Marvell nach dem Rekordquartal: Wie viel Google-Fantasie trägt der Kurs noch?
Veröffentlicht am: 01.09.2026 um 12:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ausgangslage
Der Investor Day am 6. Oktober rückt näher, und für Marvell Technology wird er zur ersten großen Bühne nach einem turbulenten Spätsommer. Am vergangenen Sonntag hatte der Chiphersteller Zahlen vorgelegt, die auf dem Papier kaum Wünsche offenließen: Der Umsatz kletterte um 37 Prozent auf 2,7 Milliarden Dollar, das Rechenzentrumsgeschäft wuchs sogar um 46 Prozent.
Der Gewinn je Aktie von 0,94 Dollar übertraf die Erwartungen der Analysten von 0,87 Dollar deutlich. Dennoch gab der Kurs seither nach – ein Muster, das sich bei Marvell in diesem Sommer wiederholt hat.
Die Aktie notiert aktuell bei 182,52 Euro und damit rund 6,5 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 195,13 Euro, ein Zeichen dafür, dass der kurzfristige Trend nach den jüngsten Ereignissen nach unten zeigt.
Parallel dazu hat Marvell seine Prognose für das Geschäftsjahr 2028 angehoben: Statt 16,5 Milliarden Dollar sollen es nun rund 18 Milliarden Dollar Umsatz werden, ein Plus von etwa 50 Prozent gegenüber dem laufenden Jahr.
Für das dritte Quartal stellt das Unternehmen einen Umsatz von 3,15 Milliarden Dollar in Aussicht. Dass der Markt trotzdem mit Verkäufen reagierte, zeigt: Die Messlatte für Marvell liegt inzwischen so hoch, dass selbst starke Zahlen als „nicht gut genug" gelten können.
Die entscheidende Frage
Im Zentrum der Anlegerentscheidung steht die Google-Vereinbarung von Mitte August. Der Suchmaschinenkonzern kann im Rahmen einer Chip-Partnerschaft bis zu 58,97 Millionen Marvell-Aktien zu je 206,58 Dollar erwerben, ein Volumen von bis zu 12,2 Milliarden Dollar, gestaffelt über Kaufziele bis ins Geschäftsjahr 2033. Die Vereinbarung deckt Produkte ab, die mit Googles TPU-Systemen zusammenarbeiten – KI-Inferenzchips, Storage-Controller und Netzwerkschnittstellen.
Die entscheidende Frage für Anleger lautet: Wie schnell und wie verlässlich schlagen sich diese Kaufziele tatsächlich in Umsatz nieder, und liefert der Investor Day im Oktober die konkreten Meilensteine, die der Markt bislang vermisst?
Bullisches Szenario
Bestätigt Marvell beim Investor Day, dass die Google-Kaufziele planmäßig anlaufen und das Rechenzentrumsgeschäft sein Tempo von 46 Prozent Wachstum hält, dürfte die angehobene Fiskaljahr-2028-Prognose von 18 Milliarden Dollar an Glaubwürdigkeit gewinnen.
Craig Hallum hatte sein Kursziel im Zuge der Zahlen von 217 auf 300 Dollar angehoben und eine Kaufempfehlung ausgesprochen, Wolfe Research bestätigte seine positive Einschätzung mit einem Kursziel von 280 Dollar.
Setzt sich diese Lesart durch, könnte die aktuelle Schwäche als Verschnaufpause nach der extremen Rally erscheinen – die Aktie hat sich seit Jahresbeginn um 150 Prozent verteuert. Zusätzlichen Rückenwind lieferten zuletzt Investitionen wie der geplante 250-Millionen-Dollar-Ausbau in Indien, der Marvells Kapazitäten für Talent und Infrastruktur stärken soll.
Bärisches Risiko
Die Gegenposition liegt in der Diskrepanz zwischen Ankündigung und Kassenwirksamkeit. Die Google-Kaufrechte erstrecken sich über Jahre bis 2033 und sind an Zwischenziele gebunden – ein tatsächlicher Mittelzufluss in nennenswerter Höhe ist damit alles andere als unmittelbar sicher.
B. Riley Financial senkte sein Kursziel Ende August von 345 auf 315 Dollar, blieb zwar bei einer Kaufeinstufung, signalisierte aber, dass die Wachstumsdynamik neu kalibriert werden muss. Hinzu kommt die hohe Bewertungslatte: Die Aktie hat sich binnen zwölf Monaten mehr als verdreifacht, jede Enttäuschung bei der Umsetzung der Prognosen dürfte überproportional bestraft werden. Die Volatilität von 88 Prozent auf 30-Tage-Basis unterstreicht, wie nervös der Markt aktuell auf jede Nachricht reagiert.
Ausblick
Solange Marvell seine Wachstumsraten im Rechenzentrumsgeschäft hält und die Google-Kaufziele nachweislich Fahrt aufnehmen, bleibt die angehobene Fiskaljahr-2028-Prognose der Ankerpunkt für die Bullen.
Kippt dagegen der Eindruck, dass sich die milliardenschwere Partnerschaft erst mit jahrelanger Verzögerung monetarisieren lässt, dürfte die Skepsis wachsen, die sich bereits in den jüngsten Kurszielsenkungen andeutet.
Der Investor Day am 6. Oktober in New York, bei dem CEO Matt Murphy und das Führungsteam auftreten, wird zum ersten echten Prüfstein: Er muss zeigen, ob aus der Ankündigung ein belastbarer Fahrplan wird – oder ob Anleger weiter auf Sicht fahren müssen.
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