Betriebsräte als Schlüssel gegen hohen Krankenstand
20.01.2026 - 03:14:12Die Debatte um Deutschlands Krankheitstage spitzt sich zu. Doch jenseits der politischen Schuldfrage entscheidet sich in den Betrieben, ob Prävention gelingt.
Berlin – Bundeskanzler Friedrich Merz hat mit einer kritischen Anmerkung zum Krankenstand eine Lawine losgetreten. Seine Frage nach der Arbeitsmoral traf einen neuralgischen Punkt der deutschen Wirtschaft. Während sich Politik, Gewerkschaften und Ärzteverbände öffentlich duellieren, zeigt sich hinter den Kulissen: Die wirksamsten Hebel gegen Fehlzeiten liegen in der betrieblichen Mitbestimmung.
Politischer Zündstoff für eine alte Debatte
Auslöser der aktuellen Kontroverse war Merz’ Verweis auf durchschnittlich 14,8 Krankentage pro Arbeitnehmer im Jahr 2024. Seine Äußerungen zur seit 2021 möglichen telefonischen Krankschreibung gaben den Ton vor. Unterstützung erhielt er vom Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, der den Stand ebenfalls als „sehr hoch“ bewertete.
Die Gewerkschaften reagierten scharf. Sie werten die Diskussion als Angriff auf elementare Arbeitnehmerrechte. Das Statistische Bundesamt relativiert: Ein Teil des Anstiegs sei auf die vollständigere Erfassung durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) zurückzuführen. Die einfache Wahrheit? Sie existiert nicht. Stattdessen verweist der Streit auf ein komplexes Geflecht aus Belastungen, Erfassung und Kultur.
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Das Machtinstrument: Mitbestimmung bei der Prävention
Abseits des politischen Schlagabtauschs sind die Betriebe mit der Realität konfrontiert. Hier wird der Betriebsrat zum zentralen Akteur. Das Betriebsverfassungsgesetz räumt ihm ein erzwingbares Mitbestimmungsrecht beim Gesundheitsschutz ein. Dies ist kein Papiertiger, sondern das schärfste Schwert für bessere Arbeitsbedingungen.
Das Kernstück ist die Gefährdungsbeurteilung. Seit einer Gesetzesnovelle muss sie explizit auch psychische Belastungen erfassen. Der Betriebsrat kann deren Durchführung erzwingen, die Methodik überwachen und bei den Folge-Maßnahmen mitbestimmen. Das Spektrum reicht von der Arbeitsorganisation über das Betriebsklima bis zu Anti-Stress-Programmen. Entscheidend ist: Die Maßnahmen entstehen nicht über den Köpfen der Belegschaft hinweg, sondern mit ihr.
Psychische Belastungen: Der heimliche Kostentreiber
Warum ist diese Mitbestimmung so entscheidend? Die Zahlen geben eine klare Antwort: Psychische Erkrankungen wie Burnout oder Depressionen sind der Haupttreiber für Langzeitausfälle. Sie führen im Schnitt zu deutlich längeren Fehlzeiten als körperliche Beschwerden.
Die Ursachen liegen oft im Job: permanente Erreichbarkeit, unklare Aufgaben, hoher Druck. Genau hier setzt die Macht des Betriebsrats an. Er kann auf Vereinbarungen zur Arbeitszeiterreichbarkeit drängen, für eine faire Lastenverteilung sorgen und Gesundheitsprogramme initiieren. Diese präventive Arbeit verhindert nicht nur menschliches Leid. Sie ist auch ökonomisch klug, denn sie senkt die hohen Kosten langwieriger Ausfälle.
Wirtschaftlicher Druck macht Prävention unverzichtbar
Die hitzige Debatte findet in einer angespannten finanziellen Lage statt. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) warnt vor einer wachsenden Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben. Hohe Krankenstände belasten die Sozialkassen durch Lohnfortzahlung und Behandlungskosten massiv.
Für die Unternehmen bedeuten Fehlzeiten Produktivitätsverluste, Projektverzögerungen und eine Überlastung des gesunden Personals – ein Teufelskreis. Investitionen in Prävention sind daher keine Wohlfühlmaßnahme, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit.
Ausblick: Mehr Fokus auf betriebliche Lösungen
Die politische Diskussion wird weiter schwelt. Regelungen wie die telefonische Krankschreibung stehen auf dem Prüfstand. Für 2026 plant der Gesetzgeber zudem eine Modernisierung der Präventionsvorschriften, die Verfahren digitalisieren und vereinfachen soll.
Eines ist klar: Der Druck auf die Betriebe, Gesundheit aktiv zu managen, wird steigen. Der Erfolg hängt maßgeblich von der Kooperation zwischen Management und Betriebsrat ab. Wo diese Zusammenarbeit funktioniert, entstehen maßgeschneiderte Lösungen, die die Belegschaft schützen und Krankenstände nachhaltig senken. Die Werkzeuge sind vorhanden. Es geht nun darum, sie konsequent zu nutzen.
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