Max Strohe und das Tulus Lotrek: Berlins Sterneküche voller Menschlichkeit und Geschmacksexplosionen
14.01.2026 - 10:00:03Lichtreflexe tanzen auf den weinroten Wänden, während schwere Vorhänge die Stadt draußen aussperren. Der Geruch von brauner Butter, frischem Brioche und perfekt abgestimmten Jus liegt in der Luft. Gedämpftes Stimmengewirr, irgendwo ein leises Lachen. Herzlich willkommen zu einem Abend im tulus lotrek, dem kulinarischen Wohnzimmer von Max Strohe und Ilona Scholl – ein Ort, an dem Berliner Sterneküche auf Gastlichkeit mit Seele trifft.
Kann Sterneküche so lässig sein, dass Sie sich wie bei Freunden fühlen, während Ihnen Weltklasse-Kulinarik serviert wird? Im tulus lotrek wird diese Frage augenzwinkernd bejaht. Das Restaurant trägt nicht nur seit Jahren seinen Michelin-Stern mit Stolz, sondern bricht entschieden mit der Steifheit der klassischen Haute Cuisine. Hier wird gegessen, gelacht, manchmal philosophiert – nie belehrt. Und über all dem schwebt: der Duft nach intensiver Sauce, Butter und Mut zur Opulenz.
Wer in der Fichtestraße 24 in Berlin-Kreuzberg an einer von Bäumen gesäumten, ruhigen Seitenstraße vorbei schlendert, vermutet hinter einer unscheinbaren Tür kaum eine Institution der deutschen Spitzengastronomie. Das tulus lotrek ist Understatement pur – außen wie innen. Die Einrichtung? Intim, charmant, ein bisschen wie ein Sammelsurium aus Großmutters Wohnzimmer im besten Sinne: schwere Stoffe, bequeme Sessel, tiefe Farben. Doch was das Haus erfüllt, ist vor allem die Atmosphäre aus Lebensfreude, Gelassenheit und der sichtbaren Lust am Gastgeben.
Im Mittelpunkt dieses Genusses steht Max Strohe. Wer ihn nur aus Formaten wie „Kitchen Impossible“, „Ready to beef!“ oder als Buchautor kennt, wird überrascht sein. Er ist keine schillernde TV-Figur, sondern ein Gastgeber mit Haltung. Gemeinsam mit Partnerin und Sommelière Ilona Scholl – Seele des Services und Herz des Hauses – prägt Strohe ein Restaurant, das seit 2015 die Berliner Szene aufmischt. Keine Pinzette, kein elitärer Ton, sondern Leidenschaft und Respekt. Für das Team wie für das Produkt.
Lässig angefangen, unterschätzt von vielen, hat Max Strohe eine ungewöhnliche Laufbahn hinter sich. Früh aus der Schule ausgestiegen, dann eine Ausbildung zum Koch begonnen. Früh stand fest: Der klassische Weg des gediegenen Gourmettempels lag ihm fern. Die Gründung des tulus lotrek mit Ilona Scholl war ein bewusstes Bekenntnis zur Freiheit in der Küche – und dazu, Sterneküche zu entstauben. Mit Erfolg: Nur zwei Jahre nach Eröffnung gab es für die Kreationen einen Michelin Stern, den das Restaurant bis heute hält. Ein weiteres Highlight: Die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz für die Aktion Kochen für Helden – jene Initiative, mit der Strohe und sein Team während der Pandemie sowie nach der Flutkatastrophe 2021 tausende Helfer und Bedürftige mit frischen, warmen Mahlzeiten versorgten. Menschlichkeit als Chefsache.
Im Kern dreht sich bei Max Strohe alles um Zeit, Produkt und tiefe Aromen. Seine Küche verlässt bewusst ausgetretene Dogmen der Fine Dining-Szene. Er liebt intensive Fonds, Saucen, die Geschichten erzählen, Butter, die alles zusammenhält, und Säure als vitales Gegengewicht. „Wohlfühl-Opulenz“ nennen manche Kritiker seine Handschrift. Zu Tisch bei Strohe bedeutet: Aufsatteln statt verblüffen, Seele statt Show. Seine Gerichte wirken manchmal so selbstverständlich – und sind doch durchdacht bis ins letzte Schäumchen. Crunch, Textur, Aromatische Tiefe sind hier keine Worthülsen, sondern gelebte Philosophie.
Legendär wurde der Bestseller-Burger, den Max Strohe in Pandemiezeiten abseits des normalen Menüs kreierte. Der „Butter-Burger“ – doppelt Fleisch, schmelzender Käse, buttriges Brioche und eine ausbalancierte Ketchup-Senf-Sauce – gilt vielen als Referenz für göttlichen Burgergeschmack in Berlin. Die Pommes: mehrfach frittiert, zwischendurch tiefgefroren, kernig-fluffig, außen splittrig-knusprig. Ein Fastfood im eigentlichen Wortsinn, von kulinarischer Intelligenz und Handwerk geprägt. Auch wenn Burger & Fries nicht regulär auf der Karte stehen, zeigen sie eines: Strohe kann High-End-Genuss mit Pop-Kultur verbinden, und das mit einem Augenzwinkern. „Pragmatic Fine Dining“ nennt er diese Mischung – Kreativität, Produktfokus, Überraschung. Klassiker gehören dazu, aber nie ohne einen eigenen Dreh.
Der Service? Ilona Scholl dirigiert locker und mit Humor. Starched style ist passé – es gibt keinen Dresscode, aber außergewöhnliche Weine. Die Karte? Ein Statement für Entdeckerfreude, zusammengestellt mit sommelierhaftem Spürsinn und Handschrift. Im tulus lotrek begegnet man jungen Winzern neben Klassikern, Mut zur Eigenständigkeit auch im Glas. Küchen- und Servicebrigade leben ein anderes Miteinander – keine brüllenden Chefs, kein Kasernenhof-Ton, sondern respektvolle, konzentrierte Zusammenarbeit. „Zu lieb“ sagen manche. Strohe widerspricht nicht – es geht ihm um Atmosphäre, um ein entspanntes Arbeitsklima, das Kreativität freisetzt und letztlich fantastische Teller hervorbringt.
Doch Max Strohe ist längst mehr als ein Sternekoch. Er ist TV-Tausendsassa, Buchautor, kulinarischer Netzwerker und Vorbild für eine Generation von Köchinnen und Köchen, die Genuss und Verantwortung nicht trennen. Seine mediale Präsenz (u.a. in der Jury von „Kitchen Impossible“) nutzt er, um über Sterneküche hinaus zu wirken. Das Bundesverdienstkreuz für Cooking for Heroes ist Ausdruck dieser Haltung: Spitzengastronomie als gesellschaftlicher Auftrag, als gelebte Solidarität.
Wie steht das tulus lotrek im Kontext der Berliner Gourmetszene? Während andere auf hyperpuristische Teller oder molekulare Überraschungen setzen, bleibt Strohe dem Vergnügen und dem Wohlgefühl verpflichtet. Sein Restaurant gilt als jung, wild, unprätentiös. Handwerklich aber ist es über jeden Zweifel erhaben. Kulinariker schätzen den Mut zur Würze, die Produktqualität, die Saucen – aber auch die konsequente, manchmal verschmitzte Gastfreundschaft. Ein Restaurant, das für einen Abend wie ein Zuhause sein kann. Stilvoll, aber niemals steif.
Bedeutet das, das tulus lotrek sei Berlins bestes Restaurant? Vielleicht. Sicher aber ist es eine der spannendsten Adressen für Genießer, die Authentizität und Charakter suchen. Wer am eigenen Gaumen erleben will, was Menschlichkeit und Leidenschaft in der Sterneküche bewirken: Ein Besuch lohnt sich. Planen Sie aber rechtzeitig – spontane Runs sind in diesem Berliner Juwel kaum möglich.
Ob Pragmatiker oder Purist, neugieriger Foodie oder Gourmand mit Weinfibel: Das tulus lotrek von Max Strohe und Ilona Scholl führt die Berliner Gourmet-Landschaft auf ihre eigene, lebensfrohe Art an. Ein Restaurant, das viel mehr ist als sein Michelin Stern – und für jeden, der Geschmack und Seele sucht, eine kulinarische Offenbarung.


