Broadcom nach dem Marvell-Schock: Wie geht es für die Aktie weiter?
Veröffentlicht am: 20.08.2026 um 05:22 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ausgangslage
Broadcom-Aktionäre erleben derzeit eine der ungemütlichsten Phasen seit Monaten. Gestern rutschte die Aktie um 5,4 Prozent auf 310,40 Euro ab, binnen sieben Tagen summiert sich das Minus auf 14 Prozent.
Auslöser war eine Ankündigung des Konkurrenten Marvell Technology: Der Chiphersteller weitet seine Zusammenarbeit mit Google im Bereich kundenspezifischer Chips für das Tensor-Processing-Unit-Ökosystem aus.
Bemerkenswert ist die Struktur der Vereinbarung – sie beinhaltet Optionsscheine, mit denen Google Marvell-Aktien im Wert von bis zu 12,2 Milliarden Dollar zu einem Preis von 206,58 Dollar je Aktie erwerben kann. Damit könnte Google zum fünftgrößten Marvell-Aktionär aufsteigen.
Für Broadcom ist das mehr als eine Randnotiz. Das Unternehmen zählt zu den größten Anbietern kundenspezifischer KI-Beschleuniger und hat mit Google einen seiner wichtigsten Kunden in diesem Segment.
Der RSI von 33,5 signalisiert eine überverkaufte Aktie, der Kurs liegt inzwischen 8,6 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt und 28 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch vom Juni. Die Frage, die sich Anlegern jetzt stellt: Ist das eine überzogene Marktreaktion oder der Beginn einer strukturellen Verschiebung im Custom-Silicon-Geschäft?
Die entscheidende Frage
Der Kern der Debatte dreht sich um Googles Auftragsvergabe-Strategie. Bislang war Broadcom neben einem zweiten Anbieter der dominierende Partner für Googles TPU-Entwicklung.
Vertieft Google die Kooperation mit Marvell tatsächlich substanziell – über die reine Kapitalbeteiligung hinaus – oder handelt es sich primär um eine finanzielle Verzahnung, die operativ wenig an den bestehenden Auftragsströmen ändert?
Von der Antwort hängt ab, ob Broadcoms KI-Halbleitergeschäft, das im zweiten Fiskalquartal um 143 Prozent auf 10,8 Milliarden Dollar zulegte, sein Wachstumstempo halten kann oder ob Marktanteile schrittweise abwandern.
Bullisches Szenario
Für Optimisten spricht die schiere Größe des laufenden Geschäfts. Broadcom wies im zweiten Fiskalquartal einen Non-GAAP-Nettogewinn von 12.074 Millionen Dollar aus, die Adjusted-EBITDA-Marge lag bei 69 Prozent des Umsatzes.
Für das dritte Fiskalquartal stellte das Unternehmen einen Umsatz von rund 29,4 Milliarden Dollar in Aussicht – ein Plus von 84 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Sollte sich zeigen, dass Googles Engagement bei Marvell primär eine zusätzliche, nicht substitutive Auftragsvergabe darstellt, dürfte sich die aktuelle Kursschwäche als Übertreibung erweisen.
Institutionelle Investoren wie Sixth Street Partners, FMR und BlackRock bauten ihre Positionen im zweiten Quartal 2026 jedenfalls deutlich aus, was auf anhaltendes Vertrauen großer Kapitalsammelstellen hindeutet.
Bärisches Szenario
Die Risikoseite ist jedoch ernst zu nehmen. Neben dem Marvell-Wettbewerb belastet ein weiterer Faktor: Analyst Tom Curcuruto von Bank of America schätzte Mitte August, dass ein Finanzierungsvehikel für KI-Chip-Kunden bis Mitte 2029 auf ein Volumen von 370 Milliarden Dollar an vorrangigen Schulden anwachsen könnte, davon allein rund 150 Milliarden Dollar an Neuemissionen im Jahr 2027. Broadcom selbst haftet dabei nicht für die volle Summe, hat aber zugesagt, bestimmte Leasingverpflichtungen von Kunden abzusichern – ein Engagement, das im Fall einer Abkühlung der KI-Investitionswelle zum Belastungsfaktor werden könnte. Hinzu kommt eine aktiv ausgenutzte Sicherheitslücke in VMware vCenter, die laut Sicherheitsforschern kompromittierte Systeme in 47 Ländern betrifft, obwohl Broadcom bereits einen Notfall-Patch veröffentlicht hatte.
Auch Tiger Global reduzierte seine Broadcom-Position jüngst, während gleichzeitig die Intel-Position ausgebaut wurde – ein Signal für selektive Umschichtungen im Halbleitersektor.
Ausblick
Solange Broadcoms Kernkunden im KI-Beschleunigergeschäft ihre Bestellvolumina nicht sichtbar verlagern, dürfte die aktuelle Schwäche vor allem sentimentgetrieben bleiben – gestützt durch die überverkaufte technische Lage mit einem RSI unter 35. Verdichten sich dagegen Hinweise, dass Google seine Auftragsvergabe strukturell zugunsten Marvells verschiebt, würde das die Wachstumsstory von Broadcoms Custom-Silicon-Sparte ernsthaft infrage stellen.
Der nächste konkrete Prüfstein folgt zeitnah: Am 2. September steht der nächste Quartalsbericht an, der zeigen dürfte, ob die für das dritte Fiskalquartal in Aussicht gestellten Wachstumsraten Bestand haben oder ob sich erste Bremsspuren im Auftragsbuch zeigen.
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