Bayer Aktie: Kerendia springt um 83 Prozent
Veröffentlicht am: 05.08.2026 um 10:29 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Vor einem Jahr wollte kaum jemand Bayer-Aktien im Depot haben. Der Konzern galt als Sanierungsfall, belastet von Glyphosat-Klagen und Schulden. Wer trotzdem eingestiegen ist, hat gewonnen: Die Aktie legte binnen zwölf Monaten um 74,86 Prozent zu. Das ist mehr als eine technische Gegenbewegung. Es ist die Geschichte einer mühsamen, aber messbaren Wende unter CEO Bill Anderson. Der Leverkusener Konzern hat sich vom Prügelknaben des Index zu einem der auffälligsten Comeback-Kandidaten gewandelt.
Agrar treibt, Pharma wandelt sich
Lange wirkte Bayer wie ein Konzern, der über den Klagen das Wirtschaften vergessen hatte. Die Zahlen zum zweiten Quartal 2026 zeigen etwas anderes: Der Konzern ist operativ wieder im Spiel. Zwei Bereiche tragen diese Wende: das Agrargeschäft und eine neue Pharma-Generation.
Die Agrarsparte Crop Science bildet dabei das Rückgrat. Die US-Umweltbehörde EPA erlaubt das Herbizid Dicamba wieder. Das Glyphosat-Geschäft läuft robust. Das bereinigte EBITDA im Segment sprang um 30 Prozent auf 902 Millionen Euro. Preisdruck und Regulierung schaden dem Kerngeschäft offenbar weniger als befürchtet.
In der Pharmasparte vollzieht sich zeitgleich ein riskanter, aber nötiger Wandel. Die alten Umsatzbringer Xarelto und Eylea brechen weg, weil ihr Patentschutz endet. Xarelto verliert 42 Prozent, Eylea 33 Prozent.
Die neuen Hoffnungsträger füllen die Lücke: Nubeqa wächst um 66 Prozent, Kerendia sogar um 83 Prozent. Diese Verschiebung von alten zu neuen Wirkstoffen ist riskant, aber notwendig für die Zukunft des Konzerns.
Der Konzernumsatz bestätigt die gelungene Balance. Er blieb im ersten Halbjahr mit 24 Milliarden Euro stabil, ein Plus von 3,3 Prozent.
Schuldenabbau als Kurstreiber
Ein Kritikpunkt blieb über Jahre derselbe: die erdrückende Schuldenlast, ein Erbe der milliardenschweren Monsanto-Übernahme. Genau hier setzt Bill Anderson jetzt Rotstift und Schere an. Der Finanzinvestor Apollo steigt für 3 Milliarden Euro ins Verhütungsmittel-Geschäft von Bayer ein.
Das ist ein Signal an den Markt. Bayer trennt sich von Randbereichen, um die Nettofinanzverschuldung auf die Zielmarke von 29 bis 30 Milliarden Euro zu drücken. Diese Entschlackung zählt zu den wichtigsten Treibern der diesjährigen Kursrally.
Der 19. August: nächste Bewährungsprobe
Ganz beruhigt ist der Markt trotzdem nicht. Die Volatilität der Aktie liegt bei 61,79 Prozent – ein Wert, der zeigt: Anleger trauen dem Frieden noch nicht vollständig. Der Grund liegt, wie so oft bei Bayer, in den USA.
Ein Urteil des Supreme Court hat im Juni bereits Rückenwind im Glyphosat-Streit gebracht. Am 19. August folgt die nächste entscheidende Anhörung, diesmal in Missouri. Verhandelt wird ein Vergleich von bis zu 7,25 Milliarden Dollar, gestreckt über 21 Jahre.
Ein Erfolg vor Gericht könnte die Bewertungslücke schließen. Aktuell liegt der Kurs noch rund zehn Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 53,86 Euro. Scheitert der Vergleich, dürfte der Markt die Risikoprämie rasch wieder einpreisen.
Auch Analysten registrieren die Wende: Goldman Sachs bestätigte am Mittwoch ihr Kaufrating für die Aktie – ein Signal wachsender Zuversicht am Markt.
Bayer ist im Sommer 2026 nicht mehr das Unternehmen, das nur auf schlechte Nachrichten wartet. Operativer Schwung im Agrargeschäft und konsequenter Schuldenabbau haben ein Fundament gegossen, das trägt. Von den einstigen Bestwerten ist der Konzern dennoch weit entfernt. Am 19. August entscheidet sich in Missouri, ob dieser Vertrauensvorschuss hält. Bis dahin bleibt die Aktie ein Papier für Anleger mit starken Nerven – getrieben vom Feld, gebremst vom Gerichtssaal.
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