Nvidia Aktie: Hinton wirft Huang Eigeninteresse vor
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 12:57 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Wenn ein Konzernchef seine eigene Aktie als „weltweit erste und einzige Growth-Value-Aktie“ anpreist, sollten Anleger genau hinhören. Für mich klingt Jensen Huangs Formulierung auf einer Goldman-Sachs-Konferenz weniger nach souveräner Zuversicht als nach verbaler Verteidigung.
Mit einem aktuellen Kurs von 200,50 Euro notiert das Papier zwar nur 1,0 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch. Unter der glänzenden Oberfläche schwelt jedoch ein handfester Bewertungswiderspruch: Das Multiple auf den erwarteten Gewinn der kommenden zwölf Monate ist unter 17 gefallen – ein historisch günstiger Wert, der vor kurzem noch undenkbar schien.
Die Skepsis hinter den Rekordzahlen
Der Markt zweifelt längst nicht mehr an der aktuellen Nachfrage nach KI-Hardware, sondern an der Dauerhaftigkeit dieser Ausnahmesituation. Eli Horton von TCW bringt das Unbehagen auf den Punkt: Das Absinken der Bewertung spiegelt eine wachsende Skepsis wider, ob Nvidia seine beispiellose Ertragskraft über Jahre hinweg verteidigen kann. Die Zeit, in der jeder Quartalsbericht blind mit Kursaufschlägen gefeiert wurde, ist vorbei.
Zugleich stellte der Konzern für das darauffolgende Jahr eine Umsatzausweitung von 70 Prozent in Aussicht. Dass die Bewertung trotz dieser Perspektiven auf das Niveau traditioneller Industrieunternehmen schrumpft, offenbart die tiefe Kluft zwischen Management-Vision und Investorenangst.
Schwindende Margen und neue Rivalen
Für mich liegt der eigentliche Grund für das Misstrauen in der drohenden Erosion der Profitabilität. Zwar erreichte die Bruttomarge im zweiten Quartal stolze 75 Prozent, doch für das vierte Quartal zeichnet sich im Analystenkonsens ein Rückgang auf unter 72 Prozent ab. Steigende Kosten für Speicherchips und fortschrittliche Fertigungstechnologien fordern ihren Tribut.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Kunden nicht tatenlos zusehen. David Russell von TradeStation verweist zu Recht darauf, dass Schwergewichte wie Meta und Alphabet mit Hochdruck an eigenen Halbleitern arbeiten. Niemand im Silicon Valley möchte dauerhaft von einem einzigen Lieferanten abhängig sein.
In dem Moment, in dem Cloud-Anbieter eigene Prozessoren für das Training und den Betrieb von Modellen etablieren, verliert Nvidia schrittweise sein Monopol und damit die Fähigkeit, astronomische Preise durchzusetzen.
Politischer Streit statt technischer Vorsprung
Vor diesem Hintergrund wirkt auch der jüngste rhetorische Vorstoß des Konzernchefs durchsichtig. Im US-Fernsehen wischte Huang Warnungen vor existenziellen KI-Risiken rigoros beiseite und sprach von einer Wahrscheinlichkeit von null Prozent für einen Weltuntergang bis 2030. Seine These: Führende Software-Labore würden Sicherheitsrisiken dramatisieren, um regulatorische Hürden gegen neue Wettbewerber aufzubauen und sich selbst vor Produkthaftung zu schützen.
Dass renommierte Stimmen wie Nobelpreisträger Geoffrey Hinton ihm heute entschieden widersprechen, legt den Finger in die offene Wunde. Hinton warf Huang unverblümt finanzielle Eigeninteressen vor – wer Chips verkaufen wolle, habe kein Interesse an einer Verlangsamung der Entwicklung.
Dieser Streit zeigt eindringlich, wie nervös die Branche geworden ist. Wenn ein Technologieführer regulatorische Scheingefechte führen muss, um das Tempo hochzuhalten, spricht das nicht für uneingeschränkte Stärke.
Ein überfälliges Erwachen der Börse
Unterm Strich halte ich die Neubewertung nicht für den Beginn eines Absturzes, sondern für eine längst überfällige Normalisierung. Die Ära, in der Nvidia jedes beliebige Multiple zugestanden wurde, ist vorüber. Die Chancen im Rechenzentrumsgeschäft bleiben intakt, und der Konzern wird auf absehbare Zeit hochprofitabel bleiben.
Die Zeit der mühelosen Kursgewinne dürfte dennoch der Vergangenheit angehören. Anleger sollten sich von Huangs Etikett der „Value-Aktie“ nicht blenden lassen. Entscheidend für die Zukunft sind weder philosophische Debatten noch verbale Beruhigungspillen, sondern die harte Realität der Margenentwicklung und die Erfolge der Konkurrenz.
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