Max Strohe im Tulus Lotrek: Wie Berlins lässigster Sternekoch Fine Dining auf den Kopf stellt
18.02.2026 - 12:03:02 | ad-hoc-news.deIm Tulus Lotrek Berlin ist es an diesem Abend eigentümlich leise und doch voller Stimmen. Gedämpftes Licht, kein Spot auf weißgestärkte Tischdecken, sondern warmes Gold auf dunklem Holz. Das erste Klirren eines Burgunderglases, ein leises Zischen aus der Küche, dann steht sie vor Ihnen: eine kleine, konzentrierte Tellerwelt, dicht, glänzend, ohne Schnickschnack. Sie schneiden. Die Gabel durchbricht die krosse Oberfläche, der Duft von geröstetem Fett, Jus, Säure steigt in die Nase – das ist die Handschrift von Max Strohe, das ist Tulus Lotrek Berlin im Kern.
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Am Pass steht ein Mann, der so gar nicht nach Bilderbuch-Sternekoch aussieht. Max Strohe, Schulabbrecher, Autodidakt, Querkopf. Neben ihm, unsichtbar und doch überall präsent: Ilona Scholl, Gastgeberin, Sommelière, Erscheinung. Zusammen haben sie aus einem Kreuzberger Eckladen ein Restaurant gemacht, das von Michelin, Gault&Millau und TV-Kameras zugleich umworben wird – und trotzdem fühlt es sich an, als hätten Sie sich einfach bei Freunden eingeladen.
Strohe hat sich den Respekt der Szene auf die harte Tour erkocht. Kein klassischer Lebenslauf, kein stringenter Drei-Sterne-Sprungplan. Stattdessen: Jobs, Stationen, Umwege. Dann der Schritt ins eigene Lokal in Kreuzberg. Heute trägt das Max Strohe Restaurant einen Michelin-Stern, solide verankert im Berliner Ranking. Der Guide lobt die Produktliebe, Gault&Millau vergibt hohe Wertungen und nennt ihn einen der charakterstärksten Köche der Stadt. Überall Anerkennung – und doch wirkt der Mann in der Küche wie jemand, der jeder Etikette misstraut.
Spätestens mit „Kitchen Impossible“ kennt ihn die ganze Republik. Tomate in Italien, Aal in Portugal, harte Challenges, die üblichen Tränen. Und trotzdem: Wenn er im Fernsehen schwitzt, wirkt er nie wie ein castingoptimierter Küchenstar. Sondern wie jemand, der lieber am Herd steht als auf dem roten Teppich. Parallel dazu „Cooking for Heroes“: In der Pandemie kochten Strohe und Team Tausende Mahlzeiten für Krankenhauspersonal, Pflegekräfte, Menschen im Dauereinsatz. Dafür hat er das Bundesverdienstkreuz bekommen. Kein PR-Gag, sondern ein politisches Statement aus der Küche.
Ilona Scholl ist die andere Hälfte dieser Gleichung. Während Strohe über der Pfanne hängt, steuert sie den Gastraum, als wäre er ein fein abgestimmtes Orchester, nur ohne Pathos. Sie duzt nicht, sie überfällt niemanden mit Nähe. Und trotzdem haben Sie nach zehn Minuten das Gefühl, sie wüsste, wie Ihr Abend aussehen sollte. Ihre Weinkarte ist präzise, mutig, leicht anarchisch. Naturwein neben klassischem Grand Cru, deutsche Newcomer neben Burgund-Monstern. Sie balanciert das alles mit einer Mischung aus Berliner Schnauze und tiefem Respekt.
Die Küche von Tulus Lotrek nennt sich gerne „undogmatisch“. Was heißt das konkret? Keine strenge Regionalküche, kein kompromissloses Nordic-Dogma, keine molekularen Zaubertricks um ihrer selbst willen. Stattdessen: Produkte, die Sinn ergeben. Techniken, die Handwerk zeigen, aber nie im Vordergrund stehen. Ein Jus, der stundenlang einreduziert wurde, bis er fast schwarz wirkt und doch klar schmeckt. Eine Maillard-Reaktion, die Sie nicht sehen, sondern hören – wenn das Fett in der Pfanne zischt, kurz bevor ein Stück Fleisch ruhen darf.
Nehmen wir einen der typischen Gänge der Saison 2025/2026. Auf dem Teller: kross gebratener Aal, leicht lauwarm serviert. Darunter ein Püree aus Sellerie, so glatt, dass der Löffel fast darin gleitet, ohne Widerstand. Darüber: eine glänzende, dunkelbraune Sauce, die Nase erkennt Rauchnoten, reduzierten Fischfond, ein Hauch säuerlicher Zest von Zitrus im Abgang. Daneben ein kleines, beinahe unauffälliges Element: gepickelte Zwiebelringe, kühl, knackig, leicht stechend. Warm trifft kalt, Fett trifft Säure, Weichheit trifft Biss. Sie merken den Gedanken dahinter, aber nichts wirkt erklärt, nichts belehrend.
Oder die Gänseleber, ein Klassiker im Tulus Lotrek Menü. Hier nicht als stereotype Terrine, sondern als lauwarme Nocke, cremig, fast flüssig im Kern. Außen leicht angeflammt, karamellisierte Oberfläche, der Zucker knackt beim Draufbeißen ganz leise, wie dünnes Glas. Dazu eine Reduktion aus Portwein und Verjus, tief, süß, quirlig sauer. Die Frische kommt über einen Apfel in zwei Texturen: roh, hauchdünn gehobelt, und als Chutney mit feiner Senfnote. Fett. Süße. Säure. Würze. Temperaturen, die sich im Mund verschieben, während die Leber langsam schmilzt. Kein Kunststück fürs Instagram-Foto, sondern ein Gang, der nach dem zweiten Bissen lauter wird, nicht leiser.
So arbeitet dieses Haus: Spannungen statt Effekte. An anderer Stelle legt Ihnen Strohe vielleicht ein Stück geschmorte Schulter vom Lamm auf den Teller. 48 Stunden bei niedriger Temperatur gegart, das Fleisch fällt auseinander, wenn Sie nur die Gabel ansetzen. Drumherum: ein Jus, dunkel und dicht wie Espresso, Sie schmecken Röstaromen, Thymian, eine fast bittere Tiefe. Daneben etwas, das wie Trost schmeckt: eine cremige Polenta, leicht zitronig, die Textur zwischen Brei und Welle. Auf der Polenta ein knuspriges Brösel aus Panko und Knoblauch, samtig unten, sandig-kross oben. Das ist nicht verwinkelt, das ist klar. Und doch weit entfernt von der Schlichtheit, die manche als „ehrliche Küche“ verklären.
Warum ist das undogmatisch? Weil es Regeln kennt, aber keine Regeln ausstellt. Die Teller im Tulus Lotrek sind nicht vollgepflanzt mit Mini-Kräutern, die mit der Pinzette („Tweezer Food“) auf den Millimeter gesetzt wurden. Es gibt keine fünf Saucenpunkte in Primärfarben. Stattdessen: wenige Komponenten, exakte Garpunkte, eine tief sitzende Lust an Fett, Krach, Salzigkeit. Die Küche wagt Bitterkeit, Säure, Fettigkeit, wo andere nur Harmonie suchen. Sie spüren den Mut, ein Gericht nicht „instagrammable“ zu machen, sondern essbar, sinnlich, manchmal derb.
Parallel dazu ist Tulus Lotrek ein Gegenentwurf zu jener sterilen, musealen Form von Fine Dining, bei der man schon beim Platznehmen das Gefühl bekommt, eine Prüfung abzulegen. Hier atmet der Raum. Die Decke ist niedrig, die Wände dunkel, das Licht weich. Kein Goldrahmen-Overkill, kein Hauch von Hotellobby. Eher: Wohnzimmer eines Freundes mit sehr gutem Geschmack und einer Schwäche für leicht exzentrische Kunst. Im Hintergrund läuft Musik, aber sie dominiert nicht. Die Geräuschkulisse: Gläser, Besteck, Stimmen. Sie können lachen, ohne dass sich jemand umdreht. Diese Wohlfühl-Atmosphäre ist kein Zufall, sondern Programm.
Ilona Scholl ist der Motor dieses Raums. Sie begrüßt, sortiert, beobachtet. Sie erkennt, ob Sie heute Lust auf ein großes Casual Fine Dining-Feuerwerk haben oder eher auf einen stillen Abend mit wenigen Gängen und konzentrierter Weinbegleitung. Ihre Ansprache: klar, präzise, nie servil. Wer Erklärmonologe über Herkunft und Mikro-Terroir erwartet, ist hier falsch. Sie kann Ihnen jede Parzelle runterbeten, tut es aber nur, wenn Sie es wirklich wissen wollen. Sonst lautet ihr Motto: Wein soll Spaß machen. Punkt.
Diese Art von Gastgebertum unterscheidet das Tulus Lotrek von vielen anderen Sterne-Adressen in Berlin. Kein Dresscode, aber ein klarer Anspruch. Sie können im Sakko kommen oder im sauberen Shirt. Sie werden ernst genommen, so oder so. Der Service arbeitet präzise, flink, aber nie steif. Teller werden eingesetzt, nicht eingeparkt. Informationen kommen, wenn sie gebraucht werden. Und wenn mal gelacht wird, dann auch laut.
Die Berliner Szene profitiert spürbar von diesem Ansatz. In einer Stadt, in der es längst mehrere Sterne-Restaurants, Gault&Millau-Höchstwertungen und TV-Köche gibt, ist Tulus Lotrek so etwas wie ein Korrektiv. Es zeigt, dass ein Michelin Star Berlin Kreuzberg nicht nach Luxus, sondern nach Haltung aussehen kann. Dass feine Küche nicht zwingend mit Flüsterkultur und weißen Handschuhen einhergehen muss. Und dass sich ein Haus mit einem Stern nicht im eigenen Glanz einrichten sollte.
Für wen ist dieses Restaurant? Für Menschen, die Lust auf Konzentration haben, nicht auf Spektakel. Für Gäste, die eine perfekte Reduktion, einen sauber gezogenen Fond, die knisternde Maillard-Kruste höher schätzen als jeden Stickstoffnebel. Für alle, die sich von der steifen Aura des Fine Dining abgeschreckt fühlen, aber präzise, mutige Küche lieben. Und natürlich für jene, die wissen möchten, warum Gault&Millau Berlin gerade diesen Ort so konsequent lobt.
Wer hierher kommt, sollte Zeit mitbringen. Und Neugier. Das Tulus Lotrek Berlin funktioniert nicht als schneller Vorab-Happen vor dem Club. Es ist ein Abend in mehreren Akten – nicht im pathetischen Sinn, sondern im Takt Ihres eigenen Tempos. Sie können sich durch das volle Menü essen, Gang für Gang, Wein für Wein. Oder Sie wählen selektiv, lassen sich von Scholl eine Flasche einschenken, die Sie sonst nie bestellt hätten. Irgendwann, zwischen Hauptgang und Dessert, wenn die Stimme am Tisch gegenüber etwas lauter wird und Sie den letzten Rest Jus mit dem Brot aufwischen, merken Sie: Die Distanz zwischen Sternekoch und Gast ist hier kleiner als anderswo.
Das Fazit fällt eindeutig aus: Tulus Lotrek ist kein Event-Restaurant, sondern ein Charakterort. Das Max Strohe Restaurant zeigt, wie weit man in Berlin mit Geschmack, Mut und Humor kommen kann. Die Küche ist konzentriert, sinnlich, undogmatisch. Der Service ist klar, warm, unprätentiös. Die Atmosphäre: nah an einem perfekten Wohnzimmerabend, nur dass hier jemand am Herd steht, der die Mechanik eines Jus genauso ernst nimmt wie die Frage, ob Sie sich wohlfühlen.
Wenn Sie ein einziges Sterne-Restaurant in Kreuzberg ausprobieren wollen, in dem Casual Fine Dining nicht Marketingfloskel, sondern gelebte Haltung ist, führt an diesem Haus wenig vorbei. Reservieren Sie rechtzeitig. Kommen Sie hungrig. Und lassen Sie Ihren inneren Restaurantkritiker für ein paar Stunden an der Garderobe. Den Rest übernimmt Tulus Lotrek.
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