KI-Arbeit: Deutsche Betriebsräte fordern Algorithmen-Kontrolle
23.01.2026 - 13:30:12Die Einführung von KI-gesteuerten Personalsystemen spaltet deutsche Unternehmen und Belegschaften. Während die Wirtschaft mit Algorithmen Effizienz steigern will, kämpfen Gewerkschaften um Planungssicherheit der Mitarbeiter. Der Konflikt eskaliert pünktlich zur Betriebsratswahl 2026.
Die Dringlichkeit des Themas zeigte sich am Dienstag im Duisburger Hafen. Dort protestierten Beschäftigte von Logistikfirmen, darunter Tochtergesellschaften der Rethmann-Gruppe, gegen chaotische Schichtplanung. Ein Bericht der taz dokumentiert die Vorwürfe.
Die Arbeiter kritisieren ein sogenanntes Kontischicht-System. Dabei werden Dienstpläne angeblich erst am 28. des Monats für den Folgemonat bekanntgegeben. Für private Planung bleibt kaum Raum. Verdi-Vertreter vor Ort sprechen von einem „Nasenprinzip“ – ohne klare Kriterien bleibe die Schichteinteilung willkürlich.
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„Gift für Körper und Familie“, nennt ein Tarifkommissionsmitglied das unberechenbare System. Beobachter sehen im Duisburger Fall genau die Reibungspunkte, die KI-Systeme lösen sollen – doch ohne Mitarbeiterbeteiligung verschärfen sie die Probleme oft.
Milliardenmarkt: Effizienz auf Kosten der Stabilität?
Während die Belegschaften protestieren, boomt der Markt für Personaleinsatzplanung. Eine aktuelle Analyse von Market Reports World beziffert das globale Marktvolumen für Workforce-Management-Software auf rund 2,9 Milliarden Euro (2025). Getrieben wird das Wachstum vor allem durch KI-Integration.
Die Systeme versprechen messbare Effizienz: KI-gestützte Prognose-Engines sollen die Planungsgenauigkeit im Einzelhandel und in der Logistik um 29 Prozent steigern. Sie passen den Personaleinsatz exakt an schwankende Nachfrage an und reduzieren so Überstunden.
Doch Gewerkschafter warnen: Diese „Genauigkeit“ gehe oft zulasten der Mitarbeiterstabilität. Algorithmen priorisierten betriebliche Flexibilität über individuelle Bedürfnisse. Die Forderung nach „Zeitsouveränität“ wird zum zentralen Wahlkampfthema für Verdi und IG Metall.
SAP setzt auf Personalsystem-Experten
Die strategische Bedeutung des Themas zeigt sich auch in Führungsetagen. Bei SAP Deutschland übernahm zum 1. Januar 2026 Dirk Häußermann die Geschäftsführung. Der ehemalige Co-CEO von Personaleinsatzplaner ATOSS Software verkörpert die Verschmelzung von Standardsoftware und spezialisierten HR-Tools.
Seine Ernennung signalisiert: Automatisierte Personaleinsatzplanung ist Chefsache geworden. Deutsche Konzerne rüsten sich für den digitalen Wandel – doch die Belegschaften wollen mitreden.
EU-KI-Gesetz: Countdown bis August 2026
Über allem schwebt die Deadline der EU-KI-Verordnung. Ab dem 2. August 2026 müssen „Hochrisiko-KI-Systeme“ strenge Transparenz- und Kontrollvorgaben erfüllen. Dazu zählen laut Anhang III der Verordnung explizit Systeme für Personalauswahl, Aufgabenverteilung und Leistungsüberwachung.
Rechtsexperten beschreiben die erste Jahreshälfte 2026 als „Compliance-Rush“. Unternehmen prüfen ihre Software, um hohe Strafen bei Nichteinhaltung zu vermeiden. Für Betriebsräte bietet die EU-Verordnung neue Machtmittel.
Das Mitbestimmungsrecht nach § 87 BetrVG gewährt bereits Mitwirkung bei technischen Überwachungseinrichtungen. Die KI-Verordnung verstärkt dies: Arbeitnehmer müssen informiert werden, wenn Hochrisiko-KI-Systeme eingesetzt werden. Juristen sprechen von einem „Super-Initiativrecht“ – Betriebsräte können detaillierte Folgenabschätzungen verlangen, bevor neue Algorithmen starten.
Wahlkampf 2026: Richtungsentscheid Digitalisierung
Die Betriebsratswahlen von März bis Mai 2026 werden zur Abstimmung über KI-Mitbestimmung. Die IG Metall startete ihre Kampagne mit dem Slogan „Mitbestimmung, wo es drauf ankommt“. Die Gewerkschaft betont: Diese Wahl entscheidet, ob der digitale Wandel verhandelt oder diktiert wird.
Ohne starke Betriebsräte, so die Warnung, würden KI-Tools vor allem zur Verdichtung der Arbeit genutzt – nicht zu ihrer Erleichterung. Allein in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt werden Millionen Beschäftigte zur Wahl gerufen. Gewerkschaften fordern „KI-Kompetenz“ für Betriebsräte, damit sie Algorithmen wirksam prüfen können.
Ausblick: Betriebsvereinbarungen und Gerichtsprozesse
Branchenbeobachter rechnen mit einer Welle von Betriebsvereinbarungen zur KI-Schichtplanung. Unternehmen, die die neuesten Prognosetools einführen wollen, treffen auf selbstbewusste Betriebsräte. Diese fordern Garantien für „Human-in-the-Loop“-Protokolle.
Bis zur August-Deadline der KI-Verordnung dürften Testfälle – möglicherweise sogar Gerichtsentscheidungen – klären, wie transparent Algorithmen sein müssen. Für die Arbeiter in Duisburg und anderswo geht es um eine grundsätzliche Frage: Wird KI zum Werkzeug der Befreiung oder zum Instrument digitaler Kontrolle?
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