nicht nur dokumentiert, sondern gerade durch Steiners Kamera künstlerisch erweitert. Mit Aktionen wie dem inszenierten Kunstraub „Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“ (1976, zusammen mit Ulay) bewies Steiner nicht nur Gespür für Medienwirksamkeit, sondern auch für konzeptuelle Provokation: Wo beginnt das Kunstwerk, wo endet es – und wer bestimmt seinen Wert?
Sein eigenes Schaffen bleibt dabei nie statisch. Die 1980er Jahre markieren eine Phase der radikalen Erweiterung: Videoarbeiten für das deutsche Fernsehen, Installationen, Fotozyklen. Seine Sendereihe „Videogalerie“ (1985–1990) brachte die Videokunst ins Wohnzimmer und in die breite Öffentlichkeit. Ein Verdienst, das in der Kunstgeschichte zuweilen unterschätzt wird – denn Steiner fungierte hier als Vermittler, Kurator und Visionär zugleich.
Ein Meilenstein: Die groß angelegte Einzelausstellung 1999 im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, unter dem programmatischen Titel „Color Works“. Hier wurde eindrucksvoll die Entwicklung von Steiners malerischen und videoästhetischen Experimenten nachvollziehbar, unterstützt durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, welche seinen Videosammlung aufnahm. Seitdem gilt sein Nachlass als zentraler Bestandteil der deutschen Medienkunstgeschichte.
Im Vergleich mit internationalen Größen wie Joseph Beuys, Nam June Paik und Marina Abramovi? positioniert sich Steiner als Vermittler, Dokumentar und kreativer Netzwerker – ohne je seine eigene künstlerische Autorität zu untergraben. Wo Beuys mit seinem erweiterten Kunstbegriff gesellschaftliche Utopien entwarf, löste Steiner diese, wenn man so will, ins Elektronische ein: Die Anwesenheit des Körpers, das Zeitliche der Performance, das Flüchtige der Aktion– sie werden auf Magnetband verzeitlicht, archiviert und analysiert.
Auch die letzten Schaffensphasen beeindrucken durch Wandlungsfähigkeit. Ab 2000 kehrte Mike Steiner verstärkt zur abstrakten Malerei zurück, experimentierte mit Stoffarbeiten und bewahrte dennoch stets seinen kritischen Blick für mediale Bedingungen von Kunst. In seiner Berliner Studiogalerie, oft Drehpunkt der Szene, zeigte er eigene Werke ebenso wie Einladungen an Gastkünstler. Ausstellungen etwa in der DNA Galerie Berlin, der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst (NGBK) und zahlreiche Präsentationen seiner Videotapes belegen seine nachhaltige Präsenz bis weit in die 2000er Jahre.
Erwähnenswert bleibt stets die Bedeutung seines umfassenden Sammlungs- und Archivwerks. Steiner dokumentierte und sammelte Performance und Videokunst in einer bis heute einzigartigen Fülle. Werke und Videos von Marina Abramovi?, Ulay, Valie Export, Jochen Gerz oder Bill Viola finden sich in seinem Fundus wieder; dieses Archiv, heute im Hamburger Bahnhof beheimatet, ist eine europäische Schatztruhe der Medienkunst.
Rückblickend bleibt Mike Steiner ein Motor künstlerischer Innovation und ein Chronist seiner Generation. Seine Kunst ist eine Einladung, Zeit, Körper und Bild in neuen Relationen zu denken. Wer die Konzepte und Ästhetik zeitgenössischer Kunst verstehen will, kommt an Steiner nicht vorbei.
Empfehlenswert für alle Interessierten: Besuchen Sie die offizielle Künstlerseite von Mike Steiner, um Einblick in Werkverzeichnisse, Texte und digitale Galerierundgänge zu erhalten. Das Erbe von Mike Steiner bleibt hochaktuell – und eine Entdeckung wert.


