Telenor Aktie: Gericht lässt Sammelklage zu
Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 09:33 Uhr | Redaktion boerse-global.deEine Welle juristischer Auseinandersetzungen erschüttert den norwegischen Telekommunikationskonzern Telenor. Nach einer Razzia der norwegischen Kriminalpolizei Kripos und des Inlandsgeheimdienstes PST in der Konzernzentrale in Fornebu am Dienstag ließ das Bezirksgericht Asker og Bærum gestern eine Sammelklage gegen das Unternehmen zu.
Die Vorwürfe wiegen schwer: Sie reichen von Sanktionsverstößen bis hin zur Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Militärputsches in Myanmar.
Durchsuchung und strafrechtliche Ermittlungen
Auslöser der aktuellen Eskalation sind Ermittlungen der norwegischen Strafverfolgungsbehörden. Am Dienstag durchsuchten Beamte von Kripos und PST den Hauptsitz des Konzerns. Gegenstand der Anschuldigungen ist das Verhalten der früheren Tochtergesellschaft Telenor Myanmar im Zeitraum zwischen dem Militärputsch vom 1. Februar 2021 und dem Verkauf der Einheit Ende März 2022.
Den Ermittlungen zufolge soll Telenor wiederholt historische Verkehrsdaten, Anrufprotokolle und Standortdaten von Mobilfunkkunden an die Militärjunta weitergegeben haben. Darüber hinaus steht der Vorwurf im Raum, dass beim Verkauf der Tochtergesellschaft sanktionierte Überwachungstechnologie ohne die erforderliche Genehmigung des norwegischen Außenministeriums veräußert wurde.
Telenor hält den Vorwürfen entgegen, dass sich die Verantwortlichen damals in einer Zwangslage befunden hätten. Das Unternehmen beruft sich auf einen Notstand und betont, dass den Mitarbeitern vor Ort Haft, Folter und die Todesstrafe gedroht hätten, falls den Forderungen des Regimes nicht nachgekommen worden wäre.
Das Myanmar-Geschäft hatte der Konzern im März 2022 an die M1 Group verkauft und dabei zuvor eine Investition in Höhe von 782 Millionen US-Dollar abgeschrieben.
Zivilgericht lässt Sammelklage zu
Zu den strafrechtlichen Verfahren tritt nun ein zivilrechtliches Verfahren hinzu. Das Bezirksgericht Asker og Bærum ließ gestern eine Klage von mindestens 1.253 früheren Kunden aus Myanmar zu. Die von der Organisation JAI initiierte Sammelklage fordert Schadensersatz in Höhe von rund 125 Millionen norwegischen Kronen, was etwa 100.000 Kronen pro klagender Partei entspricht.
Die Kläger machen geltend, dass die Herausgabe sensibler Nutzerdaten an das Militärregime gezielte Verfolgung, Verhaftungen und Menschenrechtsverletzungen ermöglicht habe. Telenor weist jede zivilrechtliche Haftung zurück und prüft Medienberichten zufolge eine Berufung gegen die Zulassung der Klage.
Politischer Druck im Heimatmarkt
Die Affäre zieht auch in der norwegischen Politik Kreise, da der norwegische Staat 53,97 Prozent der Anteile an Telenor hält. Der Kontrollausschuss des norwegischen Parlaments Storting untersucht die Vorgänge bereits seit dem vergangenen Herbst.
Nach den jüngsten Maßnahmen forderten norwegische Oppositionspolitiker wie die Vorsitzende der Fortschrittspartei, Sylvi Listhaug, vollständigen Einblick in die damalige Kommunikation zwischen der Regierung und der Konzernführung.
Am Aktienmarkt spiegeln sich die juristischen Risiken im Kurs wider. Das Papier von Telenor verliert heute 3,2 Prozent auf 12,25 Euro. Der Rechtsstreit um die Rolle des Konzerns in Myanmar dürfte das Unternehmen und seine Eigentümerstruktur noch über Monate hinweg beschäftigen.
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