Novartis, Aktie

Novartis Aktie: Avidity-Deal scheitert klinische Realität

Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 14:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Nach drei gescheiterten Studien fällt die Novartis-Aktie deutlich. Analysten reagieren unterschiedlich, während der Konzern an seiner Guidance festhält.

Pop-Art-Illustration einer DNA-Doppelhelix mit Kapsel in leuchtendem Halftone-Raster
Novartis AG CH0012005267 – Pop-Art-Comic mit stilisierter DNA-Helix und Kapsel im bunten Halftone-Raster Illustration mit AI erstellt.

Es gibt Wochen, die eine ganze Erzählung zerlegen. Novartis galt lange als der Pharmakonzern, der Übernahmen nicht aus Nervosität tätigt, sondern aus Kalkül – ruhig, diszipliniert, mit langem Atem gegen auslaufende Patente. Diese Woche hat dieses Bild einen Riss bekommen, und der Riss verläuft mitten durch die teuerste Wette des Konzerns.

Drei Rückschläge in der Arzneimittelentwicklung binnen weniger Tage – das ist kein Betriebsunfall, das ist eine Serie. Erst musste Novartis eine Zelltherapie-Studie stoppen, nachdem drei Patienten gestorben waren.

Dann scheiterte die Phase-III-Studie Lp(a)HORIZON zu pelacarsen an ihrem primären Ziel, einer kardiovaskulären Outcomes-Studie. Und am Dienstag folgte der Tiefschlag: Del-desiran, ein Mittel gegen die seltene Muskelerkrankung myotone Dystrophie Typ 1, verfehlte in der Phase-3-Studie HARBOR ebenfalls sein Ziel.

Wenn der teuerste Zukauf zum Testfall wird

Del-desiran war kein beliebiges Molekül im Portfolio. Es war das Herzstück der zwölf Milliarden Dollar schweren Übernahme von Avidity Biosciences, öffentlich von Konzernchef Vas Narasimhan als potenzieller Blockbuster gepriesen.

Genau das macht den Fehlschlag so brisant. Es geht nicht nur um verlorenen Umsatz – Barclays-Analysten bezifferten das risikobereinigte Spitzenpotenzial von del-desiran und pelacarsen zusammen auf rund fünf Milliarden Dollar. Es geht um die Glaubwürdigkeit einer ganzen Strategie: Novartis will schrumpfende Patente durch Zukäufe kompensieren.

Wenn ausgerechnet der Prestige-Deal an der klinischen Realität scheitert, stellt sich die unbequeme Frage, ob sich Milliarden-Übernahmen in der Pharmabranche überhaupt verlässlich kalkulieren lassen – oder ob sie am Ende immer eine Wette auf Biologie bleiben, die sich nicht vertraglich absichern lässt.

Der Markt hat diese Frage am Dienstag brutal beantwortet. Die Aktie brach um 10,9 Prozent auf 111,80 Franken ein, nachdem sie erst am 3. September noch ein Rekordhoch von 132,68 Franken markiert hatte. Rechnerisch sind damit rund 24 Milliarden Franken Marktkapitalisierung verdampft – innerhalb weniger Handelstage.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache

Auch in Euro gerechnet zeigt sich das Ausmaß der Korrektur: Der aktuelle Kurs von 120,10 Euro liegt satte 17 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. Über sieben Tage steht ein Minus von 14 Prozent zu Buche, über 30 Tage sind es 11 Prozent.

Die Aktie notiert damit auch klar unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 134,07 Euro. Ein RSI von 32,9 signalisiert eine überverkaufte Situation – ein rein technisches Signal, das die fundamentale Verunsicherung nicht auflöst, sondern nur begleitet.

Die Reaktionen der Analysten fielen erwartungsgemäß uneinheitlich aus. Deutsche Bank Research senkte am Mittwoch das Kursziel von 140 auf 120 Franken und stufte die Aktie von "Buy" auf "Hold" zurück – eine deutliche Abkühlung der Erwartungen. RBC Capital Markets bewertet das Papier mit "Sector Perform" und einem Kursziel von 120 Franken, ebenfalls vom Mittwoch.

Barclays hatte tags zuvor sein Kursziel zwar von 125 auf 130 Franken angehoben, beließ die Einstufung aber bei "Equal Weight" und strich pelacarsen bereits aus seinem Modell – während man bei remibrutinib nach positiven Nachrichten optimistischer wurde. Das zeigt: Selbst inmitten der Rückschlagserie gibt es im Portfolio Lichtblicke, die den Gesamteindruck nicht umkehren, aber relativieren.

Novartis selbst hält an seiner langfristigen Umsatzguidance fest und erwartet bis 2030 ein jährliches Wachstum von 5 bis 6 Prozent. Das ist die eigentliche Frage, die diese Woche aufwirft: Kann ein Konzern, dessen jüngste drei Studien scheiterten, diese Guidance allein aus dem verbliebenen Portfolio und künftigen Zukäufen tragen?

Die Antwort darauf wird die Pipeline liefern müssen – nicht die Ankündigung selbst. Für die gesamte Pharmabranche, die zunehmend auf Übernahmen als Ersatz für eigene Forschungserfolge setzt, ist Novartis in diesen Tagen ein Lehrstück darüber, wie schnell aus einer Wachstumsgeschichte eine Vertrauensfrage wird.

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