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Qualcomm Aktie: Wie tragfähig ist die Rechenzentrums-Fantasie?

Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 05:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Qualcomms Amazon-Partnerschaft stärkt die Data-Center-Fantasie, während schrumpfende Handset-Erlöse und Wettbewerbsdruck die Bewertung belasten.

Fotorealistischer Nahaufnahme eines generischen ungebrandeten mobilen System-on-Chip-Prozessors auf einer Leiterplatte mit sichtbaren Kupferleiterbahnen und Lötstellen
Qualcomm US7475251036 zeigt fotorealistischen mobilen Prozessor auf dunkler moderner Leiterplatte mit Kupferleiterbahnen Illustration mit AI erstellt.

Ausgangslage

Qualcomm hat am Dienstag einen kräftigen Kurssprung verzeichnet, der Schlusskurs lag bei 162,64 Euro nach einem Plus von 4,1 Prozent zum Vortag. Auslöser war die Bestätigung einer Kaufempfehlung durch das Analysehaus StoneX, dessen Analyst Cody Acree ein Kursziel von 270 US-Dollar ausgibt – rund 50 Prozent über dem damaligen Kursniveau. Die Begründung: Qualcomms Engagement im Rechenzentrumsgeschäft weite sich aus, gestützt durch die kürzlich bekanntgewordene Vereinbarung mit Amazon.

Diese Kooperation sieht vor, dass Amazon über mehrere Chip-Generationen hinweg Zahlungen von bis zu 60 Milliarden US-Dollar für kundenspezifische KI-Inferenz-Chips leisten könnte. Amazon erhält im Gegenzug 25 Millionen Warrants zu einem Ausübungspreis von 161,26 US-Dollar, von denen bislang 3,75 Millionen vestet sind.

Bestellungen aus dieser Partnerschaft werden laut Unternehmensangaben ab dem Dezember-Quartal erwartet. Dass diese Nachricht ausgerechnet jetzt für Kursfantasie sorgt, liegt daran, dass sie Qualcomms Diversifizierung weg vom schrumpfenden Smartphone-Geschäft greifbar macht – ohne dass sie bereits durch Umsätze belegt wäre.

Die entscheidende Frage

Ob sich die aktuelle Bewertung rechtfertigt, hängt an einer einzigen Zahl: dem Tempo, mit dem sich der Data-Center-Umsatz von angepeilten 5 Milliarden US-Dollar im Geschäftsjahr 2027 auf über 15 Milliarden US-Dollar bis 2029 entwickelt. Diese Größenordnung soll künftig einen wesentlichen Teil des angestrebten Nicht-Handset-Umsatzes von 40 Milliarden US-Dollar bis 2029 tragen.

Aktuell ist davon in den Zahlen noch wenig zu sehen – das Handset-Geschäft schrumpfte im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres um 20 Prozent auf 5,09 Milliarden US-Dollar. Die Investmentthese steht also auf einem Versprechen, nicht auf ausgewiesenen Erlösen.

Bullisches Szenario

Setzt sich der Wandel wie skizziert fort, dürfte Qualcomm von einem reinen Smartphone-Zulieferer zu einem breiter aufgestellten Halbleiterkonzern werden. Das Automotive-Segment liefert bereits einen Beleg für diese Möglichkeit: Der Umsatz stieg im dritten Quartal um 61 Prozent auf 1,59 Milliarden US-Dollar, das 23. Quartal in Folge mit zweistelligem Wachstum.

Das Management hat die Zielmarke für die Automotive-Run-Rate im laufenden Geschäftsjahr von 6 auf 7 Milliarden US-Dollar angehoben. Bleibt diese Dynamik erhalten und laufen die Amazon-Bestellungen tatsächlich ab dem Dezember-Quartal an, hätte StoneX' Kursziel von 270 US-Dollar eine reale Grundlage.

Der Analystenkonsens aus 9 Kauf-, 15 Halte- und 2 Verkaufsempfehlungen mit einem durchschnittlichen Kursziel von rund 204 US-Dollar zeigt allerdings, dass die Mehrheit der Analysten deutlich vorsichtiger bleibt als StoneX.

Bärisches Szenario

Dem gegenüber steht ein reales Wettbewerbsrisiko im Kerngeschäft. MediaTek hat am Dienstag mit dem Dimensity 9600 Pro den ersten Smartphone-Chip im TSMC-2-Nanometer-Verfahren vorgestellt – noch vor Qualcomms Snapdragon 8 Elite Gen 6, dessen Vorstellung erst auf dem Snapdragon Summit zwischen dem 22. und 24. September ansteht.

Berichten aus Korea zufolge führt Qualcomm zudem Gespräche mit Samsung Foundry über eine Teilfertigung des neuen Chips, weil die Kapazitäten bei TSMC durch Apple stark ausgelastet sind – ein unterschriebener Vertrag liegt dazu bislang nicht vor. Hinzu kommt strukturelles Ungemach: Ein möglicher Wechsel Apples beim Modem-Zulieferer könnte laut Marktbeobachtern 4 bis 5 Milliarden US-Dollar Handset-Umsatz kosten.

Auch die Data-Center-Wette selbst ist nicht risikofrei – Fitch Ratings warnte kürzlich vor nachlassender Preissetzungsmacht im KI-Servicegeschäft als Kreditrisiko für den gesamten Sektor.

Ausblick

Technisch signalisiert ein RSI von 71,7 eine überkaufte Lage, während der Kurs rund 27 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 222,90 Euro und gut 12 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt notiert – die jüngste Rally hat also bereits einiges an guten Nachrichten vorweggenommen.

Solange die Automotive-Zahlen ihr Tempo halten und die ersten Amazon-Bestellungen tatsächlich im Dezember-Quartal eingehen, bleibt das bullische Szenario intakt.

Enttäuscht dagegen der Snapdragon-8-Elite-Gen-6-Launch Ende September gegenüber MediaTeks bereits verfügbarem Konkurrenzchip, oder verzögert sich der Amazon-Hochlauf, dürfte die Lücke zwischen StoneX' optimistischem Kursziel und dem nüchterneren Konsens von etwa 204 US-Dollar schnell wieder zulasten der Aktie schließen.

Die Dividendenzahlung von 0,92 US-Dollar je Aktie am 24. September liefert währenddessen zumindest laufenden Ertrag, unabhängig vom Ausgang der Wachstumswette.

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