Oracle Aktie: 5,4 Milliarden Cashflow-Verlust trotz Rekordaufträge
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 12:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Oracle hat vergangenen Donnerstag Zahlen vorgelegt, die auf den ersten Blick keinen Zweifel lassen: Rekordumsatz, explodierende Cloud-Erlöse, ein Auftragsbestand von 664 Milliarden Dollar. Und doch notiert die Aktie seither tiefer. Für mich ist genau diese Diskrepanz die eigentliche Geschichte – nicht die Wachstumszahlen selbst, sondern die Frage, wie Oracle sein gigantisches Wachstum finanziert.
Zwei Analysten, zwei Lesarten
Am Freitag reagierten die Analystenhäuser mit bemerkenswert unterschiedlichen Schlüssen auf dieselben Zahlen. Barclays hob das Kursziel auf 252 US-Dollar an und begründete dies mit dem abgeschlossenen ATM-Aktienprogramm über 20 Milliarden Dollar, das aus Sicht der Analysten die Finanzierungsunsicherheit reduziere.
Stifel dagegen senkte das Kursziel auf 200 US-Dollar und verwies auf einen Rückgang der Bruttomarge von rund 1.000 Basispunkten im Jahresvergleich. Beide Häuser bleiben bei einer Kaufempfehlung – aber die Spanne zwischen 200 und 252 Dollar zeigt, wie unterschiedlich die Risiken gerade eingepreist werden.
Genau diese Uneinigkeit halte ich für den eigentlichen Kompass. Wer nur auf die Wachstumsraten schaut – Cloud-Infrastrukturerlöse plus 121 Prozent, Gesamtumsatz plus 30 Prozent –, sieht ein Unternehmen im Höhenflug.
Wer auf die Bilanz blickt, sieht ein Unternehmen, das binnen eines Quartals 5,4 Milliarden Dollar an freiem Cashflow verbrannt hat, bei einem Capex von 28,5 Milliarden Dollar und einer Gesamtverschuldung von mittlerweile 125 Milliarden Dollar.
Die Wette hinter der Wette
Oracle hat sich unübersehbar auf eine Karte verlegt: massive Vorleistungen in Rechenzentren und KI-Infrastruktur, finanziert über Schulden und frisches Eigenkapital, in der Erwartung, dass die Auftragsflut – allein 30 Milliarden Dollar neue KI-Verträge im Quartal – diese Investitionen rechtfertigt.
Der Pentagon-Auftrag über bis zu 7 Milliarden Dollar über zehn Jahre und die auf über 90 Milliarden Dollar angehobene Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr sprechen dafür, dass die Nachfrageseite tatsächlich trägt.
Trotzdem bleibt für mich ein Störgefühl: Ein Unternehmen, das sein Wachstum derart aggressiv über Fremd- und frisches Eigenkapital finanziert, verschiebt das Risiko in die Zukunft. Solange die Rechenzentren ausgelastet werden und die Margen sich stabilisieren, zahlt sich diese Strategie aus. Kippt die Nachfrage oder verzögern sich Projekte, wiegt die Schuldenlast entsprechend schwerer.
Was der Kurs gerade einpreist
Der Blick auf die Handelsdaten stützt diese Ambivalenz. Die Aktie schloss am Freitag bei 129,72 Euro, ein Minus von 1,4 Prozent auf Tagesbasis und von 5,1 Prozent auf Wochensicht – trotz der eigentlich starken Zahlen.
Seit Jahresbeginn steht ein Rückgang von 22 Prozent zu Buche, auf Zwölfmonatssicht sogar von 51 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 288,95 Euro, erreicht im vergangenen September, trennen die Aktie mittlerweile 55 Prozent.
Das ist kein Bild einer Aktie, die von Euphorie getragen wird. Es ist das Bild eines Marktes, der die Wachstumszahlen zwar goutiert, aber die Kapitalintensität und die Margenbelastung mit spürbarem Argwohn verfolgt. Bemerkenswert finde ich, dass die Aktie dennoch rund 29 Prozent über ihrem 52-Wochen-Tief von 100,76 Euro notiert – ein Hinweis darauf, dass die Erholung der vergangenen Wochen bereits eingesetzt hat, bevor die Quartalszahlen kamen.
Mein Fazit
Unterm Strich überwiegt für mich derzeit keine eindeutige Richtung, sondern ein Abwägen zweier valider Thesen. Die Wachstumsstory – getragen von Cloud-Infrastruktur, Großaufträgen und einer selbstbewussten Guidance – ist intakt und beeindruckend. Die Finanzierungsstory – hohe Schulden, negativer freier Cashflow, sinkende Margen – ist ebenso real und lässt sich nicht wegdiskutieren.
Barclays und Stifel liegen mit ihren Kurszielen fast 50 Dollar auseinander, weil sie diese beiden Geschichten unterschiedlich gewichten. Für Anleger dürfte entscheidend sein, ob sie Oracle als Infrastrukturwette auf die KI-Nachfrage der kommenden Jahre lesen – oder als Warnsignal dafür, wie teuer diese Wette gerade wird.
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