Arbeitgeber, Krankheitstag

Arbeitgeber fordern unbezahlten ersten Krankheitstag

10.03.2026 - 08:31:58 | boerse-global.de

Arbeitgeberverbände schlagen einen unbezahlten ersten Krankheitstag vor, um hohe Fehlzeiten zu senken. Der Vorstoß stößt auf massiven politischen Widerstand und löst eine Grundsatzdebatte aus.

Arbeitgeber fordern unbezahlten ersten Krankheitstag - Foto: über boerse-global.de
Arbeitgeber fordern unbezahlten ersten Krankheitstag - Foto: über boerse-global.de

Die Debatte um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall erreicht in Deutschland einen neuen Höhepunkt. BDA-Präsident Rainer Dulger schlug offiziell die Einführung eines unbezahlten „Karenztags“ vor. Die Arbeitgeber reagieren damit auf anhaltend hohe Krankenstände, die Unternehmen finanziell und operativ belasten. Doch der Vorstoß stößt sofort auf heftigen politischen Widerstand.

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Worum es bei dem Vorstoß geht

Kern der Initiative ist eine Änderung des bewährten Entgeltfortzahlungs-Systems. BDA-Chef Dulger schlug Anfang März 2026 vor, dass Beschäftigte am ersten Krankheitstag keinen Lohn mehr erhalten sollen. Das primäre Ziel: ein finanzielles Hemmnis für kurzfristige, möglicherweise unbegründete Ausfälle zu schaffen, die Betriebe als wachsendes Problem sehen.

Als Ausgleich für den Verdienstausfall könnte der unbezahlte Tag theoretlich an das Ende des Arbeitsverhältnisses angehängt werden. Befürworter betonen, dass Menschen mit schweren oder langwierigen Erkrankungen nicht benachteiligt würden, da die Folgetage weiterhin voll bezahlt würden. Die Maßnahme solle das System auf wirklich notwendige medizinische Ausfälle fokussieren.

Warum eine Gesetzesänderung nötig wäre

Die Einführung eines Karenztags wäre ein tiefgreifender Eingriff in das deutsche Arbeitsrecht. Derzeit haben Arbeitnehmer nach dem Entgeltfortzahlungsgesetz ab der fünften Woche des Beschäftigungsverhältnisses einen Anspruch auf volle Lohnfortzahlung für bis zu sechs Wochen Krankheit. Dieses Recht auf sofortige Entschädigung ist seit Jahrzehnten ein Grundpfeiler der Sozialen Marktwirtschaft.

Rechtsexperten stellen klar: Einen Karenztag können Arbeitgeber nicht einseitig einführen. Jede derartige Maßnahme wäre rechtswidrig. Der Vorstoß der Arbeitgeberverbände ist daher in erster Linie ein politisches Manöver, das auf eine Gesetzesreform abzielt. Eine Änderung des Paragrafen 3 EntgFG erfordert eine parlamentarische Mehrheit – und ist damit hochgradig politisch.

Die Zahlen hinter der Debatte

Der erneute Vorstoß wird durch aktuelle Krankenkassendaten befeuert, die historisch hohe Fehlzeiten belegen. Laut DAK-Gesundheit fehlten versicherte Beschäftigte 2024 im Schnitt 19,7 Arbeitstage. 2025 lag der Wert nur leicht niedriger bei 19,5 Tagen. Die Techniker Krankenkasse (TK) meldete für 2024 durchschnittlich 19,1 Krankheitstage.

Die finanziellen Folgen sind immens. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) bezifferte die Kosten für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für Arbeitgeber in den letzten Jahren auf rund 76,7 Milliarden Euro. Als Haupttreiber der hohen Ausfallzeiten nennen Krankenkassen-Chefs wie DAK-Vorstand Andreas Storm Atemwegserkrankungen und zunehmend auch psychische Leiden wie Depressionen.

Heftiger Widerstand von Politik und Gewerkschaften

Die Idee eines unbezahlten ersten Krankheitstags stößt auf massive Kritik. Jan van Aken, Co-Vorsitzender der Linken, verurteilte den Vorschlag scharf. Kranke müssten sich zu Hause auskurieren können, ohne finanzielle Nachteile zu befürchten. Deutschland dürfe kein Arbeitsmodell einführen, das Schwächere benachteilige.

Arbeitsrechtler und Gesundheitsexperten warnen vor einem gefährlichen Anstieg des Präsentismus – dem Erscheinen am Arbeitsplatz trotz Krankheit. Dies verzögere nicht nur die Genesung, sondern erhöhe auch das Ansteckungsrisiko für Kollegen und könnte die Krankenstände insgesamt sogar in die Höhe treiben. Kritiker sehen in dem Vorschlag zudem ein Klima des Misstrauens, das jene unfair bestrafe, die unter echten, kurzfristigen Beschwerden leiden.

Internationale Vergleiche und statistische Effekte

Die Debatte ist nicht isoliert zu betrachten. In anderen europäischen Ländern wie Schweden oder Frankreich gibt es bereits Wartezeiten, bevor Krankengeld oder staatliche Leistungen fließen. Befürworter führen diese Modelle als Beleg an, dass ein Karenztag die Fehlzeiten senken kann.

Arbeitsmarktexperten mahnen jedoch zur Vorsicht bei internationalen Vergleichen, da die sozialen Sicherungssysteme zu unterschiedlich sind. Zudem weisen Fachleute wie Christopher Prinz von der OECD darauf hin, dass der vermeintliche Krankenstand-Anstieg teilweise ein statistischer Effekt ist. Seit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) 2022 werden auch kurze Erkrankungen, die früher oft nicht gemeldet wurden, automatisch erfasst – und treiben so die Statistik nach oben.

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Wie geht es weiter?

Die Forderung nach einem Karenztag wird 2026 ein polarisierendes Thema bleiben. Während Arbeitgeberverbände weiter für Entlastungen lobbyieren werden, erscheint eine politische Mehrheit für eine entsprechende Gesetzesänderung derzeit unwahrscheinlich.

Krankenkassen-Chefs plädieren für einen anderen Ansatz. TK-Vorstand Jens Baas hält die Debatte über Ad-hoc-Lösungen für kurze Ausfälle für verfehlt. Arbeitgeber sollten sich lieber auf die Unterstützung Langzeiterkrankter konzentrieren. Die DAK fordert einen nationalen Krankenstandsgipfel im Kanzleramt, der sich auf Prävention und betriebliches Gesundheitsmanagement konzentrieren soll. Die Lösung für die Herausforderung hoher Fehlzeiten wird wohl einen Ausgleich zwischen dem Schutz der Gesundheit der Beschäftigten und den berechtigten wirtschaftlichen Interessen der Unternehmen erfordern.

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