Tether: Zwei Gesichter einer Woche
Veröffentlicht am: 09.09.2026 um 19:50 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Zwei Ereignisse an einem Tag zeigen, wie zwiespältig die Rolle des größten Stablecoin-Emittenten im Kryptosystem geworden ist. Während US-Behörden Dutzende Wallets mit Tethers USDT einfrieren, weil Kriminelle sie für Betrugsgeschäfte nutzten, startet Tether zeitgleich ein Kreditvehikel mit institutionellem Anspruch. Beide Nachrichten drehen sich um dieselbe Frage: Wie kontrollierbar ist ein Dollar-Token, der weltweit im Umlauf ist?
Der Secret Service greift durch
Der US-Geheimdienst fror am 8. September Kryptowerte im Umfang von 52,8 Millionen Dollar ein, die mit Xinbi Guarantee verbunden sind — einem chinesischsprachigen Marktplatz auf Telegram, der Werkzeuge für Betrugsmaschen wie "Pig Butchering" verkauft.
Von den 52 betroffenen Wallets, allesamt in USDT gehalten, wurden zwei mit rund zwölf Millionen Dollar per Durchsuchungsbeschluss beschlagnahmt. Das US-Finanzministerium stufte Xinbi am 9. September als transnationale kriminelle Organisation ein — dieselbe Kategorie, die sonst für Drogenkartelle verwendet wird.
Seit 2022 sollen Xinbi und seine Händler nach Einschätzung der Analysefirma Elliptic mindestens 24 Milliarden Dollar an Transaktionen abgewickelt haben. Damit wäre die Plattform der zweitgrößte bekannte illegale Online-Marktplatz nach Huione Guarantee, das Telegram im Mai 2025 abschaltete.
Xinbi reagierte mit einer öffentlichen Protestnote gegen die "willkürliche Einfrierung" und beginnt bereits, Bestände in USDD umzuschichten — einen Stablecoin von Tron-Gründer Justin Sun, der keinen zentralen Emittenten mit Einfrier-Funktion kennt.
Die Ironie dabei: Ein Teil der USDD-Reserven ist selbst wieder mit USDT unterlegt, jenem Vermögenswert also, dem die Betrüger gerade zu entkommen versuchen.
Parallel: Ein Fonds für die reale Wirtschaft
Während die eine Seite des Geschäfts mit Kriminalität kämpft, positioniert sich Tether auf der anderen als Infrastrukturanbieter für seriöse Finanzierung. Gemeinsam mit dem Londoner Vermögensverwalter Fasanara Capital hat das Unternehmen 400 Millionen Dollar in einen neuen Kreditfonds namens StableFund eingebracht. Weitere drei Milliarden Dollar sollen von institutionellen Investoren eingesammelt werden.
Fasanara übernimmt das Fondsmanagement und investiert in kurzlaufende, besicherte Kreditstrategien. Tether liefert dazu die Abwicklungsinfrastruktur auf Basis von USDT, einschließlich Ein- und Auszahlungsschnittstellen sowie Treasury-Anbindungen, und tritt als Vermittler für Finanzierungsgeschäfte auf. Der Fonds soll USDT in die Kredit- und Konsumentenfinanzierung von Fintech-Plattformen in mehr als 60 Ländern einbetten.
Tether-Chef Paolo Ardoino beschreibt das Vorhaben als Versuch, das eigene Vertriebsnetzwerk in einen direkten Finanzierungskanal für Unternehmen und Gemeinschaften zu verwandeln. Fasanara-Chef Francesco Filia verweist auf effizientere grenzüberschreitende Kreditflüsse als Ziel.
Die beiden Entwicklungen dieser Woche verdeutlichen das strukturelle Dilemma des Unternehmens: Dieselbe Eigenschaft, die USDT für kriminelle Netzwerke wie Xinbi attraktiv macht — globale Liquidität ohne Bankintermediär — macht den Token auch zum Fundament für neue Finanzierungsmodelle wie StableFund. Wie Tether beide Rollen künftig auseinanderhält, dürfte für Aufsichtsbehörden ebenso relevant bleiben wie für institutionelle Partner.
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