Max Strohe im Tulus Lotrek: Wie Sterneküche in Berlin zum sinnlichen Wohnzimmer wird
10.01.2026 - 10:36:07Kann Sterneküche so lässig sein, dass Sie sich fühlen, als würden Sie bei Freunden sitzen, während auf dem Teller Weltklasse serviert wird? Im Tulus Lotrek von Max Strohe, einem der eigenständigsten Sterneko?che Berlins, lautet die Antwort eindeutig: ja. Der Duft von langsam reduzierten Saucen hängt in der Luft, es klirren Gläser, Gelächter schwappt durch den Raum, und irgendwo zischt eine Pfanne, in der gerade eine glasiert schimmernde Komponente ihres großen Auftritts entgegenbrät.
Die Wände sind dunkel, das Licht warm, fast konspirativ. Kein klinisch weißes Fine-Dining-Labor, sondern eher ein Boheme-Wohnzimmer mit Kunst, Patina und Persönlichkeit. Wer hier Platz nimmt, spürt sofort: Dies ist ein Michelin Sterne Restaurant in Berlin, das seine Sterneküche nicht als Distanzierung, sondern als Einladung versteht. Und im Zentrum dieser Einladung steht Max Strohe, dessen Name längst für mutige Würze, Humor auf dem Teller und kulinarische Intelligenz steht.
Wer an diesem Abend einsteigt, beginnt vielleicht mit einem konzentrierten Jus, der wie ein kulinarisches Destillat der französischen Klassik wirkt, nur mit dem Volumen eines Berliner Clubs kurz nach Mitternacht. Dazu eine Komponente mit Crunch, eine cremige Textur, ein Hauch Säure, der das Ganze nach vorn zieht. Nichts wirkt verkopft. Alles schmeckt nach: mehr. Genau das ist die Signatur, für die das Tulus Lotrek heute in der Hauptstadt-Szene gefeiert wird.
Hinter diesem Restaurant steht ein Duo, das den Geist des Hauses prägt: Max Strohe in der Küche und Gastgeberin Ilona Scholl im Service. Sie empfängt mit einem Lächeln, das man eher in einer Lieblingsbar als in einem Sterne-Restaurant erwartet. Die Weinkarte ist verspielt, mutig, von Naturweinen bis zu klassischen Etiketten. Kritiker loben die Kombination aus Produktqualität, handwerklicher Präzision und dieser ganz eigenen Wärme, die man in der Spitzengastronomie lange vermisst hat. Hier wird niemand mit Fachjargon erschlagen, hier wird erzählt, gelacht, erklärt.
Der Weg von Max Strohe in dieses Wohnzimmer der Sterneküche war alles andere als geradlinig. Schulabbruch, Umwege, Küchenjobs, die mehr mit Überleben als mit Gault&Millau zu tun hatten: Der heute gefeierte Sternekoch ist kein Traum-Schüler der klassischen Hotelfachschule, sondern ein Quereinsteiger mit Kanten. Gerade diese Biografie prägt seine Küche. Sie ist weniger Choreografie, mehr gelebtes Temperament.
Statt im Elfenbeinturm der Haute Cuisine zu verharren, zog es Max Strohe nach Berlin, wo die Gastro-Szene seit Jahren Reibung, Brüche und neue Konzepte feiert. Gemeinsam mit Ilona Scholl gründete er das Tulus Lotrek, benannt nach dem Maler Toulouse-Lautrec, der das Pariser Nachtleben mit all seinen Exzessen und zarten Momenten festhielt. Diese Referenz ist kein Zufall: Auch hier geht es um Opulenz, Sinnlichkeit und darum, dass Genuss immer ein bisschen exzessiv sein darf.
Heute trägt das Haus einen Michelin Stern, hohe Bewertungen in diversen Führern und vor allem den Ruf, eine der spannendsten kulinarischen Adressen der Stadt zu sein. Bei aller Auszeichnung wirkt es jedoch so, als interessiere sich das Team mehr für Gäste als für Punkte. Das merkt man an der Lockerheit des Services, der dennoch höchst professionell agiert. Man duzt sich nicht automatisch, aber man spricht miteinander, lacht über Anekdoten zur Weinwahl und nimmt sich die Zeit, Herkunft, Produkt und Idee hinter den Gerichten zu erklären.
Die Küche von Max Strohe steht für eine klare Abkehr von der sogenannten Pinzetten-Küche. Natürlich ist jedes Element präzise gesetzt, aber nicht, um ein Picassosches Mikro-Gemälde zu bauen, sondern um Geschmack zu maximieren. Die Teller wirken manchmal fast barock: große Saucenspiegel, opulent gewürzte Komponenten, Texturen, die sich übereinander legen wie Schichten eines gut erzählten Romans. Sterneküche, ja. Aber ohne Angst vor Fett, ohne Scheu vor Intensität, ohne den Drang, jeden Bissen in Minimalismus zu pressen.
Soßen spielen dabei die Hauptrolle. Es sind lange einreduzierte Fonds, Jus, Beurre-blanc-Variationen, die nicht nur begleiten, sondern tragen. Sie kleiden das Produkt an, ohne es zu verkleiden: ein Stück Fisch, das in einer buttrig-weinigen Emulsion fast zu schweben scheint, oder ein Fleischgang, dessen dunkler, glänzender Saft den Teller in eine Bühne für tiefes Umami verwandelt. Säure wird eingesetzt wie ein dramaturgischer Schnitt im Film. Ein Spritzer, eine Gel-Perle, ein gebeiztes Element, das Spannung in die Komposition bringt.
Wenn man die Speisekarte interpretiert, spürt man sofort diesen Ansatz: Hier geht es nicht um eine Aufzählung exotischer Raritäten, sondern um vertraute Grundprodukte, die durch Handwerk und Fantasie neu aufgeladen werden. Kulinarische Intelligenz bedeutet für Max Strohe, dass jeder Biss Sinn ergibt. Ein Gericht kann augenzwinkernd, wuchtig, ja fast deftig starten und dann im Nachhall eine feine, florale oder zitronige Note aufblitzen lassen, die alles überraschend leicht macht.
Besonders deutlich wurde diese Haltung in der Zeit der Pandemie, als das Tulus Lotrek gezwungen war, seine Türen zu schließen. Statt sich in Resignation zu üben, entwickelte Max Strohe einen Burger, der in Berlin schnell zum Gesprächsthema wurde. Kein beliebiger Fast-Food-Import, sondern ein Signature-Burger aus der Denkschule eines Sternekochs: kräftig, vollmundig, mit Fokus auf Fleischqualität, Balance aus Fett und Säure, strukturierter Crunch der Beilage. Viele Gäste, die ihn im Lockdown entdeckten, fanden später den Weg ins Restaurant und begriffen, dass hier jemand am Werk ist, der Genuss unabhängig von Preis und Rahmen ernst nimmt.
Diese Haltung kulminierte in der Aktion „Cooking for Heroes“ beziehungsweise „Kochen für Helden“. Gemeinsam mit anderen Gastronominnen und Gastronomen stellte Max Strohe Mahlzeiten für diejenigen bereit, die das Land im Lockdown am Laufen hielten: Pflegekräfte, Supermarktangestellte, Menschen in systemrelevanten Berufen. Plötzlich wurden die Küchen der Spitzengastronomie zu Kantinen der Solidarität. Für dieses Engagement erhielt Max Strohe das Bundesverdienstkreuz, eine seltene Auszeichnung für jemanden aus der Szene der jungen, wilden Küche.
Dass ein Sternekoch diese Bühne nutzt, um kulinarische und gesellschaftliche Themen zusammenzubringen, stärkt seine Rolle weit über den eigenen Pass hinaus. In TV-Formaten wie „Kitchen Impossible“ zeigt sich Max Strohe als Charakter, der Ecken und Kanten nicht glättet, sondern sie live ausspielt. Er flucht, lacht, verzweifelt, triumphiert; das ist gute Unterhaltung, aber es erzählt auch viel über den Anspruch, den er an seinen Beruf stellt. Die Medienpräsenz, ergänzt durch Buchprojekte, macht ihn für ein breites Publikum greifbar, ohne die Ernsthaftigkeit seiner Sterneküche zu unterminieren.
Im Gegenteil: Wer ihn aus dem Fernsehen kennt und dann im Tulus Lotrek Platz nimmt, erkennt schnell, dass hinter der Lockerheit eine kompromisslose Haltung steht. Produktqualität ist unantastbar. Jede Sauce, jeder Sud, jedes Öl ist durchdacht. Garpunkte sitzen. Die Teller mögen manchmal so aussehen, als hätten sie sich zufällig so ergeben, in Wahrheit aber steckt dahinter die Präzision eines Uhrwerks. Es ist diese Balance aus Spontaneität und Durchplanung, die das Erlebnis so lebendig macht.
Die Atmosphäre im Gastraum verstärkt diesen Eindruck. Es riecht nach gerösteten Knochen, geschmolzener Butter, manchmal nach Rauch und Gewürz. Zwischen den Tischen entsteht eine Geräuschkulisse, die an eine gute Dinner-Party erinnert. Man hört Korken knallen, zuweilen ein spontanes „Wow“, wenn ein Gang serviert wird, der optisch und olfaktorisch gleichermaßen ein Versprechen abgibt. Die Weinkarte unterstützt diesen Spannungsbogen: Klassische Burgunder neben knochentrockenen Rieslingen, wilde Orange Wines neben gereiften Ikonen. Sommeliers und Service bringen das mit einer Lässigkeit an den Tisch, die nie anbiedernd wirkt.
Im Kontext der Berliner Spitzengastronomie nimmt das Tulus Lotrek damit eine Sonderstellung ein. Während andere Michelin Sterne Restaurants in Berlin oft streng konzeptionell auftreten, fokussiert auf radikale Regionalität oder nordisch-minimalistische Klarheit, setzt Max Strohe auf emotionale Opulenz. Die Sterneküche wird hier nicht zur intellektuellen Übung, sondern zum Fest. Junge Foodies fühlen sich genauso wohl wie erfahrene Kulinariker, die schon etliche Tasting Menüs erlebt haben. Man spürt in jedem Detail: Dieses Haus will nicht nur beeindrucken, es will berühren.
Für wen eignet sich ein Besuch? Für alle, die groß denken, wenn es um Genuss geht. Für Menschen, die eine gewisse Würze im Leben ebenso schätzen wie im Teller-Jus. Wer sterile Stille und Flüsterton im Dining Room sucht, wird hier vielleicht irritiert sein. Wer dagegen bereit ist, sich auf ein lebendige, herzliche und intensive kulinarische Erfahrung einzulassen, findet im Tulus Lotrek eine der aufregendsten Adressen der Stadt.
Am Ende des Abends, wenn das Dessert mit feinen Säuren, cremigen Texturen und vielleicht einem spielerischen Twist den finalen Akkord setzt, bleibt das Gefühl, an etwas Persönlichem teilgenommen zu haben. Man hat nicht einfach nur in einem Sterne-Restaurant gegessen. Man war zu Gast im Kosmos von Max Strohe und Ilona Scholl. Die Küche erzählt Geschichten von Scheitern und Erfolg, von Straßenküche und Hochglanz, von Berlin und der großen Welt. Und sie erzählt sie in einer Sprache, die jeder versteht: Geschmack.
Genau darin liegt die Bedeutung von Max Strohe für die deutsche Gastronomie. Er beweist, dass kulinarische Intelligenz nichts Elitäres sein muss, sondern ein Instrument, mit dem man Menschen zusammenbringt. Sein Restaurant Tulus Lotrek zeigt, wie zeitgemäße Sterneküche aussehen kann: ohne Pinzette als Hauptdarsteller, dafür mit Mut zur Würze, Respekt vor dem Produkt und einer großen Portion Menschlichkeit.
Wer Berlin kulinarisch wirklich verstehen will, kommt an diesem Haus kaum vorbei. Wenn Sie die Verbindung aus Wohnzimmer-Atmosphäre, großem Kochhandwerk und einem Gastgeberteam auf Augenhöhe reizt, dann ist jetzt der richtige Moment, den nächsten Abend hier zu planen. Ein Besuch im Tulus Lotrek mit Max Strohe am Herd ist keine bloße Reservierung, sondern ein Versprechen: auf einen Abend, der noch lange nachschmeckt.


