AKTIE, FOKUS

AKTIE IM FOKUS 2: Gerresheimer brechen ein - Warnung nagt an Glaubwürdigkeit

09.10.2025 - 13:16:23 | dpa.de

FRANKFURT - Nach einer erneuten Senkung der Geschäftsziele für dieses Jahr haben Anleger die Aktie von Gerresheimer DE000A0LD6E6 am Donnerstag auf die nächste Talfahrt geschickt.

(neu: Mehr Stimmen, Details und Hintergrund. Kurs aktualisiert.)

FRANKFURT (dpa-AFX Broker) - Nach einer erneuten Senkung der Geschäftsziele für dieses Jahr haben Anleger die Aktie von Gerresheimer DE000A0LD6E6 am Donnerstag auf die nächste Talfahrt geschickt. Analyst Harald Hof von MWB Research, der das Papier vor der Gewinnwarnung noch mit einem Kauf-Urteil bewertet hatte, stellt angesichts der unvermindert fortbestehenden strukturellen Herausforderungen mittlerweile die Glaubwürdigkeit des Unternehmens infrage. Delphine Le Louet, Analystin bei Bernstein dagegen blickt schon länger skeptisch auf den Spezialverpackungshersteller und bekräftigte ihr "Underperform"-Urteil.

Um die Mittagszeit fiel die Gerresheimer-Aktie um 13,5 Prozent auf 32,30 Euro, womit der jüngste Erholungsversuch vom Kursrutsch im September ein Ende fand. Da hatten Anleger das Papier massenhaft aus ihren Depots geworfen, wodurch es zeitweise bis auf ein 15-Jahrestief bei 26,52 Euro gesackt war.

Grund war, dass der MDax DE0008467416-Konzern ins Visier der BaFin geraten ist. Die deutsche Finanzaufsicht hatte zu dem Zeitpunkt eine - bislang noch nicht abgeschlossene - Prüfung des Konzernabschlusses 2023/24 und des Lageberichts eingeleitet. Es gebe konkrete Hinweise zu Verstößen gegen Rechnungslegungsvorschriften, hatte es geheißen. Der Konzern hat seine Kooperation zugesagt, um den Sachverhalt zu klären, vertritt zugleich aber nach wie vor die Auffassung, korrekt bilanziert zu haben.

Gerresheimer habe mit seiner aktuellen Gewinnwarnung seine Ziele für das laufende Jahr inzwischen zum dritten Mal gesenkt, konstatierte Analyst Olivier Calvet von der Schweizer Bank UBS. Seit September 2024 ist es schon die vierte, und die erste unter dem neuen Finanzchef Wolf Lehmann, der seit September 2025 im Amt ist.

Laut Calvet dürften die Analysten nun den Rotstift ansetzen und ihre Schätzungen zusammenstreichen. Die Konsensschätzungen für den Umsatz sieht er um bis zu 5 Prozent und für das operative Ergebnis (Ebitda) um bis zu 10 Prozent sinken, während die Prognose für das Ergebnis je Aktie sogar im prozentual zweistelligen Bereich zusammengestrichen werden dürfte.

MWB-Analyst Hof reagierte bereits und kappte seine Schätzungen deutlich, und zwar auch die mittelfristigen und langfristigen. Er senkte sein Kursziel von 61 auf 39 Euro und stufte die Aktie auf "Halten" ab. Angesichts der unter Druck stehenden Profitabilität und der begrenzten Zukunftssicht spiegele seine Bewertung jetzt die Risiken der Umsetzung der neuen Managementziele wider, schrieb er. Neben den strukturellen Herausforderungen lässt ihm zufolge auch das angekündigte Transformationsprogramm "tiefgreifende operative Herausforderungen in der Zukunft" erwarten.

Bernstein-Analystin Le Louet misst vor allem den Aussagen des Managements zur schleppenden Nachfrage nach Glas- und Plastikbehältnissen für oral einzunehmende flüssige Medikamente zentrale Bedeutung bei. Zudem verwies sie auf die vom Finanzchef eingeleiteten Korrekturen zur sofortigen Sicherung der Liquidität wie etwa die Einrichtung eines Transformationsbüros, die vollständige Überarbeitung des Investitionsplans sowie Kostensenkungsmaßnahmen. "Die Situation ist komplex", resümierte sie unter Verweis auf das Verhältnis der Nettoverschuldung zum bereinigten operativen Ergebnis. Das werde per Ende 2025 voraussichtlich bei fast dem 4,5-fachen liegen.

Doch auch wenn Kostensenkungen zwingend erforderlich seien, sieht die Bernstein-Expertin ein noch größeres Risiko, was die Umsätze im Pharmabereich betrifft. Vorzeitige Vertragsauflösungen oder ein Anbieterwechsel könnte nach ihren Worten zu einem Einbruch des Auftragsbestands und der Einnahmen bereits im Geschäftsjahr 2026 führen. "Transparenz in diesem Punkt sowie eine externe Validierung der Rechnungslegungsgrundsätze als Folge der BaFin-Untersuchungen sind zum jetzigen Zeitpunkt zwingend erforderlich, und wir verstehen nicht, warum der Vorstand diese Entscheidung noch nicht getroffen hat."/ck/mis/men

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