Nvidia, Belastungsprobe

Nvidia vor der Belastungsprobe: Reicht der Speicher für das nächste Wachstumskapitel?

Veröffentlicht am: 01.09.2026 um 00:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Nvidia meldet starke Nachfrage, doch knapper Hochgeschwindigkeitsspeicher und mögliche US-Exportregeln erhöhen die Unsicherheit für das Wachstum.

Nvidia vor Lieferkettenprüfung: Speicherengpässe belasten Wachstum
Abstrakte Darstellung einer modernen Server-Infrastruktur mit leuchtenden Datenströmen in einem Rechenzentrum. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Ausgangslage

Nvidia hat mit seinen jüngsten Geschäftszahlen die Erwartungen übertroffen, doch die eigentliche Weichenstellung für Anleger liegt woanders: Finanzvorständin Colette Kress erklärte am Freitag, dass Lieferengpässe bei Hochgeschwindigkeitsspeicher das Unternehmen bis mindestens zum Geschäftsjahr 2028 begleiten dürften. Das ist bemerkenswert, weil Nvidia im vergangenen Quartal seine Lieferverpflichtungen bereits um 160 Milliarden Dollar erhöht hat, um die Nachfrage zu bedienen.

Die Aussage verschiebt den Blick von der reinen Absatzfrage hin zur Produktionsfähigkeit der gesamten Lieferkette – und genau das entscheidet, ob die für das laufende Geschäftsjahr in Aussicht gestellte Umsatzsteigerung von 70 Prozent überhaupt erreichbar ist.

Parallel dazu sorgen mehrere Nebenschauplätze für Unruhe: Das US-Handelsministerium arbeitet Medienberichten zufolge an neuen Regeln, die chinesischen Unternehmen den Fernzugriff auf H100- und GB300-Chips über Rechenzentren in Drittstaaten wie Thailand oder Singapur verwehren sollen – ein Vorhaben, das bislang nicht final beschlossen ist.

Zudem verdichten sich Berichte, wonach Nvidia für 12,9 Milliarden Dollar die KI-Plattform Hugging Face übernehmen will; offiziell bestätigt ist der Deal von keiner der beiden Seiten.

Die entscheidende Frage

Kann Nvidia genügend Speicherkapazität sichern, um sein eigenes Wachstumsversprechen einzulösen? Die für das dritte Geschäftsquartal ausgegebene Umsatzprognose von 108 Milliarden Dollar (plus/minus 2 Prozent) setzt voraus, dass Zulieferer mit der Nachfrage nach High-Bandwidth-Memory Schritt halten. Bleibt der Engpass bestehen, drohen Verzögerungen bei Auslieferungen an Großkunden wie Cloud-Anbieter – trotz prall gefüllter Auftragsbücher.

Bullisches Szenario

Gelingt es Nvidia, die zusätzlichen Lieferverpflichtungen von 160 Milliarden Dollar tatsächlich zu bedienen, bleibt der Wachstumspfad intakt. Raymond James hob das Kursziel am Freitag auf 515 US-Dollar an – der höchste Wert unter den großen Häusern – und begründete dies mit einem Multiple von 22 auf die für 2028 erwarteten Gewinne.

Auch Evercore ISI, JPMorgan, Citi und Morgan Stanley zogen ihre Ziele im Zuge der Quartalszahlen nach oben. Sollte die Ohio-Partnerschaft mit SB Energy, die 4,25 Gigawatt IT-Leistung für einen OpenAI-Mieter sichert, planmäßig anlaufen, würde das die langfristige Infrastrukturbasis für weiteres Wachstum untermauern.

Der jüngste Kursverlauf – ein Plus von knapp 9 Prozent auf 30-Tage-Sicht und ein Abstand von 12 Prozent zum 200-Tage-Durchschnitt – signalisiert, dass der Markt dieses Szenario derzeit als wahrscheinlicher einstuft.

Bärisches Szenario

Die Kehrseite: Sollten sich die Speicherengpässe verschärfen statt abklingen, könnte Nvidia seine ambitionierte Prognose für das Geschäftsjahr 2028 verfehlen. Hinzu kommt regulatorisches Risiko – die geplanten US-Exportbeschränkungen für Rechenzentren in Drittstaaten würden, sollten sie beschlossen werden, einen Umweg chinesischer Kunden über Singapur oder Thailand versperren und damit einen Absatzkanal kappen, dessen Umfang bislang unklar ist.

Bemerkenswert ist zudem, dass Insider laut Aufsichtsmeldungen im laufenden Jahr Aktien im Wert von mehr als 664 Millionen Dollar verkauft haben, wobei allein Direktor Mark Stevens für 445,6 Millionen Dollar davon verantwortlich zeichnet.

Solche Verkäufe sind kein Alarmsignal per se, nähren aber Zweifel, ob Insider die aktuelle Bewertung als fair ansehen. Die noch unbestätigte Hugging-Face-Übernahme birgt zusätzliches Ausführungsrisiko, sollte sie sich als teurer oder komplizierter erweisen als angenommen.

Ausblick

Solange Nvidia seine Lieferverpflichtungen trotz Speicherknappheit einhält und die Wachstumsprognose für das Geschäftsjahr 2028 bestätigt, dürfte die Aktie – aktuell bei 189,26 Euro und rund 6,5 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro – Spielraum nach oben behalten.

Kippt die Versorgungslage jedoch, oder werden die diskutierten US-Exportregeln tatsächlich verhängt, dürfte der Markt die hohen Kursziele der Analysten rasch relativieren.

Ein erster konkreter Prüfstein ist die für den 18. November angesetzte Vorlage der Zahlen zum dritten Geschäftsquartal 2027 – sie wird zeigen, ob die Prognose von 108 Milliarden Dollar Umsatz trotz der Engpässe zu halten war. Bis dahin bleibt die Lage rund um Hugging Face und die möglichen China-Exportregeln als zusätzlicher Unsicherheitsfaktor bestehen.

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