KI treibt Datenschutz-Beschwerden auf Rekordhoch
05.01.2026 - 16:00:12Die Berliner Datenschutzbehörde meldet einen historischen Anstieg von Bürgerbeschwerden – angetrieben durch KI-Chatbots, die das Einreichen erleichtern. Die Eingabenflut stellt die Aufsichtsbehörden vor neue Herausforderungen.
Die Zahlen sind eindeutig: Die Berliner Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit (BlnBDI) verzeichnete 2025 einen massiven Zuwachs an Eingaben. Bis November gingen bereits 8.436 Vorgänge ein – eine Steigerung von rund 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die finale Jahresbilanz dürfte diesen Trend bestätigen. „Der Datenschutz nimmt für immer mehr Menschen eine zentrale Bedeutung im Alltag ein“, erklärt Behördenchefin Meike Kamp. Bürger seien heute schneller bereit, aktiv zu werden, wenn sie Grundrechtsverletzungen vermuteten. Dieser Anstieg ist kein Berliner Phänomen. Bereits im Sommer 2025 meldete Niedersachsen einen Zuwachs von über 40 Prozent. Die neuen Zahlen zeigen: Die Sensibilisierung für digitale Rechte hat bundesweit deutlich zugenommen.
KI als Beschleuniger: Chatbots senken die Hürden
Ein Hauptgrund für die Flut an Eingaben ist technologischer Natur. Künstliche Intelligenz hat die Hürden für eine Beschwerde gesenkt. Immer mehr Bürger nutzen KI-Tools wie ChatGPT, um Beschwerdeschreiben zu formulieren oder die zuständige Behörde zu finden. Die KI fungiert als „Niedrigschwelligkeits-Beschleuniger“. Früher schreckte juristische Unsicherheit viele ab. Heute liefern Chatbots in Sekunden vorformulierte Texte und Verweise auf die DSGVO. Doch dieser Fortschritt hat eine Kehrseite. Die Behörde warnt vor Eingaben, die auf fehlerhaften KI-Analysen basieren. Oft erwecken die Systeme falsche Hoffnungen auf Erfolg oder interpretieren die Rechtslage unvollständig. Für die Behördenmitarbeiter bedeutet das Mehrarbeit: Sie müssen den Bürgern erklären, warum die von der KI prophezeite Lösung in der Realität nicht eintritt.
KI-Chatbots senken zwar die Hürden für Beschwerden – gleichzeitig bringen sie neue gesetzliche Pflichten mit sich. Die EU-KI-Verordnung verlangt Kennzeichnungspflichten, Risikoklassifizierung, ausführliche Dokumentation und Nachweise für eingesetzte Systeme. Dieses kostenlose Umsetzungs-E-Book erklärt praxisnah, welche Maßnahmen Entwickler, Unternehmen und Verwaltungen jetzt umsetzen sollten, um Bußgelder und Reputationsschäden zu vermeiden. Enthalten sind Schritt-für-Schritt-Checklisten, praktische Vorlagen und Hinweise zu Übergangsfristen. Jetzt kostenlosen KI-Umsetzungsleitfaden herunterladen
Brennpunkte: Banken, Inkasso und Nachbarschaftsstreit
Inhaltlich konzentrierten sich die Beschwerden 2025 auf Bereiche, die direkt in den Alltag eingreifen. Besonders häufig im Fokus: Banken und Finanzdienstleister. Hier ging es oft um intransparente Bonitätsbewertungen oder Probleme bei der Datenauskunft. Ein weiterer Dauerbrenner sind Inkassounternehmen sowie der Zwang, für Dienstleistungen eine mobile App zu nutzen. Auch die private Videoüberwachung bleibt ein großes Thema. Streitigkeiten über Kameras, die Nachbargrundstücke oder Gehwege erfassen, beschäftigen die Behörden regelmäßig. Zudem verzeichnete die BlnBDI mehr Fälle von Identitätsdiebstahl. Betroffene suchen Hilfe, wenn ihre Daten nach Leaks im Darknet für Betrug missbraucht werden.
Wirtschaft fordert Reform der DSGVO
Während die Bürger ihre Rechte offensiver einfordern, wächst in der Wirtschaft der Unmut. Eine Bitkom-Umfrage Ende 2025 zeigte: Fast 80 Prozent der deutschen Unternehmen fordern eine Reform der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Sie beklagen Rechtsunsicherheit und hohen Dokumentationsaufwand, der Ressourcen für Innovationen bindet. Diese Diskrepanz zwischen Verbraucherschutz und Wirtschaftsinteressen wird 2026 prägen. Die EU-Kommission hat bereits reagiert und mit dem Vorschlag eines „digitalen Omnibus“-Gesetzes erste Schritte zur Vereinfachung eingeleitet. Ziel ist es, Widersprüche zwischen verschiedenen Digitalgesetzen wie dem Data Act und der KI-Verordnung aufzulösen.
Ausblick 2026: Europäischer Fokus auf Transparenz
Für das laufende Jahr haben sich die europäischen Datenschutzbehörden auf ein gemeinsames Schwerpunktthema geeinigt: Transparenz. Im Rahmen des „Coordinated Enforcement Framework“ (CEF) werden die Aufsichtsbehörden 2026 gezielt prüfen, ob Unternehmen ihre Informationspflichten nach der DSGVO erfüllen. Datenschutzerklärungen müssen nicht nur vorhanden, sondern auch verständlich sein – besonders wenn Daten von Dritten verarbeitet werden. Für die Berliner Behörde bedeutet das: Neben der Bewältigung der Eingabenflut stehen auch proaktive Prüfungen an. Die Rekordzahlen sind ein Weckruf. Die große Herausforderung wird sein, die Balance zu finden zwischen der Bearbeitung berechtigter Bürgeranliegen und der Filterung KI-generierter Masseneingaben. Nur so bleibt die Handlungsfähigkeit der Aufsichtsbehörden erhalten.


