Navitas Semiconductor: Wolfspeed und Renesas greifen an
Veröffentlicht am: 09.08.2026 um 11:27 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Manchmal erzählt eine Bilanz mehr über eine ganze Branche als über ein einzelnes Unternehmen. Navitas Semiconductor hat am Montag Zahlen vorgelegt, die zeigen, wie brutal der Umbau der Halbleiterwelt gerade verläuft – weg vom Massenmarkt für Ladegeräte und Unterhaltungselektronik, hin zu den stromhungrigen Rechenzentren der künstlichen Intelligenz. Wer auf diesen Wandel setzt, muss inzwischen auch mit harten Bandagen rechnen: Gleich zwei Konkurrenten haben Navitas in den vergangenen Wochen vor Gericht gezerrt.
Der Markt reagierte auf die Zahlen zunächst euphorisch. Am Freitag schloss die Aktie bei 12,10 Euro, ein Plus von 9,01 Prozent an einem einzigen Handelstag. Auf Wochensicht summierte sich die Erholung sogar auf über ein Viertel. Von den Höchstständen des vergangenen Jahres ist das Papier trotzdem weit entfernt – zum 52-Wochen-Hoch von 29,20 Euro fehlen noch 58,56 Prozent. Die Volatilität, mit der sich Navitas-Aktionäre inzwischen arrangiert haben, bleibt also hoch.
Ein Quartalsbericht als Beleg für den Strategiewechsel
Für das zweite Quartal 2026 meldete Navitas einen Umsatz von 10,5 Millionen Dollar, ein Plus von 22 Prozent gegenüber dem Vorquartal, wenn auch unter dem Niveau des Vorjahresquartals. Der bereinigte Nettoverlust lag bei 9,3 Millionen Dollar, während das GAAP-Ergebnis durch eine nicht zahlungswirksame Neubewertung einer Earnout-Verbindlichkeit in Höhe von 203,1 Millionen Dollar auf einen Verlust von 228,2 Millionen Dollar gedrückt wurde – eine bilanzielle Größe, die mit dem operativen Geschäft wenig zu tun hat. Wichtiger für Anleger: Die Kassenposition wuchs auf 557,4 Millionen Dollar, ein ordentliches Polster für ein Unternehmen mitten im Umbau.
Entscheidend war die Prognose für das dritte Quartal. Navitas rechnet mit Umsätzen von 13,5 Millionen Dollar, plus oder minus 0,5 Millionen, das entspricht einem Sprung von rund 28 Prozent gegenüber dem Vorquartal und liegt deutlich über den Erwartungen der Analysten von etwa 11,1 Millionen Dollar. Zum ersten Mal seit längerem würde das Unternehmen damit wieder im Jahresvergleich wachsen. Das Segment Hochleistungsmärkte legte bereits um mehr als 50 Prozent zum Vorjahr zu – getragen von KI-Rechenzentren sowie Netz- und Energieinfrastruktur, die laut Unternehmensangaben bis Jahresende mehr als ein Drittel des Gesamtumsatzes ausmachen sollen. Genau das ist der Kern der sogenannten "Navitas 2.0"-Strategie: raus aus dem Mobilgeschäft, rein in die Stromversorgung der KI-Ära.
Der Preis des Umbaus: Patentklagen aus zwei Richtungen
Wachstum in einem heiß umkämpften Nischenmarkt bleibt selten unbeobachtet. Anfang Juli reichte Wolfspeed vor dem Bundesgericht in Delaware eine Patentklage gegen Navitas ein und wirft dem Unternehmen vor, mit seinen GaN-Bauteilen der Produktfamilien GaNFast, GaNSlim und GaNSafe sowie den GeneSiC-MOSFETs mehrere Wolfspeed-Patente zu verletzen. Navitas wies die Vorwürfe zurück und bezeichnete die Klage als das Ergebnis "jahrzehntelanger eigenständiger Innovation". Nur zwei Wochen später legte Renesas Electronics nach – diesmal vor einem Bundesgericht in Kalifornien und mit einem anderen Vorwurf: mutmaßlicher Diebstahl von Geschäftsgeheimnissen durch zwei frühere Renesas-Mitarbeiter, darunter Navitas-CEO Christopher Allexandre, die inzwischen für Navitas arbeiten.
Allexandre nahm die Vorwürfe wenig zurückhaltend auf. Die Wolfspeed-Klage nannte er einen "verzweifelten Schritt", nachdem Personalvermittler versucht hätten, Wolfspeed-Mitarbeiter für offene Navitas-Stellen abzuwerben. Zur Renesas-Klage verwies er auf eine mögliche Beteiligung von Renesas an Wolfspeed von bis zu 39 Prozent und fragte rhetorisch, ob der Zeitpunkt der Klage – eine Woche vor der Quartalsvorlage – wirklich Zufall sei. Ob diese Einschätzung zutrifft, wird sich vor Gericht zeigen müssen, nicht in Pressemitteilungen.
Zwischen Kurszielsenkung und strategischer Öffnung
Trotz der starken Guidance blieben Analysten skeptisch. Jefferies senkte das Kursziel auf 13 von 15 Dollar und beließ es bei einer Hold-Einstufung, mit dem Argument, das Potenzial der 800-Volt-GaN-Technologie sei eher eine Geschichte für 2027 und 2028. Morgan Stanley reduzierte das Ziel auf 12,60 von 13,70 Dollar und bestätigte eine Underweight-Position angesichts des intensiven Wettbewerbs.
Parallel dazu öffnet sich Navitas neue Absatzkanäle: Mit Magnachip Semiconductor wurde eine Lizenzpartnerschaft für die GeneSiC-TAP-Technologie geschlossen, die den Zugang zu Hochspannungs- und Ultrahochspannungs-Siliziumkarbid-Märkten sowie zur Lieferkette von Magnachip eröffnet – ein Baustein, dessen finanzielle Dimension laut Unternehmensangaben noch nicht abschließend bezifferbar ist. Die nächste Standortbestimmung liefert die Quartalsvorlage am 2. November, wenn sich zeigen wird, ob aus der optimistischen Prognose tatsächlich nachhaltiges Wachstum wird – und ob die juristischen Fronten bis dahin an Schärfe verlieren oder zunehmen.
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