EU-Mercosur: Argentinien setzt Europa unter Druck
16.02.2026 - 03:24:11Argentinien hat als erstes Mercosur-Land den Weg für das umstrittene EU-Handelsabkommen freigemacht. Die Abstimmung in Buenos Aires zwingt die zögerliche EU zu einer klaren Haltung.
In einer historischen Entscheidung hat das argentinische Parlament den Startschuss für die Ratifizierung des gigantischen EU-Mercosur-Handelsabkommens gegeben. Mit überwältigender Mehrheit von 203 zu 42 Stimmen billigte die Abgeordnetenkammer in der Nacht zum Freitag den Vertrag. Dieser Schritt sendet ein starkes Signal nach Brüssel und belebt die seit Jahren festgefahrene Debatte neu. Die EU muss sich nun zwischen wirtschaftlichen Chancen und protektionistischen Ängsten entscheiden.
Ein historischer Schritt aus Buenos Aires
Als erstes der vier Mercosur-Kernländer – neben Brasilien, Paraguay und Uruguay – hat Argentinien eine entscheidende parlamentarische Hürde genommen. Die Zustimmung gilt als großer Erfolg für die wirtschaftsliberale Regierung von Präsident Javier Milei, die auf eine radikale Öffnung des Landes setzt. In hitzigen Debatten betonten Abgeordnete den historischen Charakter des Paktes.
Nun muss der Gesetzentwurf den argentinischen Senat passieren. Gelingt das, könnte das Abkommen bereits vorläufig in Kraft treten – eine Klausel, die genau diesen Fall vorsieht. Das Abkommen benötigt dann nicht die Zustimmung aller 27 EU-Staaten, um wirksam zu werden. Ein cleverer Schachzug, der Europa unter Zugzwang setzt.
Europa zögert, Argentinien handelt
Während in Südamerika Fakten geschaffen werden, steckt der Ratifizierungsprozess in Europa weiter fest. Das Europäische Parlament hat beschlossen, den Vertrag zunächst vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) prüfen zu lassen. Dieses Verfahren wird die finale Abstimmung um Monate verzögern.
Die Entscheidung spiegelt die tiefen Gräben wider, die das Thema in der EU aufreißt. Argentiniens Vorpreschen erhöht nun den Druck auf Brüssel und nationale Hauptstädte. Kann Europa es sich leisten, ein solches Signal aus einem wichtigen Partnerland zu ignorieren? Die geostrategische Glaubwürdigkeit der Union steht auf dem Spiel.
Der große Konflikt: Wirtschaft vs. Landwirtschaft
Im Kern des Streits liegt ein klassischer Interessenkonflikt. Das Abkommen würde eine der größten Freihandelszonen der Welt mit über 700 Millionen Menschen schaffen. Für deutsche Schlüsselindustrien wie den Automobil- und Maschinenbau winken milliardenschwere Vorteile.
Durch den Wegfall hoher Zölle – in Argentinien bis zu 35 Prozent auf Autos – könnten europäische Exporteure jährlich über vier Milliarden Euro sparen. Zudem verspricht der Pakt besseren Zugang zu kritischen Rohstoffen wie Lithium, was Europas strategische Autonomie stärken würde.
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Doch diesen Chancen stehen massive Ängste gegenüber. Vor allem europäische Landwirte, insbesondere in Frankreich und Irland, fürchten die unfaire Konkurrenz durch Agrarimporte aus Südamerika. Sie argumentieren, dass diese nicht den strengen EU-Standards bei Umwelt- und Tierschutz entsprechen.
Protektionismus als größter Stolperstein
Der Widerstand aus der Agrarlobby ist der zentrale Blockadefaktor in Europa. Länder wie Frankreich pochen auf robuste Schutzklauseln, um heimische Bauern vor einer Importflut zu schützen. Industrieverbände wie der DIHK warnen indes vor einem Verlust der handelspolitischen Glaubwürdigkeit.
Die Abstimmung in Argentinien zwingt die EU nun, diesen internen Konflikt zu lösen. Wiegt die Chance auf eine strategische Partnerschaft mit Südamerika und neue Exportmärkte schwerer als der Schutz einzelner Wirtschaftssektoren? Die Antwort darauf wird auch ein Test für die von der EU-Kommission propagierte Politik der „offenen strategischen Autonomie“ sein.
Ein politisches Manöver mit Signalwirkung
Argentiniens Votum ist mehr als ein Verfahrensschritt – es ist ein geschicktes politisches Manöver. Nach der formellen Unterzeichnung im Januar 2026 zeigt ein Mercosur-Partner nun als erster konkreten Ratifizierungswillen. Das entkräftet das in Europa verbreitete Argument, die Verzögerung liege allein an den südamerikanischen Partnern.
In einer Zeit wachsender globaler Spannungen und des Wettbewerbs mit China um Einfluss in Südamerika steht die EU vor einer Weichenstellung. Will sie die strategische Partnerschaft mit dem Mercosur-Raum festigen oder weiter zögern?
Was kommt als Nächstes?
Die kommenden Wochen sind entscheidend. Der Fokus liegt nun auf dem argentinischen Senat, dessen Zustimmung den Weg für die vorläufige Anwendung des Abkommens ebnen würde. Parallel wird die Stellungnahme des EuGH mit Spannung erwartet.
Der Vorstoß aus Buenos Aires gibt den Befürwortern des Abkommens in Europa neuen Rückenwind. Ob dieser Impuls jedoch ausreicht, um die tief verwurzelten protektionistischen Widerstände zu überwinden, bleibt die große Frage. Das jahrzehntelange Ringen um den größten Handelsvertrag der EU steht an einem kritischen Punkt.
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