Cyberangriffe: Kritische Infrastruktur in Europa im Visier
12.02.2026 - 13:43:12Kritische Infrastrukturen in Europa sind Ziel einer neuen Angriffswelle. Nach koordinierten Attacken auf Energieversorger und der Entdeckung schwerer Sicherheitslücken warnen Behörden weltweit vor einer eskalierenden Bedrohungslage.
Die Sicherheitslandschaft hat sich in dieser Woche dramatisch verschärft. Eine gemeinsame Warnung der US-Behörde CISA und des britischen NCSC macht deutlich: Die Gefahr für kritische Infrastrukturen ist nicht länger theoretisch. Angreifer zielen gezielt auf die operative Technologie (OT), die unsere Gesellschaft am Laufen hält.
Polnische Energieangriffe als Weckruf
Der unmittelbare Auslöser für die aktuelle Alarmstufe ist eine Serie hochprofessioneller Cyberangriffe auf Polens Energiesektor. Am 10. Februar veröffentlichten die Behörden konkrete Handlungsanweisungen mit dem Titel „Barrieren für sichere OT-Kommunikation“.
Dabei ging es nicht um Datendiebstahl. Die Angreifer setzten „Wiper“-Malware ein, die speziell darauf ausgelegt ist, Steuerungshardware (Remote Terminal Units) physisch zu zerstören. Obwohl es nicht zum kompletten Netzausfall kam, wurden die Systeme für die Betreiber „blind“. Die essentielle „Sicht- und Steuerungs“-Funktion fiel aus.
Sicherheitsexperten betonen: Die Eindringlinge nutzten verwundbare, internetfähige Randgeräte und veraltete Protokolle ohne grundlegende Authentifizierung. Die neue Richtlinie fordert konkret die Abschaltung nicht mehr unterstützter Systeme und die sofortige Isolierung der OT-Netze vom öffentlichen Internet. Für deutsche Industrieunternehmen ist dies ein deutliches Signal: Die vermeintliche „Luftlücke“ zwischen IT und OT schwindet – mit potenziell physischen Folgen.
Die Strategie der „Digitalen Parasiten“
Während kritische Infrastrukturen Sabotage fürchten, vollzieht sich im Bereich Ransomware ein taktischer Wandel. Ein neuer Bedrohungsbericht vom 10. Februar beschreibt, wie Cyberkriminelle von lauten Verschlüsselungsangriffen zu einer als „Digitaler Parasit“ bezeichneten Strategie wechseln.
Moderne Angreifer setzen auf langfristige, getarnte Präsenz statt auf sofortige Störung. Anstatt Dateien zu sperren und binnen Stunden Lösegeld zu fordern, graben sie sich tief in Unternehmensnetzwerke ein – manchmal monatelang unentdeckt. Ihr Ziel: sensible Daten abzuschöpfen, Netzwerkarchitekturen auszuspähen und Backups zu kompromittieren, ohne Alarm auszulösen.
Diese Entwicklung macht traditionelle „Perimeter“-Abwehr nahezu wirkungslos. Der Bericht zeigt: Identitätsdiebstahl und der Missbrauch von Zugangsdaten sind zum Haupteinfallstor geworden. Für Unternehmen bedeutet dies: Schutz erfordert heute proaktive Bedrohungsjagd und eine „Assume-Breach“-Mentalität, nicht bloß Firewalls und Antivirensoftware.
Microsoft-Patches: Wettlauf gegen Zero-Day-Lücken
Die strategischen Bedrohungen werden durch die operative Last von Software-Schwachstellen verschärft. Am 11. Februar veröffentlichte Microsoft seine monatlichen Sicherheitsupdates und schloss 54 Schwachstellen. Entscheidend: Darunter sind sechs Zero-Day-Lücken, die bereits aktiv ausgenutzt wurden, bevor die Patches verfügbar waren.
IT-Administratoren müssen diese Updates sofort priorisieren. Zu den ausgenutzten Fehlern zählen:
* CVE-2026-21510: Eine Umgehung der Sicherheitsfunktionen in Windows Shell, die „Mark of the Web“-Warnungen unterläuft und schädliche Downloads sicher erscheinen lässt.
* CVE-2026-21519: Eine Rechteausweitung im Desktop Window Manager, die einem Nutzer mit niedrigen Rechten SYSTEM-Privilegien verschafft.
* CVE-2026-21527: Eine kritische Schwachstelle in Microsoft Exchange Server, ein Dauerbrenner für staatlich unterstützte Angreifer.
Sechs aktive Zero-Days in einem Monat sind ein deutliches Zeichen. Sie unterstreichen das „Wettrüsten“ des Jahres 2026: Verteidiger müssen innerhalb von Stunden nach Veröffentlichung patchen, um Zeitfenster zu schließen, die Angreifer bereits nutzen.
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NIS-2: Der neue regulatorische Druck in Europa
Für europäische Unternehmen verschmelzen diese technischen Bedrohungen mit einer neuen regulatorischen Realität. Die Umsetzung der NIS-2-Richtlinie, die vor wenigen Monaten in Deutschland in nationales Recht überführt wurde, hat die Haftungsfrage grundlegend verändert.
Die Warnungen von CISA und NCSC passen exakt zu den „Sorgfaltspflichten“ von NIS-2. Nach dem neuen Recht ist die Vernachlässigung der Sicherung der Lieferkette oder das Unterlassen von kritischen Patches kein bloßes Sicherheitsversagen mehr – es ist eine Rechtsverletzung, die das Management persönlich haftbar machen kann.
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat diese Bedenken bekräftigt. Nach einem Stromausfall in Berlin Anfang Januar 2026 – einer greifbaren Erinnerung an die Fragilität der Infrastruktur – betonte BSI-Präsidentin Claudia Plattner wiederholt: Die Ära freiwilliger Cybersicherheit ist vorbei. Das „Berlin-Szenario“ und die „Polen-Angriffe“ werden nun gemeinsam als Beweis angeführt, dass digitale Resilienz Voraussetzung für den Betriebsablauf ist.
Ausblick: 2026 als Jahr der „erzwungenen Resilienz“
Die Ereignisse dieser Woche deuten darauf hin, dass 2026 zum Jahr der „erzwungenen Resilienz“ wird. Die Option, OT-Sicherheit zu ignorieren oder Patches zu verzögern, schwindet – getrieben von regulatorischem Druck und der Aggressivität der Angreifer.
Zu erwarten ist:
* Verschärfte Durchsetzung: EU-Regulierer werden Vorfälle wie die Polen-Angriffe nutzen, um die Durchsetzungsmechanismen von NIS-2 zu testen und möglicherweise Bußgelder gegen Betreiber zu verhängen, die veraltete OT-Systeme nicht absichern.
* Integration von IT- und OT-Sicherheit: Die CISA-Richtlinien könnten zum De-facto-Standard für Industrieversicherer werden, die Deckung für Anlagen verweigern, die keine sichere OT-Kommunikation nachweisen können.
* Automatisierte Abwehr: Bei sechs Zero-Days pro Monat wird manuelles Patchen undurchführbar. Unternehmen werden zunehmend auf KI-gesteuertes Patch-Management und automatisierte Bedrohungsabwehr setzen, um mit den „Digitalen Parasiten“ Schritt zu halten.
Da digitale Bedrohungen physische Konsequenzen entfalten, hat Cybersicherheit offiziell den Serverraum verlassen und ist im Vorstand angekommen. Die Botschaft des Februars 2026 ist klar: Schutz ist kein Produkt, sondern ein kontinuierlicher Prozess mit höchsten Einsätzen.
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