Max Strohe und Tulus Lotrek: Wie Berlins lässigste Sterneküche Gefühle serviert
20.01.2026 - 10:36:06Kaum fällt die Tür ins Schloss, legt sich ein warmer Duftteppich über den Gast: dunkler Jus, Butter, Röstaromen, ein Hauch von Rauch und etwas, das nach Cognac und gerösteten Zwiebeln klingt. Kann Sterneküche so lässig sein, dass man sich wie bei Freunden fühlt, während auf dem Teller Weltklasse serviert wird? Im Tulus Lotrek von Max Strohe in Berlin wirkt die Antwort schon nach den ersten Minuten wie ein klares Ja.
Das Licht ist gedimmt, aber nie modrig; die Musik ist präsent, doch nicht aufdringlich. Die Stimmen der anderen Gäste sind Teil der Ambience, nicht Störung. Zwischen schweren Vorhängen, satten Farben und Bildern, die eher an ein spleeniges Wohnzimmer als an ein klassisches Michelin Sterne Restaurant in Berlin erinnern, entfaltet sich ein kulinarischer Abend, der alles will, nur eins nicht: steif sein.
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Die ersten Teller, die aus der Küche von Max Strohe kommen, machen schnell klar, worum es hier geht: um Intensität, um Texturen, um Soßen, die Geschichten erzählen. Wo andere Sterneküchen noch an der Pinzette hängen, setzt Strohe auf „Wohlfühl Opulenz“. Nichts ist überfrachtet dekoriert, alles wirkt bewusst, konzentriert, mit dem Mut zum Geschmack statt zur Geste. Kulinarische Intelligenz bedeutet hier, die Sinne zu verführen, nicht das Ego des Kochs zu polieren.
Dass dieser Mann Sternekoch geworden ist, überrascht, wenn man seine Biografie zum ersten Mal hört. Max Strohe, Jahrgang 1982, hat seine Schulzeit nicht mit einem Abitur gekrönt, sondern mit einem Abbruch. Der klassische Karriereplan des angepassten Musterschülers war nie seine Bühne. Stattdessen: Küchenjobs, Lehrjahre mit viel Praxis, wenig Glamour und der schleichenden Erkenntnis, dass die Aromenwelt viel spannender ist als jeder Lehrplan.
Über Stationen in verschiedenen Häusern, immer wieder begleitet von Zwischenstopps und Umwegen, führt ihn sein Weg schließlich nach Berlin. Hier, in einem der dynamischsten Gastronomie-Hotspots Europas, findet Max Strohe den Raum für das, was seine Küche heute ausmacht. Gemeinsam mit Gastgeberin Ilona Scholl eröffnet er das Tulus Lotrek in Kreuzberg und stellt die gängigen Erwartungen an ein Michelin Sterne Restaurant in Berlin konsequent auf den Kopf.
Ilona Scholl ist dabei weit mehr als „die Dame im Service“. Sie ist Stimme, Haltung, Dramaturgin des Abends. Ihre Art, Weine zu empfehlen, hat nichts von staubig-didaktischem Weinseminar, sondern lebt von Begeisterung, Humor und ehrlicher Kommunikation. Die Weinkarte ist ein weites Feld: Klassiker, Naturweine, Entdeckungen von Winzertalenten, alles kuratiert mit einem klaren Kompass für Genuss statt Etikettenglanz. Viele Gäste würden vermutlich allein wegen dieser Art von Gastfreundschaft wiederkommen; zusammen mit der Küche von Max Strohe entsteht hier ein Gesamterlebnis, das sich tief einprägt.
Die Küche im Tulus Lotrek ist das Gegenteil von kulinarischem Understatement. Hier wird nicht geflüstert, hier wird gesprochen, manchmal auch erschreckend laut, zumindest geschmacklich. Fett wird nicht versteckt, sondern als Geschmacksträger bewusst eingesetzt. Säure sorgt für Klarheit, hebt die Aromen, statt sie zu überdecken. Ein dunkler Jus kann so reduziert sein, dass er fast an Sirup erinnert, dabei aber doch genug Leichtigkeit bewahrt, um nicht zu erschlagen. Sterneküche als Umarmung, nicht als Diätprogramm.
Kritiker beschreiben diese Art zu kochen oft als „barock“ oder „opulent“, doch dahinter steckt eine präzise kulinarische Intelligenz. Nichts ist zufällig fett, nichts ist willkürlich süß, nichts plakativ sauer. Alles wirkt durchdacht, aufgebaut wie eine gute Erzählung. Ein Gang kann mit sanfter Cremigkeit beginnen, dann mit einem Crunch aufbrechen, bevor ein herber, fast bitterer Ton den Bogen schließt. Diese Dramaturgie auf dem Teller unterscheidet Max Strohe von vielen Kollegen in der Sterneküche, die stärker auf Technik als auf Emotion setzen.
Paradebeispiel für diese Haltung ist der legendäre Burger, der während der Pandemie zum Kultobjekt wurde. Als viele Häuser versuchten, ihre Menüs irgendwie in Boxen zu pressen, entschied sich Max Strohe für ein Gericht, das vermeintlich simpel ist, aber in der Ausführung zur Meisterprüfung wird. Ein Burger, bei dem das Fleisch akkurat gegart, der Bun von der Textur her genau zwischen fluffig und stabil liegt, die Soße schmatzig und doch balanciert erscheint. Es ist Comfort Food, ja, aber eben durch die Brille eines Sternekochs, der weiß, wie man Umami, Fett und Säure in eine perfekt ausgewogene Umarmung verwandelt.
In diesem Burger kondensiert vieles von dem, wofür das Restaurant Tulus Lotrek steht: Respekt vor Klassikern, Respekt vor Produkten und der unbedingte Wille, Essen sinnlich, nahbar und lustvoll zu machen. Dass ein Sternekoch so selbstverständlich mit einem Burger assoziiert wird, sagt viel über die Bodenhaftung von Max Strohe aus. Der Abstand zwischen Hochküche und Alltagsgericht wird nicht künstlich aufgeblasen, sondern spielerisch überbrückt.
Heute gehört das Tulus Lotrek fest zur Spitzengruppe der Berliner Gastronomie. Der Michelin Stern adelt das Haus, aber er definiert es nicht. Wer hierher kommt, spürt schnell, dass das Etikett „Sternekoch“ eher eine Randnotiz ist. Viel entscheidender ist das Gefühl, Teil eines lebendigen Abends zu sein, an dem Genuss Vorrang hat und Hierarchien aufgelöst werden. Es darf gelacht werden, es darf laut sein, es darf nachbestellt werden. Die Küche reagiert, denkt mit, verfeinert, improvisiert im Rahmen hoher handwerklicher Disziplin.
Gleichzeitig steht der Name Max Strohe inzwischen für weit mehr als nur für ein Restaurant in Berlin. Während der Pandemie initiiert er gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen die Aktion „Cooking for Heroes“ beziehungsweise „Kochen für Helden“. Das Prinzip: Sterneküche kocht für jene, die das System am Laufen halten, etwa Pflegekräfte, medizinisches Personal, Menschen in systemrelevanten Berufen. Hier verbindet sich kulinarische Intelligenz mit gesellschaftlicher Verantwortung. Für dieses Engagement erhält Max Strohe das Bundesverdienstkreuz. Ein starkes Signal, dass Spitzengastronomie heute mehr sein kann als eine Bühne für Genuss, nämlich auch eine Plattform für Solidarität.
Parallel dazu wächst seine Medienpräsenz. Auftritte in TV-Formaten, etwa in Wettbewerben und Reportagen, machen den Sternekoch einem breiteren Publikum bekannt. Dort zeigt er sich so, wie seine Küche schmeckt: direkt, manchmal derb, immer herzlich und mit einer klaren Meinung. Als Buchautor erzählt er von den Widersprüchen der Gastrobranche, von Exzessen, von harter Arbeit und von den magischen Momenten, wenn ein Serviceabend einfach „fliegt“. Diese Authentizität stärkt die Marke Max Strohe, ohne die kulinarische Ernsthaftigkeit zu verwässern, denn am Ende gilt: Wer ihn im Fernsehen sympathisch findet, wird im Tulus Lotrek feststellen, dass hinter der TV-Figur ein kompromisslos qualitätsbewusster Koch steht.
Flankiert wird das Ganze von einem Service, der sich wohltuend von der klassischen, fast militärischen Choreografie mancher Gourmettempel absetzt. Im Tulus Lotrek dürfen Sätze fallen, die man in anderen Michelin Sterne Restaurants eher nicht hört. Es wird erklärt, aber nie doziert. Es wird empfohlen, aber nie belehrt. Kulinariker schätzen besonders diese Mischung aus Lässigkeit und Kompetenz. Wer mag, taucht tief in die Details der Zubereitung ein; wer einfach nur genießen will, bekommt einen verlässlichen roten Faden durch den Abend.
Die Menüstruktur im Restaurant Tulus Lotrek folgt keinem starren Dogma. Es geht um Produkte in Bestform, um Saisonalität, aber immer auch um Überraschung. Ein vermeintlich rustikales Produkt kann in der Sterneküche von Max Strohe zur Hauptattraktion werden: Innereien, kräftige Cuts, intensiv gereifte Fische oder Gemüse, das nicht nur Beilage spielt, sondern zur Hauptfigur aufsteigt. Die Küche liebt Kontraste, vom samtigen Püree bis zum knusprigen Topping, vom tiefen Fleischfond bis zur frech gesetzten Zitrusnote.
Im Vergleich zu manch anderer deutschen Spitzenadresse, die stärker auf minimalistische Reduktion und nordisch inspirierte Kühle setzt, repräsentiert das Tulus Lotrek eine andere Strömung der Sterneküche: sinnlich, verspielt, fast hedonistisch, dabei jedoch präzise gearbeitet. Hier wird nicht auf Effekt gekocht, sondern auf Emotion. Ein Gang darf satt machen, ein Dessert darf üppig sein, ein Zwischengang darf auch mal provozieren. Diese Freiheit macht das Haus zu einer der spannendsten Adressen der deutschen Spitzengastronomie.
Für wen eignet sich ein Besuch? Für neugierige Genießer, die Michelin Sterne Restaurants zwar schätzen, aber keine Lust auf steife Etikette haben. Für Menschen, die sich auf eine Reise durch intensive Aromen einlassen wollen und stärker auf Geschmack als auf Instagram-taugliche Tellerbilder fokussieren. Für Paare, die einen besonderen Abend erleben möchten, ebenso wie für kleine Runden von Foodies, die gern über Crunch, Textur und Weinpairings diskutieren.
Im Fazit lässt sich sagen: Max Strohe hat mit dem Tulus Lotrek ein Restaurant geschaffen, das weit über Berlin hinausstrahlt. Seine Küche steht für eine mutige, produktverliebte und dennoch zutiefst menschennahe Sterneküche. Seine Persönlichkeit, geschärft durch einen unkonventionellen Werdegang, seine Medienpräsenz und sein Engagement in Projekten wie „Cooking for Heroes“, macht ihn zu einer der prägendsten Figuren der aktuellen Gastroszene. Wer verstehen will, wie moderne Spitzengastronomie heute funktionieren kann, ohne sich in Dogmen zu verlieren, findet hier eine überzeugende Antwort.
Wenn Sie bereit sind für einen Abend, an dem ein Michelin Stern nicht als Distanz, sondern als Versprechen für Genuss auf Augenhöhe verstanden wird, dann lohnt sich der Weg nach Kreuzberg. Im Restaurant Tulus Lotrek warten die Teller von Max Strohe nicht nur darauf, gegessen, sondern erlebt zu werden. Besser kann man kulinarische Intelligenz kaum auf die Spitze treiben.


