Thyssenkrupp Aktie: Bilstein streicht bis zu 180 Stellen
Veröffentlicht am: 25.09.2026 um 04:08 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Milliardeninvestitionen in die grüne Zukunft auf der einen Seite, schmerzhafter Stellenabbau im automobilen Zuliefergeschäft auf der anderen: Thyssenkrupp führt Anlegern derzeit schonungslos vor Augen, wie zerrissen der traditionsreiche Industriekonzern auf seinem Transformationspfad agiert. Für mich zeigt die jüngste Gemengelage, dass der jüngste Optimismus am Kapitalmarkt auf eine harte Bewährungsprobe zusteuert.
Gestern schloss das Papier bei 14,95 Euro. Trotz eines beachtlichen Zuwachses von 60 Prozent seit Jahresanfang notiert der Titel mit 15,86 Euro nur knapp unter seinem 52-Wochen-Hoch. Doch hinter dieser Erholungsrally lauert ein massiver Spagat, den der Konzern operativ erst noch meistern muss.
Große Pläne in Duisburg, tiefe Schnitte bei Bilstein
Auf der Baustelle der Stahlsparte in Duisburg gibt sich das Management entschlossen zukunftsgewandt. Die Verlängerung der Zusammenarbeit mit dem US-Dienstleister Jacobs für das Management der Direktreduktionsanlage soll den Bau bis zur ersten Eisenproduktion absichern.
Die Anlage ist darauf ausgelegt, jährlich rund 2,5 Millionen Tonnen Eisenschwamm zu erzeugen und alte Hochöfen durch wasserstoffbasierte Verfahren abzulösen. Das ist industriell zweifellos ein mutiger und richtiger Schritt, um Thyssenkrupp langfristig wettbewerbsfähig zu halten.
Doch während in Duisburg die Vision gefeiert wird, schlägt bei der Fahrwerkstochter Bilstein die harte Wirklichkeit der Automobilkrise zu. An den Standorten Ennepetal und Essen droht der Wegfall von bis zu 180 Stellen – und das vor allem in der Forschung und Entwicklung.
Wenn ein Zulieferer ausgerechnet im Entwicklungsbereich spart und Verlagerungen ins Ausland prüft, spricht das eine deutliche Sprache: Der anhaltende Kosten- und Margendruck zwingt das Unternehmen zu Einschnitten an der Substanz.
Dass der Betriebsrat von einem tiefen Vertrauensverlust spricht, nachdem bereits im Vorjahr rund 100 Stellen gestrichen wurden, verschärft die Lage zusätzlich. Derartige Konflikte kosten Zeit, Geld und binden Managementkapazitäten, die der Konzern an anderer Stelle dringender bräuchte.
Die Krux mit der europäischen Industriepolitik
Vor diesem Hintergrund wirkt der jüngste politische Vorstoß fast wie ein Hilferuf an die Politik. Jaroni unterzeichnete gemeinsam mit anderen Wirtschaftsvertretern und EU-Industriekommissar Stéphane Séjourné eine Initiative für ein «Made in Europe», das öffentliche Subventionen und Aufträge strikt an eine Wertschöpfung auf dem Heimatkontinent binden will.
Aus Sicht des Managements ist dieser Ruf nach Schutz und Privilegierung verständlich, angesichts hoher Energiepreise und bürokratischer Hürden am Standort Deutschland. Für Anleger birgt diese Argumentation jedoch ein warnendes Signal: Ein Unternehmen, das für seine Zukunftsfähigkeit vor allem auf politische Schutzmauern und staatliche Förderkriterien baut, agiert aus einer Position struktureller Schwäche heraus.
Dass der Markt diese Widersprüche noch nicht voll einpreist, liegt auch an der vorsichtigen Trendwende bei den Geschäftszahlen.
Bewertungsniveau verlangt operative Beweise
Die Analystenlandschaft bleibt angesichts dieser Gemengelage gespalten.
Unterm Strich dürften die kommenden Monate zeigen, ob die Restrukturierungserfolge mit den enormen Investitionslasten Schritt halten können. Bis zur Vorlage der Jahreszahlen spricht für mich vieles dafür, dass die Euphorie an ihre Grenzen stößt.
Solange fundamentale Kernbereiche wie das Stoßdämpfergeschäft unter schmerzhaften Einschnitten leiden, bleibt Thyssenkrupp eine Wette mit beträchtlichen operativen Risiken.
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