Marvell, Kursrutsch

Marvell nach dem Kursrutsch: Wann kippt die Skepsis der Anleger?

Veröffentlicht am: 03.09.2026 um 07:56 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Marvell steigert das Datacenter-Geschäft deutlich, doch Verzögerungen beim Google-Deal und hohe Bewertung belasten die Aktie weiter.

Flatlay mit Aktienzertifikat, ISIN-Karte, Siliziumwafer und Leiterplatte auf dunklem Untergrund
Flatlay-Arrangement mit Aktienzertifikat und ISIN-Karte US5738741041 illustriert Marvell Technology, Halbleitersektor, mit Chips und Platine Illustration mit AI erstellt.

Ausgangslage

Marvell Technology steckt in einer Vertrauenskrise, die trotz Rekordzahlen nicht abreißt. Seit dem Rekordquartal am vergangenen Dienstag hat die Aktie weitere 1,9 Prozent verloren, die Ausweitung der Google-Partnerschaft vor rund zwei Wochen liegt seither mit 12,5 Prozent im Minus.

Die Softwaregruppe wächst operativ so stark wie selten zuvor – und der Kurs fällt trotzdem. Diese Diskrepanz macht die Aktie zu einem Testfall dafür, ob Wachstum allein noch reicht, um eine ambitionierte Bewertung zu rechtfertigen.

Der Vorstandschef Matt Murphy hatte bei der Vorlage der Zahlen von "außergewöhnlich robusten" KI-bezogenen Auftragseingängen gesprochen und eine Beschleunigung des Wachstums für den Rest des Geschäftsjahres angekündigt. Das Datacenter-Geschäft, mittlerweile 79 Prozent des Gesamtumsatzes, wuchs um 46 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Markt reagierte trotzdem mit Verkäufen – ein Muster, das sich seit Wochen wiederholt.

Die entscheidende Frage

Im Kern geht es um eine einzige Größe: Wie schnell und wie sicher wird die Google-Kooperation tatsächlich Umsatz bringen? Die im August erweiterte Vereinbarung räumt Google das Recht ein, bis zu knapp 59 Millionen Marvell-Aktien zu einem Kurs von 206,58 Dollar zu erwerben – gekoppelt an Umsatzziele, die bis ins Geschäftsjahr 2033 reichen.

Das Volumen klingt gewaltig, doch der Zeithorizont ist lang, und die Meilensteine sind an konkrete Abnahmemengen gebunden, die erst noch erreicht werden müssen.

Genau hier setzt die Skepsis an: Investoren fürchten, dass die Umsatzbeiträge aus dem Deal später kommen als der Aktienkurs bereits eingepreist hat, und dass Marvell zugleich zu abhängig von wenigen Großkunden wird.

Diese Sorge um Kundenkonzentration ist nicht neu – Erste-Group-Analyst Hans Engel hatte bereits Mitte Juli auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 73 hingewiesen und die Bewertung im Branchenvergleich als überzogen bezeichnet, verbunden mit der Herabstufung auf "Hold". Ob sich das Verhältnis von Wachstumstempo und Bewertung wieder normalisiert, entscheidet über die nächste Kursrichtung.

Bullisches Szenario

Für Optimisten spricht die schiere Dynamik der Zahlen. Marvell hob die Umsatzprognose für das Geschäftsjahr 2028 auf 18 Milliarden Dollar an, verbunden mit einer Wachstumserwartung von mehr als 60 Prozent im Datacenter-Segment für beide kommenden Geschäftsjahre – eine Anhebung gegenüber der zuvor kommunizierten Marke von etwa 50 Prozent.

Sollte sich das Custom-Silicon-Geschäft, wie vom Management für die zweite Jahreshälfte angekündigt, tatsächlich beschleunigen, könnte die Google-Kooperation schneller sichtbare Umsatzbeiträge liefern als derzeit befürchtet.

In diesem Fall würde der aktuelle Kursrückgang rückblickend als Übertreibung erscheinen, ausgelöst von kurzfristigen Timing-Sorgen statt von einer strukturellen Wachstumsschwäche.

Bärisches Szenario

Das Risikoszenario ist ernst zu nehmen. Sollte sich die Umsatzrealisierung aus der Google-Partnerschaft tatsächlich über Jahre hinziehen, während der Markt kurzfristige Beweise verlangt, bleibt der Druck auf die Bewertung bestehen. Hinzu kommt die von Erste Group thematisierte Kundenkonzentration: Ein Großteil des Wachstums hängt an wenigen Hyperscaler-Kunden, deren Investitionsbereitschaft in KI-Infrastruktur nicht garantiert ist.

Medienberichten zufolge belasteten Anfang September zudem branchenweite Sorgen über eine mögliche Abkühlung der KI-Chip-Nachfrage und der Datacenter-Ausgaben die Aktie zusätzlich – ein Faktor, der nicht Marvell-spezifisch ist, das Papier aber genauso trifft.

Auch die jüngste Kürzung des Kursziels durch B. Riley Financial von 345 auf 315 Dollar bei gleichzeitig bestätigter Kaufempfehlung zeigt: Selbst wohlwollende Analysten nehmen die Luft aus ihren Erwartungen, ohne die grundsätzliche These aufzugeben.

Ausblick

Solange Marvell seine eigene Wachstumsguidance bestätigt und erste konkrete Umsatzmeilensteine aus der Google-Kooperation sichtbar werden, dürfte die aktuelle Schwäche als Konsolidierung nach einer sehr starken Kursrallye der vergangenen zwölf Monate zu lesen sein.

Kippt dagegen die Wachstumsdynamik im Datacenter-Segment, oder verzögert sich die Umsatzrealisierung aus dem Custom-Chip-Geschäft spürbar, dürfte die Bewertungsdiskussion neue Nahrung erhalten.

Ein wichtiger Termin, an dem Anleger neue Substanz erwarten können, ist der für den 6. Oktober angesetzte Investorentag, an dem das Unternehmen seine KI-Infrastrukturstrategie und die Roadmap für das Custom-Silicon-Geschäft im Detail erläutern soll.

Bis dahin dürfte der Markt jede neue Nachricht zur Google-Kooperation besonders genau daraufhin abklopfen, ob sie das Timing-Risiko bestätigt oder entkräftet.

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